Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1887)
- Date
- 1887-01-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 ein fremdes Element und schloß sie möglichst vom nationalen, politischen und gewerblichen Leben aus. Noch einen Schritt weiter, als das Christenthum und der Islam neue religiöse Ansichten in die Völker des Abend- und des Morgenlandes verpflanzt und den Charakter der Ausschließlichkeit angenommen hatten, verkehrte man das Fremdartige in ein Feindseliges: es war jetzt die Religion, welche man in den Juden bekämpfte und möglichst zu vernichten suchte. In diesen einfachen Sätzen, in dieser Wandlung des Eigenartigen zum Fremdartigen und zum Feindseligen innerhalb der Anschauung der Völker liegt der Schlüssel zu der ganzen Geschichte der Juden von der Zerstreuung an bis zum heutigen Tage; dies bestimmte ihre Lage in den verschiedenen Epochen und bei den verschiedenen Völkern. Es kamen immer Zeiten, in welchen ein ihnen günstiger Geist obwaltete; es gab Fürsten und Völker, die ihnen freundlich gegenüberstanden. Im heidnischen Rom fand das Judenthum viele Freunde, unter den Großen)- wie im Volke, die sich ihm in engerer oder weiterer Weise anschlossen. Es nahm dies eine solche Ausdehnung an, daß Dichter zur Satyre ihre Zuflucht nahmen (wie Juvenal) und ernste Schriftsteller entstellende Ansichten zu verbreiten suchten (wie Tacitus), um die Römer davon zurückzuhalten. — Aehulich in der neueren Zeit. Als nach dem Ende der Religionskriege Gesetzlichkeit und Ordnung wieder einkehrten und die Sitten milderten, hörten auch die Verfolgungen der Juden auf. Aber an Milderung der drückenden Beschränkungen und Ausnahmen dachte man noch nicht; sie blieben ausgeschlossen von dem allgemeinen Culturleben, von der gewerblichen Thätigkeit, von allen Berufsarten. Da war es natürlich, daß das Feindselige zur Verachtung ward, man verspottete und verhöhnte sie, eine neue Mißhandlung — man trat sie nicht mehr in den Staub, aber man bewarf sie mit Staub. Aber wir haben ja in der Ueberschrift dieses Artikels „eine seltsame Veränderung" angekündigt? Wir wollen sie einfach ausdrücken: man ist aus der Verachtung zur Furcht übergegangen; man fürchtet die Juden oder verbreitet die Furcht vor ihnen, um mittels dieser die Bolksleidenschaft wider sie aufzuwiegeln. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts erhoben sich die Juden schnell zu dem Niveau der allgemeinen Civilisation; die Ghetti öffneten sich, die gesetzlichen Schranken fielen; alle Wege des geistigen und materiellen Lebens thaten sich für sie auf. Sie blieben nicht zurück. Die Tendenz, sich den Völkern anzupassen, das den Bedürfnissen und Bedingungen des nationalen, des politischen und socialen Lebens in ihrer Eigenart Widersprechende gaben sie nach und nach auf, oder sie machten wesentliche Fortschritte darin; die Zahl derer, die sich durch Streben und Thätigkeit Verdienste erwarben, wurde größer. Und da geschieht es nun gegenwärtig, daß man Furcht vor ihnen einzuflößen sucht. Wie ist dies möglich geworden? Durch zweifache Mittel. Zuerst durch die Solidarität, die man den Juden auferlegt hat. Alles, was einzelne Juden thun, wird sofort auf sie alle übertragen, natürlich zu allermeist im Bösen; alle üblen Eigenschaften, die man an Einzelnen gewahrt, werden Allen zugeschrieben. Das zweite Mittel ist die Uebertreibung und die verleumderische Anfeindung, welche alle Wahrheit entstellen. Es giebt eine Anzahl reicher Juden: sofort sind alle Juden reich, obschon tausende und abertausende von ihnen von der Hand in den Mund leben und sie die Kosten für ihren Cultus und ihr Armenwesen nur mühsam aufbringen können — und durch diesen Reichthum sollen sie den ausgedehntesten Einfluß ausüben. Man gewahrt einige Juden im deutschen Reichstage, im österreichischen Reichsrathe, in den italienischen, französischen und englischen Parlamenten, und sofort sagt man: sie beherrschen die Gesetzgebung zu ihren Gunsten. Eine kleine Anzahl sind Professoren an den Universitäten, unter den tausenden von richterlichen Beamten giebt es einige Juden, und alsbald behauptet man: sie „verluden" die Wissenschaft und den christlichen Staat. Unter den unzähligen Redakteuren findet sich ein Dutzend Juden, unter den Correspondenten, unter den Literaten, und man scheut sich nicht, zu behaupten, daß die ganze Presse und Literatur unter der Herrschaft der Juden stehe. Und so auf allen Gebieten, in allen Zweigen. Der Eine schreit: Finis Germaniae! der Andere: Finis Franciae! So scheut man sich nicht, die großen Culturvölker durch die Hand voll zerstreuter Juden beeinflußt darzustellen. Man schreibt diesen die ungeheuerlichsten Pläne zu: sie wollen eine Weltherrschaft für sich gründen und ausführen! Man sollte nicht meinen, daß solche Tollheiten Glauben finden können, und dennoch ist es so, und wenn man nicht Alles glaubt, so doch Etwas, und das ist genügend. Es wird ein Verein gegründet, der sich die Aufgabe stellt, die tief gesunkenen und tief gedrückten Glaubensgenossen im Oriente zu intellectueller, moralischer und gewerblicher Bildung zu erheben — und obschon diese Allianz unter 6 Millionen Juden kaum 20,000 Mitglieder zählt, in England und Oesterreich sich gesonderte Vereine bilden und Alles, was sie thun, in monatlichen und jährlichen Mittheilungen sorgfältig veröffentlicht wird, sagt man: Das ist ein Weltbund, um den Juden zur Weltherrschaft zu verhelfen! Zu diesem Ende schmiedet und verfälscht man Urkunden, die gar nicht vorhanden, oder 'deren Text völlig harmlos ist! Dies ist die seltsame Lage, in welche man gegenwärtig die Juden gebracht hat. An sich können wir, sollen wir einmal feindseliger Gesinnung gegenüberstehen, diese Lage mit einiger Befriedigung ansehen. Es ist doch weit vorzuziehen, sich fürchten als sich verachten zu lassen, fühlen wir uns auch in unseren heiligsten Gefühlen verletzt, wenn man uns als Menschenfeinde, als dem Vaterlande fremd gesinnt,