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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-12-26 · Heft 52 (26.12.1889) · p. Seite 825

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 52 (26.12.1889)
Date
1889-12-26
Page
Seite 825 (sequence 13)
Language
German
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825 rührenden Brief, den Berthold Auerbach im Namen der Juden dem parteilos, geschichtlich urteilenden Greise schrieb. Es sollten jene Thatsachen ein Signal sein, daß alle wissenden Freunde der Wahrheit ihr Scherflein dazu beitragen, daß die große Lüge der Antisemitenbewegung, denn es ist eine Lüge, ein Betrug, den die Nation an sich selbst verübt — allmählich als solche erkannt werde." Nachdem er hierfür einige Thatsachen angeführt, geht der Verfasser auf eine Anschuldigung ein, die damals von den Judenfeinden sehr lebhaft vorgetragen wurde und noch heute in gewissen Geschichtsbüchern betont wird, nämlich daß in die neuere Literatur durch die Juden der frivole, gegenstandslose Witz eingeführt und so die deutsche Literatur „verjudet" worden sei. Kirchbach behauptet das Gegentheil. Mit diesem Vorwurfe schlage sich diese germanische Race geradezu ins Gesicht. „Wir gleichen", sagt er, „dem Manne, der vor dem Spiegel steht und sich selbst eine lange Nase Zieht. Wir lassen die Juden entgelten, was unser eigenstes angeborenes Laster ist." Er behauptet: „Das eigentliche echte gesunde Judenthum, das nicht vom Stamme seiner Väter sich loslöste., das nicht dem Renegatenthume anheimfiel, ist von Natur eigentlich witzlos wie das Römerthum, wie das Slaventhum, wie der größere Theil orientalischer, gebildeter Völkerschaften. Der Witz und ganz besonders Wortwitz ist eine kerngermanische Fähigkeit und Neigung, je nachdem auch ein germanisches Laster." Dies sucht nun der Verfasser durch eine ausgedehntere Beweisführung Zu bekräftigen, in welche wir ihm unsrerseits nicht zu folgen brauchen. Er beruft sich aus Rabelais, Fischhardt und Shakespeare, auf die Sitte der Hofnarren und der Hanswürste, auf die Gewohnheiten der Germanen zusammen zu kommen und sich in Witzeleien zu ergehen, selbst auf das Schimpfen im Zorne u. s. w. Dem gegenüber, sagt er, ist das Judenthum eigentlich witzlos. Daß wir neuerdings journalistische Spaßmacher und Literaturnarren haben von jüdischer Abkunft, die dem Germanen abzulernen suchten, wie er sich räuspert und wie er spuckt, ist in der Beurtheilung der Frage, sofern man sie zur Stammesfrage gemacht hat, gleichgiltig." Der Jude, meint der Verfasser, ist von Natur pathetisch, auch in seinem Schmerz und in seinem Zorne bleibt er pathetisch, wie uns Alles beweise, was wir an Schriftthum von ihm übrig haben. Dagegen ist der Grieche gerade im Witz dem Germanen ebenbürtig, während der Römer ebenso witzlos sei wie der Jude. — Wir überlassen es den Philologen, die Ansicht Kirchbachs hinsichtlich der Griechen und Römer zu beurtheilen. Was seine Meinung über die Witzlosigkeit der Juden betrifft, so können wir ihm nicht ganz zustimmen. Um eine solche Negation durchzuführen, muß man eine genauere Kenntniß von dem betreffenden Volksleben besitzen. Es ist richtig, daß die Bücher der h. Schrift durchweg pathetisch sind und eben für! den Witz nur geringen Raum und Gelegenheit hatten. Demungeachtet fehlt es an diesem durchaus nicht, sobald man! ihn nur aufzufinden versteht. Wenn Simson das Räthsel aufgiebt: „Vom Fresser kam Speise, vom Gewaltthätigen j Süßes" (Richter 14, 14), so ist dies gewiß witzig, und nicht! minder, wenn Jotham die Bäume des Waldes den Dorn- - strauch zum Könige wählen und von diesem Feuer ausgehen; läßt, das den ganzen Wald verzehrt (Richter 9, 7). Man j höre den Propheten Elija die Priester des Baal verspotten,; welche vergebens diesen anriefen und um den Altar tanzten,! damit er Feuer vom Himmel sende, den Opferstier zu vermehren: „Rufet mit lauterer Stimme, denn er ist ja Gott,! denn er könnte im Nachdenken sein, er könnte bei Seite gei gangen, er könnte auf der Reise sein, vielleicht schläft jer, so wird er aufwachen." (1. Könige 1Ü, 27). Wie witzig ist die Ironie, welche Jesaias II über die Anfertigung von Götzenbildern aus Holz und Metall ausgießt, z. B. 44, 12 ff. Nicht minder prägt sich insbesondere bei Jesaias I die witzige Behandlung durch Alliterationen aus.^) In den Sprüchen Salomonis und in der Schilderung der Schönheiten im Hohenliede kommt nicht selten der Witz zu seinem Rechte. Der witzigste Zug heimlicher Rache bietet sich wohl im Buche Daniel, wenn der gewaltige Nebuchadnezar, der Jerusalem und den Tempel in Asche gelegt und mit seinem Schwerte die halbe Welt unterworfen, verurtheilt wird wegen seines Hochmuths, unter die Thiere des Waldes zu gehen und Gras zu fressen. Diese Beispiele mögen genügen. Jeder Sachverständige weiß, wie im Midrasch der Witz ein sehr häufiger, also gern gesehener Gast ist. Bei den späteren neuhebräischen Dichtern war das Sinngedicht beliebt. Aber am meisten spricht wohl gegen die These Kirchbachs jene Lust an witzigen Anekdoten, namentlich seitens der polnischen Juden, die in unzähligen Massen sich auch in Deutschland verbreiteten, so daß nach jeder Leipziger Messe die Heimkehrenden nach neuen witzigen Anecdoten gefragt wurden, die dann einen wohlgelittenen Gegenstand der Unterhaltung abgaben. — Wir können also nicht gerade behaupten, daß der Jude witzlos sei. Müßte ihm doch sein trauriges Geschick diese einzige Waffe des Schwachen und Wehrlosen von selbst in die Hand geben, und schließlich konnte er sich dem Beispiel des Germanen, dem er sich so gerne anschloß, wie die weite Verbreitung der deutschen Sprache bei den Juden auch in den entlegensten Ländern erreicht, nicht entziehen. So richtig also auch die Behauptung unsers Verfassers hinsichtlich der Germanen ist, so brachten doch die Juden in die moderne Concurrenz auch 9 Z. B. Jes. 5,?: npya n:ni np^b nstro ip”. — Oder 24, 17: yby nsi nriDi "D

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