Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1889)
- Date
- 1889-12-26
- Page
- Seite 823 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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823 bleiben dürfte, bis ein Wagen geholt worden sei, Abgabe von Verbandzeug und einer wärmenden wollenen Decke wurden ebenfalls verweigert, bis ein menschlicherer Dienstmann aus seiner in der Nähe sich befindlichen Wohnung das Nöthigste holte, um die Unglückliche gegen Sturm nud Schnee zu schützen. Sämmtliche Morgenblätter brachten diesen Vorgang zur öffentlichen Kenntniß und die allgemeine Entrüstung stieg in demselben Grade, in welchem sich die Sympathien für das muthige Mädchen an den Tag legten. In der gestrigen Sitzung des Gemeinderathes kam die Sache zur Sprache, der Bürgermeister verwahrte sich alsbald dagegen, daß irgend welcher Glaubenshaß dabei im Spiele gewesen, sondern daß allein die unselige und stupide Anwendung des Reglements, nach welchem die Kranken jeder Confession in ihrem eigenen Spital verpflegt werden sollen, an diesem „Mißverständlich" Schuld trage. Dabei kamen aber auch sehr wunderliche Dinge zu Tage, aus denen hervorgeht, daß die Gemeindebehörde in Amsterdam würdig wäre, in Schildburg und nicht in der Großstadt zu amtiren und zu wirthschaften. Man wird es z. B. für geradezu unglaublich halten, daß ein Schwerverwundeter, der nicht von einem Polizeisoldaten begleitet wird, kurzweg abgewiesen wird, ohne verbunden zu werden; ferner stellte sich heraus, daß das Wartezimmer gar nicht geheizt ist und daß der Assistenzarzt, der nach den Satzungen seines Austellungsbriefs die ganze Nacht wachen soll, die ganze Nacht schläft und dann im Nothfalle nach etwa 40 Minuten und in schlaftrunkenem Zustande erscheint. In Amsterdam ist es von jeher Brauch gewesen, daß zuerst ein die öffentliche Meinung beunruhigendes Unglück geschehen sein muß, ehe man die vom gesunden Menschenverstände und gebotenen Maßregeln ergreift. Selbstverständlich ist der unmenschliche Arzt, Di-. Ham, alsdann abgesetzt worden. Großbritannien. London, 14. December. Nach dem letzten Jahresbericht - der christlichen Gesellschaft zur Bekehrung von Juden in j England hat die Gesellschaft im vorigen Jahre 30,000 Pfd. St.! <600,000 M.) für Bekehrungszwecke ausgegeben und für diese! stattliche Summe 1, schreibe einen, Juden zum Uebertritt | gebracht.! Türkei. j Konstanlinopel, 12. December. Nach einer der „Pol.! Corr." aus Konstantinopel von „besonderer" Seite zugeheuden Meldung hat der Sultan in Folge der Berichte, die ihm! über die vor einiger Zeit stattgehabten Excesse der mohame-! dänischen Bevölkerung Bagdads gegen die dortigen Juden direct zugegangen sind, den Auftrag ertheilt, den gewesenen Generalgouverneur von Bagdad, Mustafa Assynu Pascha, der gegenwärtig die Stelle des Gouverneurs von Adana bekleidet, in Aklagezuftand zu versetzen, da derselbe angeklagt ist, die muselmanische Bevölkerung zu den Excessen gegen die Juden aufgemuntert zu haben. Ferner hat der Sultan die Entsendung einer Specialcommission nach Bagdad angeordnet, welche schon in den nächsten Tagen ihre Reise dorthin antreten soll, ' um an Ort und Stelle eine eingehende Untersuchung der er-! wähnten Vorfälle vorzunehmen und festzustellen, ob und welche Beamten ein Verschulden an denselben trifft. Daß die Bagdader Juden völlig schuldlos waren, geht hieraus klar hervor. Hoffen wir, daß die Commission von dem unparteiischen Geiste beseelt ist, von welchem sie abgesandt worden. Brasilien. Rio de Janeiro, im December. Aus Rio de Janeiro wird über Lissabon gemeldet, daß die provisorische Regierung von Brasilien ein Gesetz betreffend die „große Naturalisation" veröffentlicht hat. Darnach sind alle Fremden, außer wenn sie es ablehnen, vom Tage der Proklamirung der Republik brasilianische Bürger. Alle Fremden sollen nach zweijährigem Aufenthalte im Lande als brasilianische Bürger angesehen werden und alle bürgerlichen und politischen Rechte genießen, außer wenn sie es ablehnen. Hiermit ist die Gleichberechtigung aller Confessionen und die völlige Religionsfreiheit ausgesprochen. Bonn, 22. Dec. (Notizen.) Man schreibt uns aus Württemberg: In Winkersheim beging der israel. Lehrer- Frank sein 25jähriges Dienstjubiläum. An der Feier betheiligten sich außer der israel. Gemeinde alle evang. Lehrer des Bezirks, in deren Namen Dekan Kühn dem Jubilar gratulirte. In Poesie und Gesang wurde der Jubilar gefeiert; die israel. Gemeinde ehrte ihn durch ein werthvolles Geschenk. — Aus Pest wird uns geschrieben: Zn dem vom Maria-Dorothea-Berein hier errichteten, den 12. d. M. eingeweihten Heim der Gouvernanten und Lehrerinnen, hat Baron M. Hirsch 5000 Gulden gespendet, aus welchen die Kosten der inneren Einrichtung bestritten wurde. Ob der Verein wohl je einer jüdischen Lehrerin Asyl bieten wird? Graf Abraham Camondo, der Chef des bekannten gleichnamigen Bankhauses, ist am 14. d. M. in Paris gestorben. Wien, 18. Dec. (Literarische Notizen.) Der um die Geschichte und Literatur der spanisch-portugüsischen Juden so viel verdiente Herr l)r. M. Kayserling hat soeben eine sehr bedeutende Arbeit veröffentlicht, die abermals ein Zeug- 52*