Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1889)
- Date
- 1889-12-26
- Page
- Seite 822 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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822 an die Seite jener rohen Unduldsamen zu stellen, an die Seite jener moralisch Verwilderten, welche unserer Zeit den Stempel vergangener Jahrhunderte aufzudrücken suchen." Den von den Antisemiten anläßlich der Leichenfeier Anzengrubers beabsichtigten Ausschreitungen wurden von der Polizei verhindert. Wien, 16. December. Der Streit zwischen den beiden antisemitischen Parteien nimmt drastische Formen an. So depeschirt man vom 14ten: Zwischen den deutschnationalen und den schwarzgelben Antisemiten kam es heute Nacht in Mariahilf zu Schlägereien, wobei der fanatisch antisemitische Abg. Pattai Rippenstöße erhielt. Drei Verwundungen und mehrere Verhaftungen kamen vor. In einer andern Depesche heißt es: Zwischen den Anhängern Schönerer^ und den schwarzgelben Antisemiten Pattai's kam es Nachts nach aufgelöster antisemitischer Versammlung zu blutigen Excessen, weil die Schöneriauer Landesverräthcr geschimpft wurden. Es fanden drei Verwundungen durch Messerstiche statt. Ein Statthaltereibeamter wurde verhaftet. Wien, 17. Dec. ^Privatmitth.) Also die beiden antisemitischen Parteien, die „Schwarzgelben" unter Dr. Pattai, und die „Schwarzweißen" unter Schönerer, jene österreichischpatriotisch, diese deutsch-national gesinnt, in offener Fehde, in Straßenaufläufen und Faustkämpfen! Gemeinheit und Haß auf beiden Seiten, gestern gegen die Juden, heute gegen einander noch viel ärger wüthend. Näheres wird in folgender Weise beuchtet: Am Freitag hatten die „Deutsch-Nationalen" in der „Schönen Schäferin" in Mariahilf eine Versammlung einberufen, um über Pattai zu Gerichte zu sitzen. Dieser aber war mit seinen schwarzgelben Anhängern erschienen, und da er über die große Mehrzahl verfügte, konnte er die Versammlung der Gegner Hintertreiben. Es wurde nun ein „geselliger Abend" von den Siegern veranstaltet, nach dessen Schlüsse es zwischen ihnen und den draußen wartenden Deutschnationalen zu Thätlichkeiten auf der Straße kam, bei welcher u. A. der Gemeiuderath Vetter von einem Menschen, der sein Schuldner ist, geohrfeigt wurde (eine recht eigen* thümliche Art der Schuldabtragung) und mehrere „Schwarzgelbe", sowie ein zur Ruhe mahnender Polizeiinspector von einem anderen Burschen Messerstiche erhielten. Da wurde denn endlich die Straße energisch gesäubert und der Krawall beendigt. Es ist begreiflich, daß diese Art des Verkehrs der sog. „Vereinigten Christen" untereinander die Väter der antisemitischen Bewegung tief betrübt. So jammert das „Vater-! land": „Wenn Etwas im Stande ist, den gesetzlichen und berechtigten Widerstand des christlichen Volkes gegen die Judenherrschaft bei allen anständig denkenden und gesitteten Menschen in Mißcredit zu bringen, so ist es die unsägliche Rohheit und Gemeinheit derjenigen deutsch-nationalen Fanatiker, welche sich vom „Deutschen Volksblatt" inspiriren lassen. Die Messeraffaire, welche diese Leute gegen die patriotisch gesinnten Antisemiten, die Anhänger des Dr. Pattai, aufgeführt haben, ist ein schlagender Beweis dafür. Wer mit diesen Leuten in Verachtung des Christenthums und Oesterreichs nicht durch Dick und Dünn geht, der muß auf die brutalsten Angriffe, sei es mit der in Koth getauchten Feder, sei es mit dem Messer, gefaßt sein." Das „Vaterland" trifft vielleicht in der Abschätzung der Charakereigenschaften der „deutsch-nationalen Fanatiker" ziemlich das Richtige; nur vergißt es, daß es selbst und seine Freunde mit den Leuten, denen es heute unsägliche Rohheit und Gemeinheit nachsagt, bis vor Kurzem zusammeugegangen ist und es sich deshalb gefallen lassen muß, nach der Regel beurtheilt zu werden: „Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich sage Dir, wer Tu bist." In gewissem Sinne aber hat das klerikalfeudale Blatt Recht: die Mariahilfer Skandale klären auch Denjenigen über den Antisemitismus auf, der bisher etwas Gutes an ihm gefunden haben mag. Die Wirkung wird sich in Wien höchst wahrscheinlich recht bald bemerkbar machen. Wien, 17. December. Die antisemitischen Abgeordneten der deutschmationalen Fraction veröffentlichen eine Erklärung, worin sie lebhaft bedauern, ehemals mit dem Abg. Pattai, dem Führer der „schwarzgelben Antisemiten", der Anhänger besitzt, die gewaltthätig gegen die Deutschen vorgingen, in Berührung gekommen zu sein. Die Spaltung unter den hiesigen Antisemiten ist so groß, daß sie selbst behufs Wahlen sich nicht wieder zusammenfinden können. Holland. Amsterdam, 12. Dez. Welche sonderbare, veraltete und verwerfliche Zustände in der Stadt Amsterdam noch vorhanden sind, davon giebt folgender Vorfall ein betrübendes Zcugniß. Am vorigen Montag fand ein heftiger Brand statt. Ein Fräulein Katlenburg, die sich in das brennende Haus ihres Vaters begeben hatte, um ihren Bruder zu retten, hatte dabei sehr erhebliche Brandwunden bekommen. Nur im Nachtgewand und mit einem Mantel bedeckt, den ihr ein Polizciagcnt übergeworfen, wurde sie auf einem Handkarren von ihrem Oheim in das städtische Krankenhaus gebracht, um die nöthige erste ärztliche Hilfe zu erhalten. Aber der wachthabende Assistenzarzt, der übrigens schlief, verweigerte jedwede Hilfe, und überwies das bewußtlose Mädchen nach dem israelitischen Krankenhause, wiewohl ihr Oheim dringend bat, wenigstens einen Nothverband anzulegen. Der unmenschliche Arzt entfernte sich, ohne ein Wort zu sprechen und verweigerte sogar die Erlaubniß, daß die Verwundete - wenigstens so lange in dem Wartezimmer des Krankenhauses