Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1889)
- Date
- 1889-12-26
- Page
- Seite 821 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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821 Friedhof hier beerdigt. Dem TrauerakLe wohnten Freunde und Gesinnungsgenossen, Vertreter der Industrie- und Handelsweet in reicher Zahl an. Kirchenrath Dr. Wassermann hielt die Grabrede, in welcher er die Verdienste Neuburgers in warmen Worten schilderte. Conrad Haußmann widmete Namens der Volkspartei dem Heimgegangenen Gesinnungsgenossen, dem überzeugungstreuen Kämpfer für Recht und Freiheit einen tiefempfundenen Nachruf und legte einen Lorbeerkranz auf das Grab. Weitere Kränze wurden unter entsprechenden Worten niedergelegt, Namens der Handels- und Gewerbekammer, des Gewerbevereins, der Freimaurerloge, des Vereins für den Fremdenverkehr rc. Vor und nach den Reden sang der Synagogenchor. Dem „Beob." entnehmen wir noch folgende Angaben über den Verstorbenen: Gewandter und umsichtiger Geschäfts- und Fabrikleiter, hat er durch seine Wirksamkeit vormals in seiner Heimath Ulm, seit Jahren zu Stuttgart in Verbindung mit der Salacher Fabrik seines Hauses, dabei von regem Antheil für die Fragen des öffent* lichen Lebens die Anerkennung weitester Kreise seiner Mitbürger gefunden. Hier wie dort ward er von ihrem Vertrauen wiederholt zu bürgerlichen Ehrenämtern berufen und seit geraumer Zeit in die officielle Vertretung des Handels¬ und Gewerbestandes gewählt, wo er mit dem ihm eigenen Verständniß für praktische Vorschläge und zweckmäßige Reformen in rastloser Regsamkeit sich unbestrittene Verdienste um das Gemeinwohl erworben hat. Der Sache politischer Freiheit von Jugend an ergeben, ist er seiner Ueberzeugung bis in die Tage seines Krankenlagers treu geblieben. In den heißen Wahlkämpfen und Siegen von 1868 war es den Parteien beider Lager gleicherweise bekannt, welche Kraft die Ulmer Volkspartei in Max Neuburger besaß, und zu Stuttgart in der Parteileitung, welcher er ununterbrochen angehörte, war das Wort und der Rath des kundigen Mannes geschätzt und von Bedeutung. Liebenswürdig und gewinnend im Umgang, anregend und witzig im geselligen Verkehr, besaß er überall Freunde und wohl keinen persönlichen Feind. Nun ist der Nimmermüde, nach manchen Schmerzen dieses Herbstes, am Ruhetag seiner Confession zur Ruhe gegangen. Die Freunde und Parteigenossen werden ihm ein treues Andenken bewahren. Saarlouis, 13. December. Man schreibt der „Franks. Ztg.": Anknüpfend an den im heutigen zweiten Morgenblatt Ihrer geschätzten Zeitung enthaltenen Artikel über den Ausschluß der Inden vom Officiercorps gestatte ich mir, Ihnen in Nachstehendem eine Thatsache zu berichten, die zwar älteren Datums ist, aber deshalb nichts an Actualität verloren haben dürfte. Im Jahre 1861 trat bei dem damals hier garnisonirenden Hohenzollern'schen Füsilier-Reg. Nr. 40 der Sohn einer hiesigen, hochangesehenen israelitischen Familie zur Ableistung seiner Dienstpflicht als Einjahrig-Freiwilliger ein. Nach Ablauf der Dienstzeit und nach Absolvirung der vorgeschriebenen Dienstleistungen wurde er zum Vicefeldwebel befördert und schließlich, nach Ablegung der Officiersprüfung, im Jahre 1864 zur Wahl als Reserveofficier vorgeschlagen und vom Officiercorps auch gewählt. Dennoch wurde der Beförderungsvorschlag an höchster Stelle abgelehnt. Da diese Ablehnung nicht von Motiven begleitet war, so muß der Grund derselben wohl oder übel in der Religionsangehörigkeit des Aspiranten gesucht werden, und zwar schon deshalb, weil jede andere Bermuthung, der ganzen Lage der Sache nach, völlig ausgeschlossen erscheint. (Das Resultat dieser und anderer Nachrichten ist, daß alle militärischen Instanzen an dem Ausschluß der Juden vom Officiercorps betheiligt sind. Red. d. A. Z. d. Jud.) Oesterreich-Ungarn. Wien, 10. December. Im Gemeinderathe kam es heute wieder zu einer erregten Debatte. Es handelte sich um die Veranstaltung von Festlichkeiten im großen Festsaale des neuen Rathhauses. Die Antisemiten hatten vor Kurzem beantragt, ein großes christlichpatriotisches Fest im Festsaale abzuhalten, wogegen die gemeinderäthliche Commission nur die Abhaltung eines Bürgerballes beschlossen und das Princip aufgestellt hatte, daß im neuen Festsaale nur von der Stadt veranstaltete Festlichkeiten stattftnden sollen. Lueger hielt unter Beifall der Galerien wieder eine stark antisemitische Rede, deren Tenor dahin ging, daß es den Juden noch immer nicht gelungen ist, Wien zu entchristlichen. — Bürgermeister Prix drohte, da das Galeriepublikum den Redner wiederholt stürmisch acclamirte, mit Räumung der Galerien. Lueger fuhr fort und sagte, daß der projectirte Bürgerball ein Judenball werde, da nur Juden ein hohes Entree zahlen könnten. — Frauenberger (liberal) besprach die Thatsache, daß Wien zurückgehe und schob die Schuld den Antisemiten in die Schuhe. Schließlich wurde der Commissionsantrag angenommen. Wien, 12. December. (Privatmitth.) Den verstorbenen österreichischen Dichter Anzengruber reclamirten die Antisemiten als ihren Gesinnungsgenossen. Gegen diesen Versuch nahm Ganghofer in seiner Grabrede energisch Stellung. Er sagte: Der edelsten Richter vom Geiste Einer, blank sein Schild, scharf seine Wehr, rein sein Wappen, so steht sein Bild vor unserer Seele und mit zornigem Staunen müssen wir jenes traurigen Muthes gedenken, mit dem sich die Verleumdung heranwagte an seine Sohlen. Er, der einen „Pfarrer von Kirchfeld" schuf, er sollte das Ergebniß seines i Lebens mit eigener Hand zerstört, verlästert haben, um sich 52