Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1889)
- Date
- 1889-12-26
- Page
- Seite 820 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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820 % eiluiiq >vxacfyiicijYc^. Deutschland. Breslau, 18. December. (Privatmitth.) Am 13. December fand hier vor der Strafkammer ein Vorgang statt, der sicherlich bis jetzt einzig in seiner Art und kaum jemals zu erwarten war. Ein jüdischer Kaufmann war des Betruges und der Urkundenfälschung angeklagt. Die Verhandlung war eine langwierige, da der Staatsanwalt eine Menge von Beweisen für den bösen und der Angeklagte eine noch größere Menge von Beweisen für seinen guten Leumund antrat. Eine ganze Reihe von Zeugen beschworen, daß sie von dem Angeklagten in der uneigennützigsten Weise bedient worden und von ihm die größten Bortheile erhalten hatten, ohne irgend eine Forderung seinerseits. Der Gerichtshof sprach den Angeklagten frei mit der Begründung, es seien weder die Merkmale des Betruges, noch die der Urkundenfälschung vorhanden. Der Staatsanwalt hatte natürlich die Anklage aufrecht erhalten, wenn er auch die Behauptung der Urkundenfälschung fallen ließ. Da schickte nun der Staatsanwalt seinem Plaidoyer Bemerkungen voran, die gewiß unerhört sind. Er ging von der Behauptung aus, daß von den unter Anklage gestellten christlichen Betrügern ein Fünftel freigesprochen wird, dagegen von jüdischen Betrügern an fünfzig Procent. Ist diese Behauptung richtig, so wird man dafür, wenn man unbefangen urtheilt, naheliegende- Gründe finden. Der Breslauer Staatsanwalt weiß es anders, er erachtet, daß sich unter den jüdischen Betrügern ein ganz bestimmter Typus befindet, der unentwegt nach einem bestimmten Schenra handelt. Dies besteht darin, daß der Betrüger in vielen Fällen durchaus loyal zu Werke geht und sich dadurch Zeugen für seinen guten Leumund schafft, dann aber sich beschränkte Leute aussucht, die er zu seinen Opfern macht. Es versteht sich, daß er in dem Angeklagten einen solchen Typus fand. Wir haben hier nur die Quintessenz dieser Auseinandersetzung angeführt, welche in jeder antisemitischen Versammlung ihren angemessenen Platz gehabt hätte. Der Vorsitzende des Gerichtshofes ließ diese geradezu uriqualisicirbaren Aeußerungen ohne jede Erwiderung, und der Vertheidiger drückte nur sein Staunen aus, solche Ausführungen, die in eine antisemitische Volksversammlung paßten, vor einem Richtercollegium im Gerichtssaale gehört zu haben. Und doch wäre die Widerlegung so leicht gewesen. Leumundszeugen sind allerdings von Wichtigkeit; wenn aber kein Beweis für den Betrug und für die Urkundenfälschung erbracht werden kann, so ist das Leumundszeugnis ohne Belang. Das ganze Schema, welches der Staatsanwalt ausgewittert hat, wäre also factisch von! sehr zweifelhaftem Werthe. Es versteht sich, daß dieser Boe- > gang in weiten Kreisen Aufsehen und in nicht wenigen Entrüstung hervorgerufen hat, Folgen für den Urheber desselben wird er wohl nicht haben. Hannover, 12. December. Das Compromiß, welches die Deutsch-Socialen (Antisemiten) den hiesigen Conservativen zur Aufstellung eines gemeinsamen Candidaten für die Reichstagswahl angeboten haben, ist von der conservativen Partei abgelehnt worden. Der hierüber gefaßte Beschluß lautet: Die conservative Partei in Hannover hält sich an das von der Gesammtleitnng der deutsch-conservativen Partei wiederum vereinbarte Cartell so lauge gebunden, als es von nationalliberaler Seite gewissenhaft gehalten wird, insonderheit auch gegenüber den Herren v. Hammerstein, Stöcker, Kleist-Retzow und anderen auf dem rechten Flügel der conservativen Partei stehenden Mitgliedern. Aus Württemberg, 10. December. (Privatmitth.) Der Verein zur Unterstützung von Wittwen und Waisen armer israelitischer Lehrer und Vorsänger Württembergs veröffentlicht in dieser Woche den Rechenschaftsbericht über die 10. Rechnungsperiode 1. April 1886—80. Der Mitglieder stand des Vereins hat sich gehoben, sowohl in seinen außerordentlichen Mitgliedern (148), welche vornehmlich die Hauptstadt Stuttgart stellt, als in den ordentlichen (57), dem Lehrerstand angehörigen. Der verstorbene Particulier H. B. Goldschmidt in Stuttgart bedachte den Verein mit einem Legat von 2000 Mark. Ihre Majestät die Königin gewährt dem Verein ebenfalls eine jährliche Unterstützung; auch der deutsch-israelitische Gemeiudebund läßt ihm freundliche Beihilfe zu Theil werden. Der Verein erhielt innerhalb der drei Jahre 1886—89 aus den Gemeinden des Landes 5658 M. und vereinnahmte an Zinsen 3864 M., so daß der Verein an Wittwen verstorbener Lehrer in dieser Periode 4360 M. Unterstützung verwilligen konnte. Das Vereinsvermögen hat um 5176 M. zugenommen und beträgt jetzt 35,216 M. Sr. K. Majestät haben dem israelitischen Kirchen- und Stiftuugspfleger Herrmann in Freudenthal die goldene Civil- Verdienstmedaille verliehen. Die kürzlich in Stuttgart verstorbenen Lieberschen Eheleute haben der israelitischen Centralkirchenkaffe ein Legat von 5000 M. mit der Bestimmung hinterlassen, daß die Zinsen hieraus alljährlich an bedürftige israelitische Familien in Württemberg zu vertheilen sind. Stuttgart, 16. December. Vor einigen Tagen verstarb hier zu allgemeinem Bedauern der Commercienrath Max I. Neuburger und wurde heute Vormittag auf dem Prag-