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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-12-26 · Heft 52 (26.12.1889) · p. Seite 818

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 52 (26.12.1889)
Date
1889-12-26
Page
Seite 818 (sequence 6)
Language
German
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818 führte mich häufig auf den Oelberg zum „Kreuzwegbeten" und zeigte mit den Fingern auf die „Stationsjuden", die fürchterliche Gesichter schnitten, wobei sie bisweilen das bekannte Lied anstimmte: „O Sünder, wach' auf! Geh' mit mir spazieren; Will dich zum Kreuzweg führen! u. s. w." Wiederholte Wallfahrt nach Judenstein machte tiefen Eindruck, steigerte Augst und Furcht vor den Juden. Dann kam die Schule, die Geschichte des bitteren Leidens und Sterbens unseres göttlichen Heilandes. Nicht einem meiner Lehrer an der Volks-, Mittel- und Hochschule ist es beigefallen, etwa zu sagen: „Die Kreuzigung unseres göttlichen Erlösers und Herrn war ein Justizmord, welcher zunächst und hauptsächlich auf das Kerbholz dessen zu schreiben ist, der das jus glaclii hatte, und das hatte nicht der Jude, sondern der oberste Landesbeamte des römischen Kaisers. Freilich haben auch die Juden mitgethan und mitverschuldet, hauptsächlich deren oberste Hierarchen, die, wenn damals eine gewisse Zeitung existirt hätte, von derselben „Staatspfaffen" titulirt worden wären, soferne ja die damaligen hohen Priester der Juden mehr oder weniger Creaturen Roms waren und sein mußten. Daß auch aus dem Volke das „Kreuzige ihn!" laut geworden, ist nicht zu verwundern, zumal das Volk von jeher diejenigen, die es am besten mit ihm gemeint, auf den Wink seiner selbstsüchtigen Führer hin, verlästert und gepeinigt hat?) Zudem darf gerechter und billiger Weise die jetzige Generation für die Thaten eines längst vergangenen Geschlechtes nicht verantwortlich gemacht werden." Solches und Aehnliches habe ich in der Schule niemals gehört. Der Mittelschule folgte sofort mein „theologisches Studium." Kirchengeschichte und Kirchenrecht eröffneten den Reigen. Der Docent war ein gutmüthiger alter Herr, aber unfähig, selbständig zu urtheilen. Was ihm die Compeudien vorsagteu, erzählte er nach, und die Compendien erzählten bloß das, was die Juden den Christen angethan, aber nie das, was die Christen den Juden angethan. Letzteres wurde geflissentlich verschwiegen, darnieder Theolog eine „feste, gute Richtung" erhalte, d. h. eigentlich recht einseitig werde. So ausgerüstet, trat ich in die Seelsorge und in dem Stadium muß man froh sein, wenn man das Eingepaukte nicht vergißt. Zum Selbststudium fehlt in der Regel Zeit und Anregung. Nunmehr ist das Factotum gewissermaßen das Vorlese- und Lehrbuch, die Zeitung. i) Wir brauchen nicht zu bemerken, daß wir auch das Letztere nicht gelten lassen können, wie wir in nuferer bekannten Broschüre erwiesen haben. Red der A. Z. d. Jnd. i Der Geistliche setzt voraus, daß seine Zeitung nur Bei gründetes und Wahres bringen könne, er nimmt an, daß der Zeitungsschreiber sein Gedrucktem gründlich durchstudirt und deshalb glaubt er ihm meist ains Wort. Unsere, d. h. die von uns Geistlichen gelesenen Zeitungen traten nun gleich nach dem ersten Auftauchen dem modernen Antisemitismus j auf die Seite der Antisemiten und stimmten rückhaltlos in!das Hepp! Hepp! Die unleugbar u Miß- und Uebelstände, welche zum Theil Christen und Juden verschuldet haben, wurden letzteren allein zugeschoben, der Jude wurde einzig und ausschließlich Sündenbock für Alles. Nun, die Hand ans Herz, meül Lieber! Du warst selbst Zeitungsschreiber. Kannst Du in Wahrheit sagen, daß Du! eine jede Materie, über die sich Dein Blatt verbreitet, gründl'Iid) durchstudirt? Nein! und abermals nein! Und geradeso! steht es mit unseren Zeitungsschreibern. Ich wette hundert j auf eins, daß sie die Schriften der Antisemiten kaum eingej sehen, geschweige durchstudirt haben. Denn wie könnten sie sonst mit einem Fritsch und Frei Hand in Hand gehen? Sie, die sich als Säulen der Kirche betrachten, während die Urheber und Führer des Antisemitismus — die „sieben bebarteten Arier" — die Fundamente der christlichen Religion untergraben. Die „sieben Väter" des Antisemitismus lacbten sich in die Faust, als sie die willige und blindlings geleistete He erfolge der „Ultramontanen" und „Klerikalen" vor An\m hatten. Während sie bona Me, im Interesse der Relinon, wie sie meinten, das „esse äeleuäos" schrieen, ist den Urhebern und Führern des Antisemitismus nicht bloß das Christenthum absolut gleichgiltig, sondern im Grunde genommen gerade so verhaßt als wie das Judenthum. Tolle! lege! schriebst Du. Tollebam, legebam et dokbain." Hier folgen Schilderungen, wie die Antisemiten von Gott, dem Alten und Neuen Testament, den Patriarchen, Jesu u. s. w. sprechen und schreiben uio dessallsige Citate, die wir, da sie bekannt genug sind und ihrer blasphemischen Weise wegen hier nicht wiedergeben mögen. Das Schreiben fährt dann fort: „Ich habe noch viel anderes, vom Standpunkte dee Christenthums aus betrachtet, höchst verwerfliche in den Schrü teu der „Väter des Antisemitismus" gesunden, indeß genü w das Gesagte zur Beantwortung Deiner Frage: „Kann it katholischer Geistlicher mit den Antisemiten Hand iu Heed gehen? Nie und nimmer. Sohin hast Du, alter Freund! Dein Auftreten gegen die Antisemiten nicht zu bereuen nd es steht zu hoffen, daß Episcopat und Primat adv ns liaeresin antisemit. becretiren werden. Schließlich bw uge ich, daß ich während meiner ganzen Lebenszeit von seinem Juden bin angeschmiert worden. Und wäre es geschehen, .so hätte ich Raison genug, nicht zu generaUjiren und zu

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