Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1889)
- Date
- 1889-12-26
- Page
- Seite 817 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227824--46743-3266325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
817 für ihre endgültige Naturalisation ein. Sie werden also gute Bürger der Vereinigten Staaten werden. Wien, im Dezember. Die Stellung des katholischen Klerus;um Antisemitismus. Die Nachricht, die aus Paris berichtet wurde, der gegenwärtige Papst Leo XIII. habe die Widmung eines Buches zweier fanatischer Antisemiten, einer von ihnen der berüchtigte Drumont, eines Buches, in welchem sogar der rituelle Mord behauptet wird, angenommen und den Verfassern durch seinen Staatssecretär nebst seinem Danke den apostolischen Segen ertheilt, hat wahrhaft verblüffend auf uns gewirkt. Denn dieser diplomatisch vorsichtige Mann trat hiermit den Bullen mehrerer hervorragender Päpste geradezu entgegen, welche jenes schändliche Märchen als solches brandmarkten und verwarfen. Jndeß sind wir des Zwiespaltes hinsichtlich der Juden innerhalb des katholischen Klerus längst gewohnt. Eine ganze Reihe von Kirchenfürsten und Würdenträgern der katholischen Kirche, vor Kurzem erst ein päpstlicher Nuntius, hat sich in humanster, wohlwollendster Weise, jeder feindseligen Haltung gegen die Bekenner des Judenthums abhold, ausgesprochen, während zahllose Hetzkaplänej gegen uns wütheten, das Volk aufhetzten oder wenigstens eine, gehässige Stimmung hervorzubringen suchten und den kathoj lischen Priester Rohling feierten. Sahen wir doch bei den! Pöbelaufläufen gegen die Juden in Rußland bald Popen,, welche die zusammengeströmte Masse zu Gewaltthaten an-- feuerten, bald andere Popen mit dem Kruzifixe in der Hand,! den Plünderern entgegentreten und sie zu Ruhe und Frieden! auffordern. Unter diesen Umständen fiel uns ein Artikel als! beachtenswerth auf, der in Nr. 5 der „Zeitschrift zur Bekämpfung des Antisemitismus", die in Linz a. d. Donau in zwanglosen Heften herausgegeben wird von Dr. C. v. Kißling, unter obiger Aufschrift erschienen ist. Nach der Bemerkung des Redacteurs ist er ein Schreiben des Pfarrers S. von U. an einen Mitarbeiter. Wir haben in ihm keine bloßen Phrasenj vor uns, sondern es wird eine Menge Thatsächliches ange-! führt, das uns einige Aufklärung über die verschiedene Stellungnahme des katholischen Klerus gewährt. Wir geben deshalb den Artikel hier wieder, um auch unsererseits zur Verbreitung desselben mitzuwirken. „Alter Freund! i Als Du mir vor ein paar Jahren Deinen Entschluß,! wider die Antisemiten zu schreiben, mitgetheilt, habe ich Dir^ offen und unverblümt meine, wie ich glaubte, unwiderlegbaren! Bedenken vorgetragen. „Wie?" sagte ich, „Du, ein Geistlicher — willst wider die Antisemiten zu Gunsten der Juden schreiben, die in unserer Charfreitags-Liturgie als „perfidi“ bezeichnet sind, Du, der ein ganzes Menschenalter hindurch Kirchengeschichte vorgetragen und alljährlich das „Oäiurn dudaeoruiu" als „impedimentum“ der Ausbreitung des Christenthums hingestellt, Du, der Du die kanonischen Satzunger^bezüglich des Judenthums in Dein Handbuch des Kirchenrechtes ausgenommen hast, Du willst nun auf einmal, nach so vielen Jahren, Dich selbst desavouiren, willst Israel als das unschuldig verfolgte Lämmlein hinstellen, willst mit Deiner ganzen Vergangenheit brechen?" So schrieb ich Dir. Du beantwortetest mein Schreiben mit einem Packete antisemitischer Druckwerke und den zwei einzigen Worten: „Tolle! lege!“ Nimm und lies! Und ich las und studirte die namhaftesten Schriften der hervorragendsten Urheber und Vertreter des heutigen Antisemitismus, die eines Dühring, Fritsch, Naüth, Frei u. a. m. und schrieb Dir nach meiner Lectüre: „Du hast recht, der heutige Antisemitismus ist eine der gefährlichsten Häresien, so jemals aufgetaucht. Den Beweis hierfür könnten wir durch Anführung zahlloser Stellen aus den antisemitischen Schriften erbringen, die jedoch, weil mitunter entschieden tlasphemisch, nicht wörtlich mitgetheilt werden dürfen. (Lergl. Dühring S. 40, 41, 57 u. a.; Nauth S. 17, 20 ff. u. s. w.) Auch die Schattirungen des Antisemitismus bergen in sich mehr oder weniger Grundirrlehren, namentlich die, daß „die moralische Seite des Menschen dem Blute entstammt." Ist nun dem so, involvirt der Antisemitismus fundamentale Irrlehren, so hat sich der katholische Klerus, als von Gott bestellter Hüter der Religion, ihm gegenüber gänzlich ablehnend zu verhalten. Da giebt es weder Transaction noch Paetirung, sondern nur unbedingte Repudiation, welche auch durch den Hinblick auf die Praxis, nämlich das Gebahren der Antisemiten, gefordert ist, denn Verleugnung des Christenthums in Theorie und Praxis ist die Signatur desselben. Wo steht aber nun der Großtheil unserer lieben Consratres? Offen und rückhaltslos herausgesagt: Er steht auf Seite der Antisemiten, die sich an manchen Orten „vereinigte Christen" nennen. Wie kommt das? Höre die Antwort. Meinen verehrten Confratres geht es genau so, wie es mir selbst ergangen ist. Schon als kleiner Bub lernte ich von meiner Umgebung den Juden als Wauwau betrachten, vor dem man sich wie vor dem Gottseibeiuns zu hüten habe. Meine Base, die nach dem frühen Tode meiner Mutter für mich Alles war?