Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1889)
- Date
- 1889-12-26
- Page
- Seite 814 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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814 eine den Juden ungünstige Gesinnung, namentlich in gewissen Kreisen der sog. gebildeten Welt noch vorherrschend. Sie ist eine Pflanze alter Zeiten, die noch immer ihre Existenzkraft sich erhalten hat, und bald mehr, bald weniger zu Tage tritt. Sie zu beseitigen ist die Aufgabe der Zeit, und man weiß ja, wie das große Schiff der Menschheit bald vorwärts eilt, bald rückwärts strebt, dennoch aber durch allen Wechsel höheren Zielen nahe kommt. So mögen wir mit Zuversicht auch in die uns bevorstehenden Zeiten eintreten, unseres Berufes gewiß und mit dem ernsten Willen, ihm getreulich anzuhängen. Der Wandel. Ich sehe euch, geknechtete und mißhandelte Männer und Frauen, Greise und Kinder, mit erhobenem Haupte über die Fluren von Mizor und den geebbten Boden des Schilfmeeres in die Wüste ziehen, welche eine ganze Generation verzehren wird. Ich sehe euch, ungeübte Krieger, über die canaanitischen Völker mit ihren Königen siegen, das verheißene Land euch aneignend, ein Jahrtausend hindurch gegen Feinde von nah und ferne, auch gegen Egypter, Assyrer und Chaldäer vertheidigen, einen herrlichen Tempel auf Morijah, einen glanzenden Thron auf Zion errichten; ich sehe euch die Pflugschaar ziehen, die Dattel, die Feige,, die Olive und Granate pflegen, die Traube keltern und das Vieh züchten, daß man von euch sagen konnte: „Röthlich die Augen vom Weine, weißlich die Zähne von Milch." Wie ihr da, gefesselt und gefangen, an jenem Hügel bei Ramah vorüberzieht, aus welchem Jeremias seine Klagegesänge vernehmen läßt! Aber im Exil bestandet ihr erst recht die Probe, und Tausende von euch kehrten festen Glaubens in das verödete Vaterland, in die zertrümmerten Städte zurück. Ja, da hattet ihr den Muth und die Kraft, Alles wiederherzustellen und auszubauen und weiter zu gestalten, und den Geist in euch zu stärken, denen siegreich entgegen zu treten, welche die Religion des einzigen Gottes vernichten wollten. Von den Höhen und aus den Schluchten eurer Berge stürztet ihr, eine kleine Zahl, auf die übermüthigen Heere, welche schon die eisernen Ketten mit sich führten, in die sie euch schlagen wollten und in die sie nun selbst geschlagen wurden. Aber Viele waren nicht zurückgekehrt, hatten sich heimisch gemacht, wo sie waren, Gemeinden gebildet und Betstätten errichtet, wo sie die heilige Urkunde des Gesetzes und deren Auslegung hörten. Allmälig wunderten auch aus Palästina, theils auf das Gebot siegreicher Despoten, theils aus eigenem Bedürfniß, zahlreiche Haufen in die fremden Länder, wo sie bald zu den fleißigsten und mäßigsten Bewohnern gehörten. Und als nun der furchtbare Schlag getroffen, als die goldenen Zinnen des Tempels in Asche sanken, unter denen die letzten Streiter Juda's begraben lagen, als die Uebriggebliebenen theils als Sclaven verkauft, theils als Flüchtlinge in alle Länder Zerstreut wurden, fanden sie aller Orten bei ihren Brüdern Aufnahme und Unterstützung, daß sie nicht untergingen. So sehe ich euch denn ansässig in allen Welttheiten, allmälig von Land zu Land wandernd, immer aber im Gefolge der Civilisation, der ihr euch anschmiegtet, weil sie eurer eigenen Natur und euren Ueberlieferungen entsprach. Aber kaum waren einige friedliche Jahrhunderte vorübergefloffen, das Alterthum mit seinem in religiösen Dingen duldsameren Geiste war untergegangen, ein neues Völkergeschlecht war siegreich hereingedrungen und neue Religionen, aus der eurigett entsprungen, hatten ihre Standarten auf den Trümmern der alten Welt aufgepflanzt — da änderte sich abermals euer Geschick. Die freie Stellung, die euch gewährt war, wurde vom Geiste der Unduldsamkeit beseitigt; ihr wurdet in immer engere Schranken gebannt, euer Leben mißhandelt durch Druck und Spott. Aber, wie das Herz erzittert! dieser Druck ward zur Verfolgung, zur Verbannung, zur Ausrottung . . . nein, nein! nicht zur Ausrottung, dies gelang selbst den fanatischesten Feinden nicht — eine schützende Hand war über euch gebreitet, die euch von den Ufern des Nils und von den Ufern des Euphrat hinausführte zur Rettung, sie öffnete euch immer wieder Zufluchtsstätten, eure Feinde konnten zwar diese und jene und recht viele einzelne Gruppen treffen, viele Scheiterhaufen entzünden — doch ihr wohntet ja in allen Ländern, und so wäret ihr in dem anderen geschützt, wenn ihr in dem einen verfolgt wurdet. Ueber alles Mißgeschick aber half euch der Heldenmuth hinweg, den ihr in eurem Geiste trüget. Wie sollte es auch anders sein? Euer ganzes Wesen war mit der Religion des Einzigen, war mit den überlieferten Satzungen so Eines geworden, daß sie unlösbar von einander waren, daß ihr um eurer Religion willen alle Leiden ertragen und selbst den Tod erdulden muhtet. Zeiten der Ruhe kamen, wo die Völker zwar die Lasten, die sie euch aufgebürdet, nicht von euren Schultern nahmen, den Druck noch ferner übten und die Schranken aufrecht erhielten, hinter welche sie euch abgeschlossen, doch aber euch in Frieden ließen und Leben und Eigenthum auch für euch gesichert war. Aber konnte wohl der Geist der Humanität und der Gerechtigkeit für immer nur in der Idee vorzüglicher Menschen leben, für immer der Wirklichkeit fern bleiben? Der Mensch ist zur Entwickelung bestimmt, und diese kann zwar hier und da eine Zeit lang, jedoch niemals und nirgends