Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- Seite 810 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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810 nicht auf den harten Boden, er fällt auf den Rücken der wilden Hunde. „Gelobt sei Gott, Hans, Du bist auf dem Stamme Judas. Und geht Dein Wunsch in Erfüllung, daß mich zerreißen die Wölfe, so bist Du bei mir!" So der Jude. Der Bauer that einen Fluch nach aufwärts und einen nach abwärts, und dann Hub er an kläglich zu schreien. Der nächste Waldbestand gab ihm Antwort, sonst blieb Alles still weitum, und es kam keine Hilfe. Die Leute von der Stübau waren längst draußen beim Thalwirth und tanzten in Heller Lust. „Du mußt Dir's bequemer machen, Nachbar," sagte der Jude, „hebe Dich weiter herauf zu mir, die Ungeheuer werden bleiben die ganze Nacht!" „Gott verdamm's! Gott verdamm's!" knirschte der Hans, der sich zitternd an den Aesten festhielt und die Beine um Stamm geschlungen hatte, so weit sie reichten. Von jetzt an kehrte er alle Schimpfworte gegen die Wölfe und keins mehr gegen den Juden. Es begann zu nachten. Die Dämmerung wurde zeitweilig durch Blitze unterbrochen, die allmählich auch den Donner aufweckten. „Heute wird wieder eine Nacht zum Judenpeitscheu!" näselte der Gauschel, anspielend auf die unwirthlichen Sturmnächte, in denen Bauernrotten von Haus zu Haus zogen, um etwa beherbergte Israeliten mit Knütteln und Peitschen auszutreiben. Und in der That, das Gewitter ließ nicht lange auf sich warten. Während unten die Ungeheuer schnobend de» Baum belagerten, auf welchem sie gute Beute wußten, kamen da oben die Habichte geflattert, die den Baum gespensterhaft umkreisten, und brauste der Sturm heran. Man hörte ihn zuerst rauschen drüben in den Waldungen, dann sah man ihn beim Schein der Blitze Staub und Sand aufwirbeln über die Heide her, und jetzt — jetzt war er da. Mit Macht faßte er den einzelnstehenden Kieferbaum und rüttelte, daß die Aeste ächzten, und auch die Menschen, so daran hingen. „Klaue Dich fest, mit Häud' und Fuß'!" rief der Jude dem Bauern zu und langte mit der Hand nieder, um den Hans am Arm festzuhalten. Mit vieler Mühe zog er ihn hinan zu sich, wo das Astwerk dichter und schützender war. Da schoß auch schon der Regen und Hagel nieder in das Gezweige, blendende Blitze zerrissen die Nacht und zeigten auf Augenblicke den wilden Aufruhr. „Und wird er wahr, Dein Wunsch," sagte der Jude, „daß mich erschlägt der Donner, so bist Du bei mir." Die wilde Gewalt der Elemente steigerte sich, der alte Baumstamm bebte in seinem Grund und krachte und wollte brechen. Die beiden Männer sahen die Todesnoth, sie kauerten neben einander auf schwankenden Aesten und beteten laut — jeder zu seinem Gott. Aber dieser Gott übertönte mit der zornigen Stimme seines Donners die zagenden Gesellen. Und am Fuße des Baumes heulten die Wölfe. Der Regen währte fort, und als Beide bis auf die Haut durchnäßt waren, suchte der Jude aus seinem Sacke eine Branntweinflasche hervor, trank daraus und wollte sie auch dem Hans zum Trünke reichen. Diesem klapperten vor Frost und Angst die Zähne, aber er trank nicht. Endlich wurde er ganz still und stak wie halbtodt in der Gabel zweier Aeste. Als der viel zähere Jnde sah, es bedürfe seinerseits nur eines kleinen Ruckes und der Feind läge unten, die Wölfe befriedigten ihren Hunger, würden sich dann verlieren und er wäre gerettet — als der Jude das Alles so erwog, was that er? Er nahm noch einen scharfen Schluck aus seiner Flasche und — flößte auch dem Hans Branntwein in den Mund, so daß dieser wieder ein wenig zu Kraft und Muth kam. Hansens Stellung war eine so gefährliche, daß ihn der Jude immer wieder halten und stützen mußte, sollte er nicht jeden Augenblick in die Tiefe stürzen. Und als die Wetter endlich vertobt hatten, als nur noch der eisige Hauch wehte, die Wölfe unten an dem Stocke des Dorfrichters nagten und sich dabei gräulich balgten und bissen — da faßte der Jude Gauschel den Dorfrichter fest an der Hand und sagte: „Hans Holler! Der Christ und der Jude, Du und ich, wir sind Feinde auf den Tod. Dein Gott ist Gott der Verzeihung; der meine ist Gott der Rache," wie Ihr zu sagen pflegt. „Mach's kurz, Jud, mach's kurz!" stöhnte der Dorfrichter, „ich weiß, was ich von Dir zu erwarten habe und daß bei Euch keine Barmherzigkeit ist!" „Hans Holler," sagte der Jude, „meine Mutter ist gewesen ein Menschenweib und Deine Mutter ist auch gewesen ein Menschenweib. Ihr habt mein Volk verhetzt und verfolgt seit alten Tagen. Die wilden Hunde, die der Mensch gezähmt hat und gehegt, die sind geworden seine treuen Hausfreunde; die er verfolgt hat und verhetzt, die sind geblieben wilde Hunde und der Menschen Feind. Du hast meinem Stamm den Untergang geschworen, aber ich tödte Dich nicht, Du wirst morgen wieder der mächtige Mann sein, und ich der verhaßte Jude, den Ihr peitschet, aber ich tödte Dich nicht. Meine Mutter ist gewesen ein Menschenweib. Weiter hat der Jude nicht gesprochen und auch der Hans Holler hat kein einziges Wort gesagt. Sie saßen fiebernd beisammen auf dem Baum die ganze Nacht. Der Gauschel hatte sein Bündel geöffnet, um mit dessen Lappen sich und seinen Nachbar vor dem ärgsten Frost zu schützen. „Ich bin solche Nachtherbergen wohl gewöhnt," sagte er, „aber der Herr Richter mag daheim haben ein besseres Bett." Und als es Morgen ward und die lieben Vöglein wach wurden im Walde, als draußen im Thale die Heerden aus-