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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-12-19 · Heft 51 (19.12.1889) · p. Seite 809

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 51 (19.12.1889)
Date
1889-12-19
Page
Seite 809 (sequence 13)
Language
German
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809 allein mit seinem stattlichen Stocke vom Nachmittagsgottesdienst aus der entfernten Kirche heimging. Er mußte durch den Göllenwald wandern und kam auf die Haide hinaus, wo nur wenige Stämmchen der Lärche standen. Und zwischen diesen Stämmchen hindurch erblickte er nun einen Juden. Der war auf dem Grase gehockt und hatte eben mit Buch und Band Religionsübungen gepflogen. Als er nun den stattlichen Mann gewahrt, hatte er sein Bündel alsogleich fest an sich gerissen und war in seiner flatternden Kutte dahingehuscht. Der Richter setzte ihm nach und rief — so gut es der Athem erlaubte — allerlei fromme Wünsche aus: „ Gauschel N) Schielendes Jüdel! Du Rabenbraten, wenn ich dich bei deinem Geißbart ertappe! — Daß dich die Pest verkoche! Leuteanschmierer! Lauter erstunkene Waar' hast in deinem Bündel! — Der Türk soll dich spießen, Gauschel! Der Donner soll dich erschlagen! — Meinen Haushund hast mir vergeben (vergiftet), das zahl' ich dir! Mit Zinsen zahl' ich dir's, Jud! Wucherseel'! — Daß dich die Wölfe zerreißen! — Auskommst du mir nicht heut', und wenn dir dein Gott Jsak's und Jakob's zehnmal —!" Beim Gott Jsak's und Jakob's war nun zwar der Hans Holler arg über eine Baunrwurzel gestolpert, aber er war schon so nahe hinter dem Juden, daß dieser sah, es gäbe kein Entkommen mehr, noch mehrmals um ein Bäumlein tänzelte, dann einer alten Rothkiefer zulief. Die Rothkiefer stand mitten auf der Haide und reckte ihre knorrigen, zuhalb dürren und zuhalb buschigen Aeste hoch und wild in den Himmel hinein. Der Baum war weit und breit zu sehen in der Gegend und oft umkreisten Habichte seine struppigen Kronen. Es ging auch eine Sage, daß die Hexen, wenn sie dem Blocksberge zuritten, auf dieser alten Kiefer Rast hielten, daß der Baum hohl sei und sich der Antichrist in demselben verborgen halte, bis einst ein Blitzstrahl in denselben fahren und den Antichrist loslassen würde. Und was derlei Glaubensartikel der guten alten Zeit mehr waren. Diesem Baume strebte das verfolgte Jüdlein zu und in der Angst behendig wie ein Eichhörnchen kletterte es mitsammt dem Bündel den Stamm hinan. Hoch hinan von Ast zu Ast, bis es sich oben im dichten Reisergeflechte verkroch und verwob. Der Ortsrichter von Stübau blieb verwundert stehen, dann sagte er: „Ist mir schon recht das, ist mir recht! Jetzt kommst mir nimmer aus, Jud! Bist schon hin." Machte aber keine Miene nachzuklettern. „Ich warte nur und halte hier Wacht," fuhr der Bauer in offener Darlegung seines Planes fort, „bis die übrigen Stübauerleut' aus der Kirche kommen, dann wollen wir dich schon salben, aber nicht so, wie der Samuel den Saul gesalbt hat! — Sie werden bald da sein." Da stand nun der ehrsame Hans am Baum zur Judenwacht und hielt den Stock fest in der Hand. Er wartete auf die Leute seines Dorfes, die den Kirchweg zurückkommen sollten, aber immer noch nicht in Sicht waren. Es war sehr still auf dieser Heide, gar sonntägig still, nur ganz in der Ferne hörte man Hundegebell. Der Jude oben, welcher sich eine Weile gar ruhig verhalten hatte, that jetzt den Mund auf und rief aus seinem Geäste herab: „Mir träumt, der Herr Richter steigt heut' auch noch herauf zum Gauschel!" „Dem Juden nachsteigen!" knurrte der Großbauer, „daß mich Gott behüte! Wir kriegen Dich schon anders herab, mein koscherer Gesell. Wir wollen einmal eins drunterheizen!" „Gott meiner Väter!" ächzte oben der kleine Alte und zog die Beine ein, als empfinde er jetzt schon den sengenden Qualm. Allmählich hatte sich der Himmel grau umzogen und die Waldgegend in der weiten Runre lag schier düster da und eine schwere Stimmung verkündete den nahen Abend. Der Hans Holler stand an der Kiefer und schaute verdrießlich nach den Leuten aus. Allein getraute er sich mit dem Juden, der jetzt eine vortheilhafte Stellung hatte, nicht fertig zu werden. Sollten sie just heute den viel weiteren Thalweg gewählt haben? Daß nur der Teufel an diesem Tag beim Thalwirth gerade eine Tanzmusik geben muß! Da sind stundenweit um alle Beine verhext und finden sich nicht heim. „Herrgott Sabaoth, sie kommen!" rief der Jude u c dem Baum. „Na, Gott sei Dank!" athmete der Hans Holler aus, aber als er sah, wer da kam, stieß er einen kreischenden Schrcckruf aus und schoß in rasender Angst um den Baum herum. Die Wölfe kamen, ein ganzes Rudel — pfeilschnell stoben sie, nach einem Sonntagsbrateu lechzend, über die Heide heran. Da wurde der stattliche, sonst so würdevolle Dorfrichter behendig, wie eine Wildkatze kletterte er den Stamm empor in's Astwerk — und jetzt waren die Bestien auch schon unten. Sie umkreisten den Stamm, sie heulten, daß es Einem das Ohr zerriß, sie scharrten an der Baumrinde und bissen wüthend hinein und thaten, als wollten sie's versuchen mit dem Klettern. „Schön guten Abend, Hans Holler!" spottete der Jude. Dem Dorfrichter verging fast Hören und Sehen. Gerade über seinem Haupte hockt der Gauschel, einen einzigen Fußtritt braucht's und der Hans liegt unten — aber er fällt i) Soll wohl heißen: Gerschel. Red.

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