Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- Seite 807 (sequence 11)
- Language
- German
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807 men. Freilich im Laufe der Zeit hatten die Verbannten Juden am Wohnen in Spanien nicht viel verloren. Holland, England und selbst die türkischen Länder boten ihnen ganz andere Lebensbedingungen, als sie in Spanien behalten hät> ten, wo sie mit dem gesammten Volke in Armuth und Elend gerathen wären. — Die iberische Halbinsel befaßt auch das portugiesische Königreich, und hier haben die Juden seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts allmählich eine neue Heimstätte gewonnen. Namentlich in Lissabon ist eine sehr zahlreiche, in Oporto eine kleine Gemeinde vorhanden. Die frühere Unduldsamkeit, welche von Spanien nach Portugal importirt worden war, ist längst einem besseren Geiste gewichen und wir haben uns über irgendwelche wesentliche Beschränkung dort nicht zu beklagen. Die Mehrzahl der Juden in Lissabon stammt aus Marokko und der Berberei. Die Ursache dieses freieren Geistes rührt wohl davon her, daß Portugal, ein verhältnißmäßig schmales Küstenland, mit den cultivirteren europäischen Völkern, mit Engländern, Holländern und Franzosen in steter Berührung blieben. Machten doch die meisten Schiffe bei weiteren Fahrten in Lissabon Station. Aber auch Portugal theilte das Schicksal, seine große südamerikanische Colonie zu verlieren, und in diesen Tagen kehrte die portugiesische Herrscherfamilie, welche in Brasilien regierte, ihres Thrones verlustig, nach Lissabon zurück. Und auch Portugal und Spanien sind stark von republikanischen Elementen durchsetzt, und namentlich Spanien, das seitdem der erste Napoleon seine gierigen Hände nach ihm ausstreckte, fast unaufhörlich von politischen Gährungen ergriffen und erschüttert worden, scheint am Vorabend neuer revolutionärer Bewegungen zu stehen und bietet deshalb keinen behaglichen Aufenthalt dar. Türkei. Constantinopel, 8. December. (Privat-Mitth.) Die Pforte macht endlich in ihrem officiellen Journal bekannt, daß der Gouverneur von Bagdad (nicht abgesetzt) nach Adana versetzt worden und der Gouverneur von Adana nach Bagdad. Ferner wurden auf Befehl aus Constantinopel die meisten inhaftirten Israeliten ohne Caution in Freiheit gesetzt, doch von der Anklage noch nicht freigesprochen. Es bekundet sich in diesen Maßnahmen ganz wieder der Charakter der gegenwärtigen türkischen Regierung. Sie steht unter zwei Einflüssen: dem muselmännischen Fanatismus und der Rücksichtnahme der Stimmung auf Europa. Aus der Gleichzeitigkeit beider Strömungen erklärt sich die Halbheit aller ihrer Maßnahmen, die bei genauerer Prüfung nur den Schein der Gerechtigkeit tragen, während sie im Grunde den Zelotismus der Türken bethätigen. Dahin gehört die Freisprechung des verbrecherischen Mussa Bey, die sog. Amnestie für Kreta, durch welche nur diejenigen unbehelligt bleiben, welche an dem Aufstande garnicht betheiligt waren, und das Verfahren in Armenien. Ob dies zur Stärkung der türkischen Herrschaft gereicht, kann man füglich bezweifeln. Denn schließlich wird keine Partei befriedigt, keiner der vorhandenen Gegensätze abgeschwächt. Die Dinge nehmen eben ihren nothwendigen Verlauf. Bonn, 15. Dec. (Notizen.) Man schreibt uns aus Offenbach, 6. Dec. vr. I. Goldschmidt, bisher großh. Oldenburger Landesrabbiner in Hoppstädten, ist zum Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde gewählt worden. — Die „Voss. Ztg." berichtet: Dr. Georg Jellinek, der seine Professur des Staatsrechts an der Wiener Universität jüngst niedergelegt hat, weil man ihm nicht hinreichend zu thun gab, ging, wie aus Wien berichtet wird, damit um, als Privatdocent in den Lehrkörper der Berliner Universität einzutreten. Er bereitete schon seine Habilitation vor. Neuerdings aber ist er von der Universität Basel zum ordentlichen Professor berufen worden, vr. Jellinek entstammt einer alten österreichischen Gelehrtenfamilie; sein Vater, Adolf Jellinek, ist ein Orientalist von Ruf, (wie ängstlich vermeidet der Berichterstatter das Wort „Jude"! Es handelt sich um den hochverehrten jüdischen Prediger vr. Jellinek in Wien und dessen Sohn. Red.) Ein Oheim von ihm, Hermann Jellinek, der über Philosophie, u. A. über Uriel Acosta schrieb, wurde gemeinsam mit Robert Blum 1848 in Wien standrechtlich erschossen, vr. Georg Jellinek ist seit 1878 mit Schriften an die Oeffentlichkeit getreten. Sein Erstlingswerk handelt von Goethe's Beziehungen zu Spinoza; seine späteren Schriften betreffen durchweg Gegenstände aus der Lehre vom Staatsrechte. Die wichtigsten davon sind: „Die rechtliche Natur der Staatenverträge" (1800), „Die Lehre von den Staatenverbindungen" (1882), „Oesterreich-Ungarn und Rumänien in der Donaufrage" (1884), „Ein Verfassungsgerichtshof für Oesterreich" (1885), „Gesetz und Verordnung" (1887). vr. Jellinek ist seit 1880 Docent, seit 1884 bekleidet er eine Professur. Er steht jetzt im 39. Lebensjahre. — Man schreibt uns aus Groß-Strelitz, 3. Dec. Unter einer ungewöhnlichen Betheiligung aller Gesellschaftskreise und Bevölkerungsclassen wurde am gestrigen Montag der im Alter von fast 66 Jahren an einem Herzschlage verstorbene König!. Commissionsrath, Kreistagsabgeordneterund Rathsherr Jonas Gr ätz er zu Grabe getragen. Derselbe war gleichzeitig Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, Mitbegründer des israelitisch-oberschlesischen Gemeindebundes und vieler anderer Gesellschaften und Vereine. Grätzer war streng religiös und wegen seines rechtlichen, bescheidenen Sinnes und seiner fast rührenden Anspruchslosigkeit in allen Kreisen angeieben