Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- Seite 806 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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806 ches er 1879 an den König Humbert von Italien gerichtet, um diesen zu überreden, die Anerkennung Rumäniens ausznsprechen, auch wenn die Bedingung der Gleichberechtigung der Confessionen und Nationalitäten nicht beachtet werde. Er motivirt dies natürlich durch eine schmähliche Schilderung der Juden. Die italienische Regierung beachtete dieses Schreiben Rosetti's nicht und der König beantwortete es nicht, aber das Beispiel Englands und Frankreichs ließ auch sie die Anerkennung aussprechen. Durch diese Acten ist wenigstens die Darstellung als der Wahrheit entsprechend erwiesen, welche in diesem Blatte über den damaligen Hergang der Dinge wiederholt gegeben worden ist. Spanien. Madrid, 8. Dec. (Privatmitth.) Ich habe jüngst fast ganz Spanien durchreist und bin selbst nach Tanger und Tetuan hinüber gekommen; so bin ich im Stande, Einiges zu berichten und etliche allgemeine Bemerkungen daran zu schließen. Man hat seit einiger Zeit die Ansicht verbreitet, daß Industrie und Handel, landwüthschastliches und städtisches Gewerbe in Spanien jüngst einen bedeutenden Aufschwung genommen und zu den besten Erwartungen Raum geben. Dies ist nicht ganz unrichtig, und wie sollte es auch 1 möglich sein, daß ein großes und zum Theil sehr fruchtbares Land an dem allgemeinen europäischen Fortschritt keinen Antheil nehme; von den betheiligten europäischen Staaten aus muß auch das lässigste und zurückgebliebenste Volk in den raschen Aufgang hiueingezogen werden. Daß dies bei den Spaniern ein Erwachen von Innen heraus, ein Entfesseln der schlummernden Kräfte bedeutet, davon habe ich mich bis jetzt nicht überzeugen können. Wohin man in Spanien kommt, mit Ausnahme von Madrid und Barcelona, gewahrt man nichts als Stillstand und Verfall, Reste alter Kunst und alten Reichthums, aber auch diese Reste trümmerhaft und dem Untergang allmählich entgegengehend. Was nun Marokko betrifft, so könnten wohl einige See- und Hafenstädte, z. B. Tanger selbst, einer europäischen Großmacht Eigenthum werden, ob Spaniens, ist nach Lage der Dinge sehr zweifelhaft. Aber das Innere dieses gebirgigen Landes ist von einem wilden, barbarischen, zu Mord und Raub stets bereitem und fanatischem Volke bewohnt, welches der Herrschaft einer europäischen Macht unüberwindliche Schwierigkeiten bereiten würde. Starke Heere würden nothwendig sein, um diese wilden Stämme in Unterwürfigkeit zu erhalten. Hat doch selbst Algerien für Frankreich die außerordentlichsten Opfer an Blut und Geld gekostet und die Eingeborenen Algeriens waren noch lange nicht so kräftig und zahlreich wie die marokkanischen Horden. Für unsere Glaubensgenossen ist, obschon sie schon , seit so vielen Jahrhunderten dort ansässig sind, kein Heil zu - erhoffen; sie müßten, was auch schon vielfach geschieht, nach; dem Nordwesten des Landes ziehen, um von da über das Meer auszuwandern. — So ist auch in Spanien für eine größere Zahl unserer Glaubensgenossen kein Raum. Das Volk ist noch zu bigott, um Andersgläubige ungestört in seiner Mitte bestehen zu lassen, und andererseits liegen Handel und Gewerbe so darnieder, und in den unteren Schichten des Volkes herrscht so große Armuth, daß an ein gedeihliches Fortkommen Fremder nur mit seltenen Ausnahmen zu denken ist. Sie wissen, daß vor einigen Jahren einige Männer für die Einwanderung von Juden in Spanien schwärmten; aber nach den ersten Versuchen mußten sie einsehen, daß hierfür keine Mittel vorhanden und die Schwierigkeiten nicht zu überwinden sind. — Sie berichteten vor einiger Zeit, daß Juden von portugiesischem Ritus in NewHork den Gedanken angeregt haben, im Jahre 1892 die vierhundertjährige Entdeckung Amerikas mit einer großen Feier zu begehen. Für uns Juden hat aber dasselbe Datum eine traurige Erinnerung, da gerade, als Columbus mit seinen drei Schiffen von Spanien abfuhr, jenes schändliche Edict Ferdinands und Jsabella's erschien, welches sämmtliche Juden, wenn sie sich nicht taufen ließen, aus ihrem bisherigen Vaterlande verbannte. Dies war für Spanien selbst ein verhängnißvoller Wendepunkt. Denn einerseits dehnte sich das spanische Reich in kurzer Zeit in ungeheuerlichem Maße aus, so daß innerhalb seiner Grenzen die Sonne nicht unterging; andererseits aber wurde durch die Verbannung der Juden und bald auch der Mauren, ferner durch die starke Auswanderung nach den neu erworbenen Colonien und durch die unaufhörlichen Kriege, welche die spanischen Herrscher zur Aufrechterhaltung ihrer politischen Macht führten, Spanien in wachsendem Maße entvölkert; endlich wurde durch Ferdinand und Jsabella die fanatische Bigotterie, die unbeschränkte Herrschaft des Clerus, die grausame Verfolgung aller Arten von Ketzern für Spanien hergestellt und so eine Geistesknechtung erwirkt, welche alle Kräfte des begabten Volkes lähmte. Die Folgen blieben nicht aus, und sehen wir uns das jetzige Spanien an, so hat es mit geringen Ausnahmen alle seine überseeischen Besitzungen verloren und die europäischen ganz und gar. Vermochte es doch nicht einmal jene starke Festung an seiner Südspitze den Engländern wieder abzunehmen. Die von seinen eigenen Söhnen bevölkerten Colonien machten sich unabhängig. Wohin nun die spanische Herrschaft gekommen war, worauf sie ihre knechtende Hand gelegt hatte, da verjagte sie die friedfertigen und wehrlosen Juden aus ihren Heimstätten, so z. B. aus Neapel, Sicilien und Belgien. Dies ist nun alles anders geworden, und selbst in jene amerikanischen, vom spanischen Joche befreiten Länder können gegenwärtig unsere Glaubensgenossen frei einziehen und werden gern aufgenom-