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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-12-19 · Heft 51 (19.12.1889) · p. Seite 805

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 51 (19.12.1889)
Date
1889-12-19
Page
Seite 805 (sequence 9)
Language
German
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805 zen Tag hindurch angewohnt. Er lobt die Angemessenheit des Tempels, die BeredLsamkeit des Großrabbiners, die gut geschulten Chöre, den talentirten Vorbeter. Dagegen schüttet er die Schale des Tadels über die Haltung der anwesenden Gemeinde aus. Er sagt: „Der Lärm der Unterhaltungen war fortwährend. Männer, Frauen und Kinder hörten nicht auf zu schwatzen. Die weltlichsten Gegenstände wurden besprochen. . . . Wie läßt es sich begreifen, daß in einer der Hauptstädte der Welt der gebildetste und civilisirteste Theil einer Bevölkerung so mit Herzenslust den feierlichsten Gottesdienst profanirt? . . . Selbst nicht gegen Ende des Gottesdienstes wurden Schweigen und Ordnung beobachtet, während der wenigen Minuten, welche dem Schluß, Schema Israel, vorangehen: es wurde noch lauter gesprochen und man zeigte seine fieberhafte Ungeduld, das Gebäude zu verlassen; als das Schofar sich hören ließ, war der Tempel halb leer. .. . Jeder functionirende Cultusbeamte sollte nach meiner Meinung unter solchen Verhältnissen den Gottesdienst unterbrechen, um entweder Schweigen zu erzielen oder das Heiligthum zu verlassen. Es scheint, daß man in Paris an solche Sitten gewöhnt ist, so daß Niemand sich mehr darüber aufregt." Daß diese Schilderung richtig sei, gestehen die Arch. isr. zu, ja sie fügen die Bemerkung hinzu, daß es in den übrigen Städten Frankreichs nicht besser sei. Selbstverständlich beklagen die Aroh. isr. diesen Zustand sehr. Diese Unanständigkeit ist aus dem früher einzigen Pariser Tempel, dem Consistorialtempel in der Rue Notre Dame de Nazareth in die neuen großen Synagogen eingezogen, wo sie die Entschuldigung beschränkter Räumlichkeit nicht hat. Die französischen Synagogen haben es also nicht verstanden, jenen Makel von sich zu entfernen, der der Synagoge den Titel „Judenschule" zugezogen hatte und der in Deutschland beinahe vergessen ist, weil er in großen und mittleren Gemeinden längst nicht mehr zutrifft. Bekanntlich kann da, wo dieser Unfug eingerissen ist und wo es keine Instanz giebt, um ihm Einhalt zu thun, der bessere Theil des Publikums gegen den anderen größeren und ungenirten nichts ausrichten. Aber giebt es denn in Frankreich keine Instanz, die auf eine Besserung hinzuarbeiten die Macht und deshalb auch die Pflicht hätte? Wozu, frägt man, dient denn der große Apparat von zehn Consistorien und einem Centralconsistorium, den Großrabbinern derselben, den Gemeinderabbinern, den Synagogencommissionen u. s. w., wenn sie nicht einmal die erste Bedingung eines Gottesdienstes, Ruhe, Ordnung und Weihe herbeizuführen vermögen? Haben denn etwa unsere Weisen es unterlassen, die Andacht und die Innigkeit als die erste Bedingung des Gebetes hinzustellen? Und wenn man sich anhält, den geringsten Minhag zu beobachten und aufrecht zu erhalten, warum ist man so gleichgültig gegen die Beobachtung jener obersten cultuellen Regel? Strenge Verordnungen und unnachsichtliche Ausführung derselben würden in kurzer Zeit einen besseren Zustand herbeiführen. Italien. Rom, 7. Dec. (Frkf. Ztg.^ Der Großrabbiner von Jerusalem, Josef Arvas, welcher sich nach Europa begeben hat, um bei seinen wohlhabenden Glaubensgenossen eine Collekte zum Bau eines jüdischen Krankenhauses in der heiligen Stadt zu machen, ist vorgestern vom König Humbert in einstündiger Audienz empfangen worden. Der König hatte den Wunsch ausgesprochen, den Rabbiner zu sehen, um ihm für die freundliche Aufnahme zu danken, welche das Rabbinats-Collegium s. Z. dem italienischen Kronprinzen in Jerusalem bereitet hatte. Schließlich bat Herr Arvas um die Erlaubniß, ein hebräisches Gebet für den König sprechen zu dürfen und der König erbat sich die Uebersetzung desselben in das Italienische. König Humbert bemerkte im Laufe der Unterhaltung, daß er die Sonderstellung, in welcher einige sogenannte civilisirte Staaten ihre Bürger jüdischer Religion erhalten, nicht verstehe und daß er stolz darauf sei, daß bei dem in seiner Mehrheit gutkatholischen Volk Italiens ein Akt der Unduldsamkeit gegen Mitbürger anderen Glaubens völlig ausgeschlossen sei. Er unterließ auch nicht, der Bravour, welche die Juden in den nationalen Kämpfen des letzten Menschenalters bewährt, und der Dienste, welche viele von ihnen dem Vaterlande im Frieden geleistet haben, anerkennend zu gedenken. — Rumänien. Bukarest, 2. Dec. (Privatmitth.) Es war eine kurzlebige Hoffnung, die man auf die neue conservative Regierung setzte. Vor Kurzem hat dieselbe Circulaire an die Beamten erlassen, strenger als bis jetzt auf die Vorschriften über den Hausirhandel und auf die Verhinderung der Niederlassung von Juden auf dem Lande zu achten. Man kann sich bei der bekannten Gesinnung der unteren Beamten und bei der Eröffnung von Geldquellen, die hierdurch ihnen sich erschließen, denken, daß diese Beamten höheren und niederen; Ranges es sich nicht zwei Mal sagen lassen, die Juden wieder möglichst zu bedrücken. Es scheinen also die Zustände sich erneuern zu sollen, welche unter dem Regiment Johann Bratiano's stattfanden. Letzterer hat jüngst in einer Wahlrede sich offen gerühmt, wie er die Signatarmächte der Berliner Congreßacte hinsichtlich der Gleichberechtigung der Juden überlistet und betrogen hat, und von dem damaligen Kammerpräsidenten Rosetti ist ein Schreiben publicirt worden, wel- 51

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