Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- Seite 804 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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804 des „Israelit" ein Herr Wiesentbal es unternimmt, Ehrenmänner, die seit Jahren unermüdlich und uneigennützig für das Wohl unserer Gemeinde wirken, als selbstsüchtig zu brandmarken, ohne diese seine krasse Beschuldigung irgendwie zu begründen? Daß Herr Wiesenthal über unser musterhaft organisirtes Armenwesen nicht besser unterrichtet ist, kann füg' lich Niemand wunder nehmen, der aus dem Artikel des betreffenden Herrn ersieht, wie derselbe es für gut befunden hat, Informationen darüber einzig dem Erfahrungsschätze eines hier zufällig durchreisenden Polen zu entleihen. Sollte es Herrn Wiesenthal trotzdem ernstlich um die Anregung vermeintlich nothwendiger Verbesserungen irgendwelcher Gemeindeinstitutionen zu thun sein, so geben wir ihm den wohlgemeinten Rath, sich in erster Reihe mit den bestehenden Einrichtungen derselben bekannt zu machen. Wir zweifeln nicht, daß unser Vorstand, der jeden Tag und jede Stunde des Tages für jedermann zu sprechen ist, auch ihm bereitwilligst die gewünschten Auskünfte ertheilen würde, und wäre dies gleichzeitig die günstigste Gelegenheit für Herrn Wiesenthal, diejenigen aus eigener Anschauung würdigen zu lernen, die er verunglimpft hat, ohne sie zu kennen. O esterreich -Un gar u. Wien, 10. Dec. (Privatmitth.) Der Umstand, daß zwei Professoren der hiesigen Universität, welche der jüdischen Religion angehören, ihre Stelle niedergelegt haben, nämlich Prof. Meyer, der nach Paris übergesiedelt ist, und Prof. Jellinek (s. Notizen), welcher in Berlin als Privatdoeent sich zu habilitiren gedachte, aber einen Ruf an die Universität Basel erhielt und angenommen hat, giebt zu denken. Da früher jüdischen Bewerbern der Eintritt in die academische Laufbahn ohne alle Schwierigkeiten gewährt wurde, so müssen gegenwärtig Verhältnisse obwalten, welche den jüdischen Docenten ihre Stellung als unhaltbar erscheinen lassen. Die Regierung übergeht dieselben, selbst wenn sie gerechten Anspruch auf höhere Stellung haben. Jndeß, wie man das gegenwärtige Ministerium beurtheilen mag, ist doch anerkannt, daß es ungern sich entschließt, bei irgend welcher Partei Anstoß zu erregen, was freilich oft genug erst recht Anstoß erregt. Denn in der Beschaffenheit unserer Verhältnisse liegt es, daß man, sobald man der einen etwas zugute thut, die andere verletzt. Nun ist zu bemerken, daß die beiden genannten Herren der juristischen Facultät angehörten und auf dem Felde des Staatsrechtes schriststellerisch Bedeutendes geleistet haben. Gerade in der juristischen Studentenschaft hat sich der antisemitische Geist die meisten Anhänger erworben, und fast alle hiesigen Jünger der Themis schwören zu Schö> nerer. Den Grund hierfür kann man in der bedrohlichen Concurrenz finden, welche sie in ihrem Fache seitens der jüdischen Collegen zu finden glauben. Die größere Zahl der jüdischen Studenten an hiesiger Universität, außer den Medicinern, gehört der juristischen Facultät an. Die Concurrenz der Juden im mediciuischen Fache schreibt sich aber ven alter Zeit her und fällt deshalb nicht auf. Auch haben die Medicin Studirenden keine Zeit für antisemitische Wühlereien übrig. Es ist deshalb erklärlich, daß die juristischen Studenten gegen jüdische Docenten Widerspruch erhoben, thatsächlich keine Collegia bei ihnen hörten und so die Regierung sich bewogen fand, diese Docenten bei vorkommettdem Avancement hintenan zu halten. So hat factisch der Antisemitismus die hiesigen Verhältnisse tief vergiftet, und es wird langer Zeit und großer Anstrengung der Liberalen bedürfen, um Heilung zu bereiten und durchzusetzen. Pest, 4. Tecember. (Privat-Mitth.). Der Ofner orthodoxen Chewra-Kadischa wurde im Deutschen-Thal-Friedhofe ein besonderer Begräbnißplatz angewiesen, wogegen die Congreß Gemeinde mit der Begründung an den Minister des Innern appellirte, daß es keine besonderen israelitischen Konfessionen gebe, und daß sonach auch die geforderte Absonderung nicht gerechtfertigt erscheine. Der Magistrat, zur neuerlichen Verhandlung dieser Angelegenheit angewiesen, beschloß, seinen Bescheid aufrechtzuerhallen und den Minister aufzuklären, daß die Orthodoxen nach den durch die Regierung genehmigten Statuten das Recht auf einen besonderen Begräbnißplatz besäßen und ihrem Wunsche sonach willfahrt werden mußte. — Eine principielle Entscheidung Hai der Handelsminister getroffen, indem er erklärte, „daß sich das Koschelfleisch-Ausschrotungsrecht der isr. Gemeinden auf das außerbalb des Territoriums der Cultusgemeinde zum Consum bestimmte Fleisch nicht erstrecke." Motivirt wird die Entscheidung damit, daß das Recht der Fleischaüsschrotung nur die Mitglieder der isr. Gemeinde genießen können, darunter sind aber nur die zu einer gewissen Cultusgemeinde gehörigen Mitglieder zu verstehen. Agram, 9. December. Für die morgen beginnenden Gemeinderathswahlen giebt sich eine lebhafte Agitation kund. Die Candidatenliste der Opposition trägt einen ausgesprochen antisemitischen Charaeter, wie auch die Agitation theilweise eine antisemitische Richtung eingeschlagen hat. Thatsächlich enthält die oppositionelle Liste keinen Juden, was unter der israelitischen Bevölkerung große Entrüstung hervorgerufen hat. Frankreich. Paris, 8. Dec. Ein namhafter Correspondent des Jewish. Chronicle hatte am Jom Kippur dem Gottesdienste in der Synagoge der Rus äs 1s Vlotoiro in Paris den gan-