Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- Seite 802 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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802 Zu diesen viel gelesenen Schriftstellern, von welchen jedes neue Erzeugnis mit einer gewissen Erwartung begrüßt wird, gehört jetzt Georg Ebers. Er hat allerdings wiederum bewährt, daß der Gelehrte und der Dichter sich selten mit einander vertragen; er hat den Egyptologeu aufgegeben und ist der Muse gefolgt. Es ist zu bedauern, daß er sein treffliches Werk, die Vergleichung der h. Schrift mit den egyptischen Monumenten, nach dem ersten die Genesis betreffenden Bande nicht fortgesetzt hat, und dagegen vor dem Ende jedes Jahres einen Roman auf den Büchermarkt liefert. Bekanntlich stehen seine früheren Romane mit seiner egyptologischen Wissenschaft in enger Verbindung, bis er dieses sein eigenthümliches Feld in den letzten Jahren verlassen hat und in Deutschland und Holland umherwandelte. Jetzt liegt nun seine neueste Arbeit vor: „Josua, eine Erzählung aus bib^ lischer Zeit." (Stuttgart, Deutsche Verlags Anstalt l8ü0). Selbstverständlich zog diese „Erzählung" uns unmittelbar an, da der Zusatz „aus biblischer Zeit" uns vergewisserte, daß der Held wirklich der große israelitische Feldherr, der Sohn Nun's, fei. Daß eine Dichtung Ebers' treffliche Scenen und vorzügliche landschaftliche Schilderungen enthält, letztere um so anziehender, als der Verfasser diese Gegenden durch eigenes Ansehen kennt, setzt man voraus. Auch fügen wir gleich hinzu, daß die typographische Ausstattung höchst rühmenswerth ist. Unter den vielen Versuchen, biblische Stoffe in dichterischer Erweiterung zu bearbeiten, ist der Auszug Israels aus Egypten nicht vergessen worden. Man erinnere sich, daß schon ein jüdisch-griechischer Dramatiker in Egypten in der Mitte des zweiten Jahrhunderts vor d. gelv. Ztr. diesen Auszug zum Gegenstände eines Schauspiels gemacht. >) Aber wir glauben, Beistimmung zu erhalten, wenn wir behaupten, daß alle diese Versuche, selbst die als gelungen bezeichnet werden könnten, hinter den einfachen und großartigen Berichten der Bibel weit Zurückbleiben. Dieser Lapidarstil der Bibel, die scharfe und sinnige Zeichnung, der naive kindliche Charakter und der religiös-sittliche Odem, der hier in fesselnder Unmittelbarkeit athmet, lassen es nicht zu, daß irgend eine moderne Behandlung dem Originale gleichkvmme. Wir glauben hierbei vorurtheilsfrei zu urtheilen, da nicht wenige unserer poetischen Arbeiten zu dieser Versuchsart gehören. Ebers hat daher ganz recht daran gethan, seinen Roman als „eine Erzählung aus biblischer Zeit" zu betiteln, denn er hat in der That nichts als das große Ereigniß und die Namen der dabei betheiligten Personen, welche die Bibel uns aufbewahrt hat, benutzt, um eine ganz moderne Erzählung daraus zu machen. Hiermit mag er vielen Lesern eine unterhaltende Lektüre dargeboten haben, aber diejenigen, *) 'E^EXirft.OV TOV ZOJV ’lovÖCUXÖV TttQywdlWV 7tOL?]ZOV kzaywyr] herausgegebeu, übersetzt und commentirt von Ludwig Philippson. Berlin, 1830. welche den biblischen Geist kennen und Hochhalten, werden sich eher abgestoßen, als angezogen fühlen. Der Held, Josua, wird als ein egyptischer Feldherr, der sich um Pharao viele Verdienste erworben, dargestellt, und der Kampf zum Hauptgegenstände der Dichtung gemacht, den er zu bestehen hat zwischen der Treue, die er dem Könige eidlich gelobt, und dem Gehorsam gegen seinen Vater, der ihn zu dem ausziehenden Volke ruft. Hierzu gesellen sich nun allerlei Liebes- Händel. Josua liebt Mirjam, die Prophetin, und sie liebt ihn — allerdings gegen die Angaben der Schrift, da Mirjam, die ältere Schwester Moses, beim Auszuge aus Egypten schon über 80 Jahr alt war. Die Beiden stoßen aber so aufeinander, daß Mirjam vor dem Angesichte Josuas einem älteren Manne, Hur, die Hand reicht, die Motive sehen wir allerdings nicht ein. Dagegen liebt eine egyptische junge Wittwe den Josua, der früher um sie geworben, den aber ihr Vater abgemiesen. Endlich kommt ein sechszehnjähriger Bursche, ein Neffe Josua's, und verliebt sich sterblich in dieselbe Egypteriu. Dieses sentimentale Gemengsel dient nun nicht dazu, die biblischen Heldengestalten in ihrer Mächtigkeit uns vor die Seele zu führen, und uns psychisch die Gottbegeisterung wahrscheinlich zu machen, von welcher namentlich in der Person Mirjam's übermäßig viel die Rede ist. Auch sonst gestattet sich Ebers Manches gegen den ausdrücklichen Bericht der Bibel. War doch Josua bei dem Auszuge bereits 45 Jahre alt, so daß er über das Liebesiechthum des Jünglings hinaus war. Die Schrift besagt, daß die Israeliten bei ihren egyptischen Nachbarn Gunst besaßen, so daß sie von ihnen reiche Geschenke zum Abschiede erhielten; Ebers läßt die Egypter nach dem mitternächtigen Abzüge der Hebräer in Aufstand gerathen und in wilder Wnth die verlassenen Häuser und Hütten der Hebräer zertrümmern und verbrennen und die Einzelnen, die zurückgeblieben, todtschlagen. Sehr ausführlich wird der Durchzug durch das Schilfmeer und die Schlacht gegen die Amalekiler geschildert. Was uns hinsichtlich der Sprache nicht zusagt, ist, daß Ebers durchweg einen gewissen Rhythmus beobachtet, so daß fast jeder Satz in Anapästen und Daktylen einhersließt und mit solchen endet. Dies ist fein davon, dem Stile den ernsten und kräftigen Charactcr der biblischen Schreibart zu verleihen, sondern macht ihn weichlich und sentimental. Am Schlüsse überrascht uns noch Ebers, indem er von Josua eine gewisse Continuität zu dem gleichnamigen Stifter der christlichen Religion herzustellen sucht. Er läßt jenen, den gewaltigen Schlachtenkämpfer, in einem Traume drei Worte hören, die er zwar nicht versteht, aber auch nicht vergißt, und welche der spätere Nachkomme von Bethlehem der Welt verkündet. Was Ebers zu diesem gezwungen herbeigeführten Schlüsse veranlaßte, wissen wir nicht. Vielleicht wollte er, da er sich hier ein ganzes Buch hindurch mit Israel beschäftigt, die Leser an