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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-12-19 · Heft 51 (19.12.1889) · p. Seite 801

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 51 (19.12.1889)
Date
1889-12-19
Page
Seite 801 (sequence 5)
Language
German
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801 gemeine. Wir lieben eS nicht, polemisch aufzutreten, und darum wollen wir bestimmte Anführungen nicht geben. Gegen diese Richtung wollten wir uns aussprechen. Wir würdigen ja das Bedürfniß, die Materialien für die Geschichtschreibung zu sammeln und richtig zu stellen und wissen sehr wohl, daß der Scharfsinn eiries Geschichtschreibers bisweilen aus einem kleinen, an sich unansehnlichen Zuge eine richtige Schlußfolgerung zu ziehen vermag. Aber wenn diese Anhäufung an sich unbedeutenden Materials erdrückend wird, und wenn sie sich das Ansehen zu geben sucht, die eigentliche Geschichtschreibung zu sein und wenn damit der Geist, die wärmere und hellere Auffassung, das Verständniß und die Erkenntniß verdrängt werden, dann ist die Sache vom Uebel. Hierbei ist nicht zu vergessen, daß die Geschichte der Juden vom Beginn des Mittelalters an die Geschichte zerstreuter Gruppen ist, deren Lebensbedingungen und Schicksale sich aller Orten und in langen Zeilen so ziemlich gleich waren und im Detail nur geringe Verschiedenheiten aufweisen. Es versteht sich, daß der Faden der Geschichte auch hier fortlaufend festgehalten werden muß, so daß sich eben an ihm die allgemeinen Züge, soweit sie übereinstimmen oder von einander abweichen, daran schließen lassen. Aber das Versenken in die einzelnsten Umstände der einzelnen Gemeinden wird durch diese Gleichheit in Bestand und Geschick den Sinn und das Verständniß eher verwirren als aufklären. Es waren also zwei Momente, die wir in unserem Artikel zu bekämpfen suchten, die kalte, theilnahmlose, durch ihre sg. „Unparteilichkeit" parteiisch werdende Geschichtschreibung und das geistlose Veröffentlichen und Aufstauen unbedeutender Materialien. Giebt es doch keine Zeit und kein Streben, die nicht, mögen sie noch so große Vorzüge besitzen, durch Uebertreibung der Tendenz ins Fehlerhafte und Gefährliche verfallen können. Hiervor zur rechten Zeit zu warnen, pflegt zwar kein dankbares Geschäft zu sein, ist jedoch eine Pflicht. Es erweist sich dies eben jetzt auch auf dem Felde der allgemeinen Geschichtschreibung. Lange Zeiten hindurch hing diese gewissermaßen in der Luft. Was Chroniken, zeitgenössische und spätere Schriftsteller und zufällig bekannt gewordene Urkunden berichtet hatten, wurde immer und immer wiederholt und ohne schärfere Kritik überliefert. Diese Letztere, einmal erwacht, konnte hierbei sich nicht beruhigen und brachte es endlich dahin, die auf's Aengstlichste bewachten Archive zu erschließen, die Behörden gewissermaßen zu nöthigen, die Staatsschriften über entlegene oder näher liegende Zeiten den Geschichtsforschern zur Einsicht zu gestatten. Hiermit hat die Geschichtschreibung eine völlig andere Gestalt gewonnen, viele Mythen und Legenden, viele absichtliche Entstellungen der Wahrheit, viele Geheimnisse wurden aufgedeckt und in der Gestalt gezeigt, welche die Wirklichkeit innegehalten Vötte, der Character und die Motive der in den Ereignissen thätigen Persönlichkeiten wurden richtig gestellt und die Entwicklung der Begebenheiten des Dunkels beraubt, in welches sie oft absichtlich gehüllt waren. In der jüngsten Zeit ist man aber hierin so weit gegangen, daß man die gan^e Geschichte aus den vorhandenen Archiven und aus diesen allein schreiben will. Man übersieht und vergißt hierbei, daß es ein breites und tiefes Volksleben, eine oft starke öffentliche Meinung und eine viel bewegte und viel verzweigte Literatur giebt, drei mächtige Faktoren in dem Gang und der Gestattung der Geschichte, so daß sie in der historischen Darstellung, wenn diese der Wahrheit und Wirklichkeit entsprechen soll, im vollsten Umfange berücksichtigt werden müssen. Ohne diese wird aus den Archiven nur eine Geschichte der Diplomatie oder höchstens der Regierungen, nicht aber der Staaten und Völker geschrieben werden, die richtige Würdigung gerade der bedeutendsten Geschehnisse bleibt aus, Einseitigkeit und Parteilichkeit drängen sich vor und zu einer klaren Erkenntniß der Gesetze, welche die Menschheit beherrschen und eben in der Geschichte sich verkörpern, gelangt man auf diesem Wege nicht. Die eben erschienenen ersten Bände eines umfangreichen Geschichtswerkes Liefert den vollen Beweis hierfür. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 3. December. Jedes Jahrzehnt hat auf dem Felde der Romane und Novellen eine eigene Richtung und einen eigenen Geschmack. Die sich verändernden Neigungen des Lesepublikums, auch die Sättigung an oft Genossenem und nicht minder die Eigenart neu austretender Dichter geben die Ursachen einer nachhaltigen Veränderung ab; Ursache und Wirkung lassen sich hier schwer unterscheiden. Autoren, welche diesem Geschmack und dieser Richtung entsprechen, Nahrung und Aufschwung geben, gelangen schnell zu ausgedehntem Rufe, werden viel gelesen und viel gepriesen, während die bisher eifrig Gesuchten verlassen und vergessen werden. Nach einiger Zeit trifft dasselbe Geschick die neuen Sterne am epischen Horizont. Wer gedenkt heute noch der Romane von August Lafontaine, den wir noch persönlich in Halle kannten und dessen Schriften die Winterabende unserer Eltern gemüthlich machten; wer greift noch nach den Dichtungen de la Motte Fouque's, welche die Herzen der Jünglinge höher schlagen ließen, nach den nordischen Romanen Henrik Steffens, welche die Studentenwelt begeisterten, Daniel Leßmann's, Karl Herloßsohn's, dann selbst der Paalzow und der Friederike Bremer und Anderer. Sind es doch immerhin nur einige Dichtungen Hauff's, Willibald Alexis' und Berthold Auerbachs, die einen bleibenden Platz in unserer Litteratur behaupten und von Geschlecht zu Geschlecht überliefert werden.

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