Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- Seite 800 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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800 Karl Emil Franzos auf 200 Jahre. Es ist also keine Gefahr im Verzüge. Auch wirst er jenen vor, daß sie „die Ersprießlichkeit der Verwerthung jüdischer Kräfte für die deutsche Cultur überhaupt leugnen," während „der Beweis, daß eine Bildung und ein Fruchtbarwerden jüdischen Geistes im deutschen Sinne möglich, durch Hunderte von Einzelbeispielen längst erbracht worden ist." Alles dies ist jedoch mit den schärfsten antisemitischen Ausdrücken verbrämt. Jeder Unbefangene aber wird zugeben, daß der Versuch der „Preußischen Jahrbücher", mit dieser Abhandlung ihr Beharren im Antisemitismus zu constatiren und mit ihm in feierlicher Weise abzuschließen, gänzlich mißlungen ist. Brauchten sie uns doch nicht erst noch einmal zu sagen, daß sie die Juden völlig der Absorption anheim gefallen zu sehen wünschen und nun herumtasten, auf welche Weise dies am ehesten geschehen könne. Der Weg, den Herr Hessen vorschlägt, ist ebenso verfehlt, wie der brutale der practischen Antisemiten. Es kommt immer ein Pfuscherwerk heraus, wenn man den Geist der Humanität und des Rechtes beschränken und durch künstliche Mittel ersetzen will. Wir müssen ihn vielmehr ruhig seine Wege gehen lassen und froh sein, daß er selbstständig zu gehen gelernt hat. Zu „die jüdische Geschichtschreibung" (Nr. 48). Wir erhalten von einem bewährten Historiker folgende Zuschrift: „Mit Ihrer Auffassung von der Geschichtschreibung, wie Sie sie in der jüngsten Nr. der A. Z. d. Jud. entwickeln, kann ich mich nicht ganz einverstanden erklären. Ich glaube, daß Sie den Ausdruck „Objeetivität" nicht ganz in dem Sinne verstehen, den wir ihm beilegen. Objeetivität will nicht heißen, daß man den Personen und den Dingen völlig kühl und fremd gegenüber steht und sie nur von allgemeinen theoretischen Gesichtspunkten beurtheilt, gerade das Gegentheil. Objeetivität in der Geschichtschreibung heißt seit Ranke sich des eigenen Urtheils zunächst entkleiden, um sich in Zeit, Umstände und Bedingungen der historischen Erscheinungen und Persönlichkeiten zu versetzen und dieselben so von ihrem Standpunkte, aus ihrem innersten Wesen und, bis zu einer gewissen Grenze, aus ihrer Nothwendigkeit zu verstehen. Ist dies geschehen, so ist das moralische und intellektuelle Urtheil nicht ausgeschlossen. Aber die Objeetivität in dem Sinne, den ich soeben anzugeben mir erlaubte, scheint mir unbedingt nothwendig, wenn die Geschichte einen wissenschaftlichen Charakter tragen soll; diese Objeetivität täglich zu verletzen und alle von Ranke und dessen Nachfolgern gewonnenen Ergebnisse für Methode und Inhalt wieder in Frage zu stellen, ist der hauptsächliche Borwurf, den ich der neupreußischen Schule Treitschke, Schmollen (und nun auch Sybel) mache." — Wir sind unserem Correspondenten für diese klare und schöne Auseinandersetzung dankbar, glauben aber, daß er unfern Artikel nicht genau gelesen hat, da wir im Grunde ganz dieselbe Meinung aussprachen, die er hier darlegt. Vor Allem bemerken wir, daß wir kein Theorem über die Objectivität in der Geschichtschreibung geben wollten, sondern nur die Lage der jüdischen Geschichtschreibung und die Forderungen, die an diese zu stellen sind, vom allgemeinen und besonderen Standpunkt erörtert haben. Sprachen wir doch (S. 750) zunächst von der Objeetivität als der ersten und hauptsächlichsten Forderung, welche an jede Geschichtschreibung zu stellen ist, und zwar von der negativen Seite, von dem Fernhalten jeder besonderen Tendenz, jeder bestimmten Absichtlichkeit, jeder Voreingenommenheit. Dann erörterten wir die Gefahr, welche das Streben nach Objeetivität bedroht, daß nämlich der Geschichtschreiber die Aufgabe der Objeetivität dahin versteht, sich kühl dem historischen Objecte gegenüber zu stellen, wodurch es ihm unmöglich wird, sich theilnahmvoll in das innere Leben desselben zu versenken, sein Wesen zu begreifen, sich auf den Boden zu versetzen, aus welchem er erwachsen ist, in die Verhältnisse und Bedingungen seiner Existenz. Hiermit haben wir doch wohl der wahren und richtigen Objeetivität dieselbe Linie vorgeschrieben, welche unser Herr Correspondent im Obigen zeichnet. Wir haben diesen Punkt ausführlich besprochen, weil er eben in der jüdischen Geschichtschreibung von größter Wichtigkeit ist und in neuerer Zeit geradezu auf irrige Wege zu führen droht. Denn das Judenthum utib seine Bekenner bilden eine so eigenartige Erscheinung, daß sie nur verzerrt und falsch dargestellt werden können, wenn nicht ein tieferes Eingehen auf ihre Natur und ihre Entwicklung, ein warmes Streben nach einer richtigen und lebensvollen Auffassung den Geschichtsforscher leitet. Jene kühle Objektivität, die wir doch als eine Gefahr ansahen, nannten wir im Unterschiede von der wahren die aalglatte Objeetivität. Aus alledem geht doch wohl hervor, was wir als die richtige historiographische Objectivität anerkennen, und zwar keine andere, als unser Correspondent bespricht. Erklären wir uns noch etwas deutlicher. Im letzten Jahrzehent ist in der jüdischen Geschichtsforschung das Streben stark hervorgetreten, Materialien für die Geschichte der Juden bis ins Kleinste und Breiteste zu sammeln, Ereignisse größerer und kleinerer Gemeinden in Masse zu eruiren, Urkunden, Dokumente, Verträge u. s. w. ans Licht zu schaffen, von welchem Inhalt und von welcher Bedeutung sie auch seien. Man befolgte dabei den Grundsatz, alles dies eben nur darzustellen und zu veröffentlichen, wie es sich äußerlich und thalsächlich ergiebt, ohne jede Reflexion, ohne jede Beurtheilung, ohne jede Beziehung auf das All-