Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- Seite 799 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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799 weil im Großen und Ganzen die Gelegenheit da;u fehlte; sie waren durchaus nicht wohlhabend und standen in der Mehrzahl hinter dem Handwerkerstande zurück, der damals noch einen „goldenen Boden" batte. Erst als durch Canäle und Eisenbahnen, durch den Wegfall des Zunftwesens und die Gewerbefreiheit, durch das Maschinenwesen und die Ausdehnung des Credits Industrie und Handel auch in Deutschland einen nie dagewesenen Aufschwung nahmen, hatten die Juden ihren Antheil an der Thätigkeit und am Erfolge. Wenn nun Hessen thut, als ob die deutschen Christen hierin von den deutschen Juden erst lernen mußten, wenn er sogar nach echter Antisemitenart behauptet, die Juden hätten die Christen in allen materiellen Interessen verdrängt, so ist dies falsch gewußt, falsch gedacht und falsch gesagt. Wir brauchen nicht bloß an die große und kleine Landwirthschaft, an den ungeheuren Besitz von Grund und Boden zu erinnern, um die Unrichtigkeit dieser Behauptung zu erkennen, sondern es mag nur auf die Industrie in Fabrik und Handwerk, so wie auf den Großhandel und viele Zweige des Kleinhandels gerade an den Handels- und Jndustrieplätzen und in den industriellen Provinzen hingewiesen werden. — Dies wäre also nichts und wir wenden uns zum zweiten Momente, das der Verf. betont. Es ist dies das „geradezu bewunderungswerthe Solidaritätsgefühl," welches er als „die Hauptwaffe und die Hauptfestung des Judenthums" bezeichnet. Allerdings haben schon die alten Weisen als die Hauptstützen der gesummten menschlichen Welt und iusonders des Judenthums neben der Lehre und dem Gottesdienst die Barmherzigkeit anerkannt, und jenes Solidaritätsgefühl in seiner praetischen Verwerthung besteht doch namentlich in der Hilfe, welche denen geleistet wird, die ihrer bedürfen. Daß diese Wohlthätigkeit, diese Hilfsbereitschaft von den Juden in ausnehmender Weise ge" übt wird, ist Thatsache und macht den kleinen Gruppen, in welche sie zerstreut sind, alle Ehre. Jndeß ist es doch auch allgemein anerkannt, daß sich darum die Juden doch nicht den allgemeinen Werken der Barmherzigkeit entziehen, sondern stets geneigt sind, überall, wo es Noth giebt, ihre Hand zur Hilfe zu leihen. Man könnte deshalb diese Opferwilligkeit psychologisch nicht allein auf das Solidaritätsgesühl zurückführen, sondern auf einen seelischen Charakterzug des Stammes, auf eine Weichheit des Gefühls, die sich mit dem Triebe, zu helfen, vereinigt. Daß diese Wohlthätigkeit insonders auf die Glaubensgenossen sich richtet, erklärt sich aus dem Beispiel, welches Katholiken und Protestanten geben, die sich mit ihren wohlthätigen Veranstaltungen und Handlungen auch innerhalb ihrer Glaubensgenossen verhalten, und noch mehr aus dem Umstande, daß die Juden auf die Unterstützungen ihrer Glaubensgenossen angewiesen, ohne diese verlassen und verloren sind. Ueberhaupt ist die Barmherzigkeit im Großen und Ganzen noch viel zu wenig vorhanden, als daß sie nicht gepflegt werden sollte, wo sie nur einmal sich bethätigt. Außerdem möchte sich das Solidaritätsgefühl der Juden in der Abwehr gegen Angriffe und Verfolgungen der Glaubensgenossen auch in den entlegensten Gegenden bemerklich machen. Hier in der That sind es unsere Gegner, die uns diese Solidarität aufnöthigen. Sie machen uns gewaltsam solidarisch. Sie verallgemeinern die Fehler einzelner Juden auf alle Glieder dieses Stammes und richten ihre Uebertreibungen und Verleumdungen gegen Alle ohne Unterschied. Da müssen wir wohl empfindlich und zu gemeinsamer Abwehr und Vertheidigung bereit sein. Doch auch hier kommt die Hilflosigkeit der einzelnen Gruppen hinzu, die uns die Pflicht der Solidarität auferlegt. Was würde in den jüngsten Tagen aus den Juden in Bagdad geworden sein, wenn nicht die Anglo-Jewisli Association dem englischen Premierminister die Bitte um Hilfe vorgetragen hätte, der sofort bei der Pforte einschritt. Daß die Bagdader Juden schuldlos waren, ergiebt sich daraus, daß die Pforte den betreffenden Pascha abgesetzt hat. Aehnliches, aber noch viel Bedeutenderes, geschah 1842 in Damaskus. — — Dies sind also die wesentlichsten Vorwürfe, die Hessen dem Judeuthume macht und dessen Bekenner er deshalb als „fremdes Element" in der deutschen Nation ansieht. Nun aber wird Hessen originell. Er meint, damit die Juden deutscher würden, müßten erst die Deutschen deutscher werden, indem sie von den Juden lernten, eifrig auf ihren Vortheil zu sein und das Solidaritätsgefühl zu stärken und zu festigen. Dieses letztere bezeichnet er als „Racegefühl". National wäre schon ganz gut, aber nicht genügend, es müßte Racegefühl werden. Ohne ein solches könne eine Nation nicht fertig werden und ihren Staat nicht erhalten. Wir glauben, daß Herr Hessen hierin im Jrrthum ist. Das deutsche Reich ist ein Nationalstaat und gerade deshalb muß auf den nationalen Geist der Hauptwerth gelegt werden. Das Raeegesühl war bei den Deutschen immer stark, aber nur partikularistisch für den einzelnen Stamm. Der Schwabe besitzt es für sein Schwabenland und der Pommer für sein Pommerland, und hierbei wird es wohl bleiben. Also nach Hessens Meinung sollen die Juden jener beiden Eigenschaften sich entäußern und die Deutschen sie sich von ihnen uneignen. Dies wäre so ziemlich das Gegentheil von dem, was die Antisemiten bisher verlangten: es sollen die Deutschen sich nicht „verjuden!" Und als ob solche tiefgewurzelte Eigenarten sich verbieten oder anbefehlen ließen! .... Man sieht, dies ist ganz doctrinäres Gerede! Deshalb trennt sich auch der Vers, von den „practischen" Antisemiten, welche nur „Gewalt" anwenden wollen. Freilich im weiteren Verlaufe gesellt er sich ihnen wieder zu, denn er droht, wenn nach längerer Zeit die Juden nicht so geworden wären, wie er es verlangt, würde „Gewalt" gegen sie angewendet werden. Diese längere Zeit berechnet er mit 51*