Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1889)
- Date
- 1889-12-19
- Page
- Seite 798 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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798 drücken zu Tage treten sollte, die sich mit einer ruhigen Erwägung nicht decken und die wir hier anzuführen für überflüssig halten. Was ist der Hauptgedanke dieses Mannes? Die Juden sind ein fremdes Element, das leider die Deutschen ruhig einwandern ließen, sie müssen Deutsche werden. Damit sie dies aber werden, müssen die Deutschen mit gutem Beispiele vorangehen und selbst immer deutscher werden. Auf welchem Wege die Juden nach dem Ideal des Verf. immer deutscher werden sollen, giebt Hessen nicht an. Die Juden senden ihre gesammte Jugend in die öffentlichen Schulen, in die höheren sogar in einem übergroßen Procentsatz, worüber mau ja von der anderen Seite schon klagt. Die deutsche Sprache ist die Muttersprache der Juden, über welche sie - außer ihren Gelehrten — das Hebräische vergessen haben; sie pflegen und studiren die deutsche Literatur und vernachlässigen über diese sogar ihr altes Erbtheil, die h. Schrift; sie achten und üben die Staatsgesetze in nicht geringerem Maße wie ihre Mtbürger, sind der Wehrpflicht unterzogen, wenn ihnen auch das Avancement versagt ist; sie lassen sich, so weit dies eben bei allen großen Massen der Fall ist, von der deutschen Bildung durchdringen, vom deutschen Geiste leiten; sie nehmen an Allem, was Staat und Vaterland betrifft, den lebhaftesten Antheil, und stehen bei gemeinnützigen und wohlthätigen Werken durchaus nicht zurück. Diese Lage der Dinge und dieses Bestreben sind nicht allein in der oberen Schicht der deutschen Juden vorhanden, sondern mehr oder weniger in der gesammten Masse derselben und, wie auch das Resultat erweist, so lebhaft und nachhaltig, wie in keinem anderen Theile der gesammten deutschen Bevölkerung in einem höheren Maße. Was will man also? Man lasse doch diesen Entwickelungsgang weiter vor sich gehen und schaffe ihm nicht immer von Neuem Hindernisse und Schranken. Hessen kann dies nicht leugnen und muß zugestehen, daß man viele Juden treffe, „die man in ihrem Thun und Treiben, in der Art sich zu geben und zu äußern schon für Deutsche halten könnte." Aber schnell macht er sie „zu einer verschwindenden Minderheit." Dies ist sehr leicht gesagt, da es sich statistisch nicht erweisen und nicht widerlegen läßt. Wir behaupten, daß das Gegentheil wahr ist, und daß auch die große Masse der deutschen Juden sich deutscher Bildung und deutschem Wesen bedeutend genähert hat, und meinen, daß auch das christliche Volk in großen Massen dem Ideale des Deutschthums nicht oder nur wenig entspricht. — Zwei Momente sind es, die der Verf. als den Juden eigenartig anführt, die er den Juden zum Vorwurf macht und doch die Deutschen ausfordert, sie sich anzueignen, wodurch sie dann „deutscher" werden würden. Er sagt: „Der Deutsche hat die jüdische Begabung, den eigenen Vortheil wahrzunehmen, von der Höhe seiner Philosophie und seines Christenthums durch lange Jahrzehnte verachtet." Diesen Luxus könnten sich einzelne erlauben, aber niemals ein ganzes Volk. Hessen meint also, daß das ganze deutsche Volk auf der Höhe der Philosophie und des Christenthums gestanden und von da aus verachtet habe, seinen Vortheil wahrzunehmen, was den Juden überaus zu statten gekommen sei. Die Phrase erinnert an das, was die Franzosen so oft wiederholten: die Deutschen seien ein Volk von Denkern und Dichtern, und dann in große Entrüstung geriethen, als sie sahen, welche schwere Schläge diese Denker und Dichter auszutheilen,und wie sie ihren Vortheil mit ganzen französischen Provinzen wahrzunehmen verstanden, abgesehen von fünf Milliarden klingenden Geldes. Wir meinen, daß die Deutschen, ebenso wie alle anderen Menschen, stets wohl darauf ausgingen, ihren Bortheil wahrzunehmen, wo die Umstände dazu günstig waren. Daß sie dies schon in alter Zeit verstanden, erwies die Hansa, welche eine so große Herrschaft und so bedeutende Reichthümer erwarb, bis sie durch Eifersucht und Uneinigkeit nieder- und unterging. Aber Jahrhunderte hindurch waren die Umstände für die Deutschen ungünstig, um so mehr, als sie doch zumeist ein Binnenland bewohnten. Die höheren Schichten, der Adel, die Geistlichkeit und die Gelehrten verachteten Handel und Industrie; ein großer Theil des Volkes war hörig, leibeigen, an die Schotte gebunden; in den Städten wurden Handel und Industrie durch den stärksten Zunftzwang in den engsten Schranken gehalten, so daß man zu einer größeren Industrie nicht gelangen konnte. Man muß in seiner Jugend etwa in einem deutschen Kleinstaat diesen Zunftzwang und dessen lähmende Wirkung kennen gelernt haben, um zu beurtheilen, wie unter seinem Joche jeder Unternehmungsgeist unmöglich war, Production und Ausfuhr auf das schmälste Maß einschrumpften. Eine Verachtung von der Höhe der Philosophie fand bei dem Adel, der nichts weniger als philosophisch gebildet war, nicht statt, und die Gewerbetreibenden und Kaufleute waren dagegen stolz auf ihre Thätigkeit und nahmen für sie Vorrechte in Anspruch. Ein ebenso falsches Bild machen sich diese Herren von der Lage der Juden in jener Zeit. Da dieselben zum großen Theile auf Geldhandel beschränkt waren, häuften sich nach damaligem Verhältniß Capitalien im Besitz von Juden, um nach allen Richtungen hin zu circuliren. Aber dies fand nur bei sehr wenigen Juden statt, und die große Mehrzahl derselben war arm und lag dem Hausirhandel ob. Wer diese Menschen unter schwerem Pack seufzend, sich über das Land zerstreuen und nur Freitags nach Hause zurückkehren sah, der wußte, daß nur sehr arme Leute sich diesem Gewerbe unterziehen mochten. Später kam der Handel mit englischen Textilwaaren hinzu en §rc>8 und on detail, weil solche eben von einer Zunft nicht hergestellt wurden und eine geschlossene Kaufmannsgilde dafür nicht bestand. Die deutschen Juden konnten also ebenso wenig wie die deutschen Christen „ihren Vortheil wahrnehmen,"