Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-12-12 · Heft 50 (12.12.1889) · p. Seite 793

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 50 (12.12.1889)
Date
1889-12-12
Page
Seite 793 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227822--46717-3266297
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

793 Csaky auch zu entnehmen, daß er die Einheit des Juden-! thums, die in der ganzen Welt vorhanden ist und zu deren' Negirung sich noch keine europäische Regierung, trotz der! nach dieser Richtung vielfach geäußerten Wünsche, und zwar im staatlichen Interesse nicht, herbeigelassen hat, als conditio sine qua non jeder Regierungsmaßnahme anerkennt. In: Interesse dieser' Einheit wird ihm auch nichts Anderes Zu thun übrig bleiben, als alle von seinen Vorgängern getroffenen Verfügungen bis auf das auch bisher schon von wohlthätigeu Folgen begleitete Matrikelstatut einfach aufzuheben, die Landescanzlei mitsammt der orthodoxen Durchführungscommission aus der Welt zu schaffen und den Aufbau einer jüdischen Landesorganisation von Grund auf zu beginnen. Die Weste war eben falsch zugeknöpft und es muß; wieder von vorn angefangen werden. So genau auch der gegenwärtige Cultusminister über das Wesen und die Details: der Angelegenheit informirt sein mag, um welche es sich da handelt: wir sind überzeugt, er selber werde überrascht sein! von den für die Gesammtheit wohlthätigen Folgen einer, Lösung dieses nun scheinbar schwierigen Problems im Geiste! der Coneentrirung und nicht der Zersplitterung und er wird! sicherlich mit großer Befriedigung wahruehmen, wie viele, j gegenwärtig durch eine atomisirende Verwaltungspolitik ge-- bundeue Kräfte dann frei würden zunächst im Dienstes ihrer eigenen Eonsession, in letzter Auflösung aber zum Frommen ter vaterländischen Cultur, die sich über ein Allzuviel an mitschaffenden Potenzen wahrhaftig nicht zu beklagen hat." — Frankreich. Paris, 3. December. Der hiesige Correspondent der „Daily News" theilt seinem Blatte Folgendes mit: Soeben ist ein neues antisemitisches Werk, betitelt: „Le Myst&re du Sang chez les Juifs‘‘, erschienen. Der Verfasser ist Henri Desportes, und Edouard Drumont hat die Vorrede dazu geschrieben. Der Zweck dieses Werkes ist die Verewigung der mittelalterlichen Verleumdung gegen die Inden, daß sie für gewisse rituelle Gebräuche das Blut getödteter-Christenkinder brauchten; der Verfasser behauptet sogar, daß dieser Brauch jetzt noch in Uebung sei. Noch auffallender als diese Behauptungen ist ein in der Vorrede angeführter Briefes Cardinalstaatssecretärs Rampolla, in welchem es heißt: „Se. Heiligkeit der Papst war sehr erfreut über Ihre Huldigung (die Widmung des Buches) und hat mir aufgetragen, Ihnen in seinem Namen zu danken und Ihnen zu sagen, daß er Ihnen von ganzem Herzen seinen apostolischen Segen sende, denn Se. Heiligkeit billigt vollständig Ihr Werk über dem scheußlichen Gebrauch der rabbinischen Juden." Der „Univers" ist höchlich erfreut über diesen Brief Rarnpolla's. Daß die beiden Franzosen die lügenhafte Verleumdung, die in Deutschland durch die Rohlings und Justus gründlich abgethan ist, noch einmal vortragen, kann kaum verwundern. Was soll man aber sagen zu dieser päpstlichen Sanction, die im geraden Widerspruch zu den bekannten Bullen mehrerer Päpste steht, welche jenes furchtbare Märchen oerurtheilen?! Man muß sich eben zurückhalten, seiner Entrüstung Ausdruck zu geben. Rußland. Odessa, 29. November. (Privatmitth. > Wenn verdienten Männern während ihres Lebens nur selten diejenige dankbare Anerkennung gezollt wird, auf welche sie Ansprüche hätten so schafft es doch wenigstens eine Befriedigung, wenn sich nach ihrem Tode das Bewußtsein ihres Werthes und des großen Verlustes, den man erlitten, Bahn bricht. Auch dem sel. Rabbiner und Prediger Dr. Schwabacher, der 27 Jahre bei der hiesigen Gemeinde unermüdlich und mit Aufwand seiner bedeutenden Geisteskräfte gewirkt hat, ist es so ergangen. Doch wir wollen ans die mißliebigen Vorfälle nicht eingehen. Am 20. October wurde auf dem Grabe Schwabachers ein großes und schönes Monument enthüllt, und Herr Osias Chayes hielt bei dieser Gelegenheit eine treffliche Rede, die auch gedruckt erschienen, 'und in welcher er die Verdienste des Verstorbenen mit warmen Worten feiert. Es ist in der That erstaunlich, was Schwabacher in der im Ganzen doch kurzen Zeit seiner Amtsthätigkeit geleistet hat. Existirte doch bei seinem Amtsantritte in der hiesigen Gemeinde keine einzige gemeinnützige Anstalt. Durch Schwabacher's Eintreten mit Wort und That wurde ein Wöchnerinnen-Berein gegründet, ein Waisenhaus errichtet, die große jüdische Gewerbeschule „Trud" hergestellt, eine Volksküche geschaffen, ein Commis-Verein ins Leben gerufen, um stellenlosen Mitgliedern und ihren etwaigen Wittwen und Waisen Unterstützungen, ja Pensionen zu gewähren; aus seine Anregung entstand ein Greisenhaus, welches gegenwärtig 30 armen Leuten Schutz vor jeder Noth verschafft. Dies sind die eigentlichen Denkmäler, die Schwabacher sich gesetzt, und außer denen er in zahllosen Einzelfällen sein Ansehen eiusetzte, um Hilfsbedürftigen Beistand und Rettung zu schaffen. Erwägen wir nun noch, mit welchem Eifer er seinen Amtsfuuetionen oblag und die Seelsorge unermüdlich ausübte und dies Alles im edelsten Stile und mit glänzendster Beredtsamkeit, so wird man den unersetzlichen Berlust bemessen, welchen die Gemeinde in Odessa und zum Theil die ganze russische Judenheit durch das Hinscheiden des Verstorbenen erlitten hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.