Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1889)
- Date
- 1889-12-12
- Page
- Seite 791 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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791 meinen Wahlen vorkommt, die Wähler mittelst Fiaker abgeholt, damit sie sich zur Wahl Legeben (wie es heißt, sollen 20,000fl. zn Agitationszwecken verausgabt worden sein). Thatsächlich erschienen dieses Mal nahezu 2300 Wähler an der Wahlurne, eine Zahl, wie sie in der Größe bisher noch nie vorkam. Und all das geschah zumeist, um Herrn Emanuel Baumgarten zu stürzen, was auch thatsächlich gelungen ist. Herr Emanuel Baumgarten war 20 Jahre Mitglied des Gemeindevorstandes. Seit dem Jahre 1876 war er stellvertretender Vorsitzender der Schulsection und seit dem Tode Komperts Vorsitzender der Schulsection. Baumgarten war oder ist eine sehr bedeutende Arbeitskraft und ist sach- und sachkundig. Er übersetzte den rroa^n na-n aus dem Hebräischen ins Deutsche und ist der Verfasser des episch-lyrischen Gedichtes nn in hebräischer Sprache. Wenn nun gefragt wird, warum der Mann, der seine Zeit fast ausschließlich den Gemeindeinteressen widmete, gestürzt wurde, so hört man darüber, daß er sich nicht nach der Regel Talleyrands: surtout point de zöle hielt, sondern vielmehr trop de zele entwickelte . und dadurch in Collision mit seinen Collegen im Vorstande kam rc. — Wie bekannt, suchen unsere Antisemiten große und bedeutende Männer für ihre Gesinnungsgenossen auszugeben. Jüngst reclamirten sie Grillparzer für sich, und schon seit längerer Zeit behaupten sie, daß der verstorbene Dichter Hamerling Antisemit gewesen sei. Obschon Rosegger aus Briefen und Gedichten rc. Hamerlings nachgewiesen hat, daß es Hamerling nicht in den Sinn kam, Antisemit zu sein, beharrten die Antisemiten und an ihrer Spitze Georg Schönerer, alias Ritter von, bei ihrer Ansicht. Nun veröffentlicht Rosegger aus dem Nachlasse Hamerlings folgendes Gedicht: An den Ritter von ***. Zwar Juden fressen kann ich dir nicht helfen. Zu schwach ist für die Kost mein kranker Magen; Auch bin ich Dichter, tanze mit den Elfen, Mit Lerchen trillern — das will ich noch wagen; Doch niemals werd' ich heulen mit den Wölfen, Und nichts als meine Laute will ich schlagen. In keinem Kampfe denk' ich mit zu boxen: Auch nicht in dem der Esel mit den Ochsen. Doch wie man lieber hat den Schinderhannes, Als flacher Dntzendmenschen breite Gruppen, Lieber die Tollheit eines ganzen Mannes, Als hundert nur am Draht gelenkte Puppen, So füg' ich mich dem Zauber deines Bannes, Charakterfettaug' du auf Bettelsuppcn! Ich achte dick, dieweil es zwar nicht Schlimm're, Als du bist, giebt, doch, was noch schlimmer: Dümm'rc!" Wir«, 28. November. In einer heute vom Reichsraths» Abgeordneten Wrabetz im IX. Bezirk veranstalteten Wähler- Versammlung interpellirte ein antisemitischer Wähler den genannten Abgeordneten, wie er sich zur Antisemitenfrage, insbesondere zur Frage der Einwanderung galizisckcr Juden nach Wien verhalte? — Wrabetz antwortete darauf: Wenn man ihm das Reichsrathsmandat auf Lebenszeit anböte unter der Bedingung, daß er Antisemit werde, würde er dies ablehnen. Er pfeife ans den Antisemitismus. Diese Worte riefen einen fürchterlichen Tumult hervor. Die Antisemiten randalirten wohl, trotzdem wurde Wrabetz mit überwältigender Majorität ein Vertrauensvotum ertheilt, worauf die Versammlung geschlossen wurde. Wien, 28. November. Der Gemeinderath wählte den bisherigen Bicebürgermeister Dr. Prix, der sich in öffentlichen Versammlungen in entschiedenster Weise als Gegner des An-; tisemitismus ausgesprochen, mit 81 von 116 Stimmen zum I Bürgermeister. Der Antisemit Lueger, der neulich in öffentlicher Sitzung als Lügner bezeichnet worden, erhielt 23 I Stimmen. Die antisemitische Fraction im Gemeinderathe ist also stark genug, um durch ihre Tumulte jede ernsthafte! Verhandlung zu verhindern. Pest, 3. Tec. (Privatmitth.) Es ist gewiß von Wichtigkeit zu bemerken, welchen Eindruck das Memorandum der israel. Landescanzlei in der öffentlichen Meinung macht, zumal diese im Magyarenlande viel größer« Einfluß als anderswo übt. Ein langer Artikel des „Pest. Loyd" giebt das beste Zeugniß hierüber, und wir geben deshalb die Hauptstellen desselben hier wieder. Es heißt da: ' Budapest, 26. November. ' „Im Interesse des ungarischen Judenthumes wurde i heute ein Schritt gethan, dem wir den besten Erfolg wünschen,! nicht nur vom Standpunkte dieser Confession, sondern auch! von jenem des Vaterlandes, welchem die innere Festigung eines politisch unbedingt verläßlichen, wirthschaftlich recht nützlichen und culturell äußerst entwicklungsfähigen Elements der Bevölkerung nach jeder Richtung hin nur zum Vortheile 1 gereichen könnte. Dieser Schritt erfolgte von der auf der Basis des 1889 Congresses stehenden vaterländischen Judenschaft und sein Endzweck ist die gesetzliche Juarticulirung : der einheitlichen, mit einer einheitlichen Organisation aus- > gestatteten israelitischen Confession. Nur daß es mit dieser einheitlichen Organisation noch seine guten Wege hat. Diejenigen, die sich für die kleinen Leiden unserer israelitischen! Mitbürger interessiren, werden in der die objektive Ruhe des I Geschichtsschreibers mit dem warmen Gefühl patriotischer Glaubenstreue vereinigen Denkschrift, welche dem Minister für Cultus und Unterricht seitens der gesetzlichen Vertretung dieser Jndeuschaft heute überreicht wurde, all die Kämpfe getreulich registrirt finden, welche die ordnungsliebende Ma- 50*