Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1889)
- Date
- 1889-12-12
- Page
- Seite 790 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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idö sich über die meisten Zweige der Wohlthatigkeit, namentlich für Krankenpflege und Wittwen- und Waisenversorgung, für Wöchnerinnen, Greise und arme Studirende. Die Jahresbeiträge der Mitglieder dieser Vereine belaufen sich auf Mark 18,845, und wenn man bedenkt, daß es zumeist dieselben Männer und Frauen sind, welche Beiträge zu allen diesen Stiftungen zahlen, so wird man deren Opferwilligkeit anerkennen. Beläuft sich doch die Gesammtsumme der von diesen Vereinen geleisteten Unterstützungen und Ausgaben auf Mark 65,913 für das Jahr 1888, welche nur dadurch gedeckt wurden, daß Spenden und Legate in reichlichem Maße flössen. Gewiß spornen solche Mittheilungen auch an anderen Orten mildthätige Herzen an, wohlthätiger Wirksamkeit sich zuzuwenden. Essen, 6. December. (Privatmitth.) Daß die Antisemiten der hiesigen Kreise drei besondere antisemitische Candidaten aufstellen, beweist, daß die Kartellparteien die Verständigung mit ihnen zurückgewiesen haben. Um so sicherer ist es, oaß jene Auserwählten der Antisemiten nur zehn Candidaten bleiben werden. Denn so stark sind die Antisemiten auch hier zu Lande nicht, um den großen politischen Parteien die Spitze bieten zu können. Bochum, 2. Dec. Die Antisemiten haben in einer gestern Hierselbst abgehaltenen Versammlung endgültig den Gymnasialoberlehrer Dr. Foerster aus Berlin als Reichstagskandidaten für den Wahlkreis Bochum ausgestellt, während für den Wahlkreis Dortmund der Führer der rheinisch-westfälischen Antisemiten, Herr Dr. König-Witten, und für den Wahlkreis Essen der Redacteur des Stöcker'schen Blattes „Das Volk" Herr Leuß aus Berlin als Kandidaten aufgestellt wurden. Aus Sachsen, 2. Dec. Wir haben bereits gemeldet, daß die Kartellparteien unseres Landes die „Verständigungsvorschläge", die ihnen von Seiten der „reinen" Antisemiten gemacht worden waren, kurzer Hand zurückgewiesen haben. Die Antisemiten verlangten u. A., daß Herr Dr. Goetz, der Candidat für Leipzig-Land, preisgegeben werde; sie haben ihn wegen seines Auftretens gegen die Antisemiterei in den österreichischen Turnvereinen auf den Index gesetzt. Jetzt erklären sie in Briefen an die Cartellparteien, sie würden ihre eigenen Wege gehen und namentlich in Leipzig-Land durch einen Candidaten ihrer Farbe die Sicherheit des Durchfalls des Bruders Götz erhöhen. Zum Schluß aber kommt etwas Interessantes, da heißt es nämlich: „Die Erfolglosigkeit unserer diesmaligen Anknüpfungs- Verhandlungen wird uns nicht davon abgehalten, kurz vor dem Wahltermine der nationalliberalen Partei-Leitung in Leipzig-Stadt und -Land, wie den andern hiesigen Parteien, einen Vorschlag zur Vereinbarung über gleichmäßige Form und sonstige Beschaffenheit der Stimmzettel zu machen. Wir hoffen nämlich, zur Ehre der nationalliberalen'Partei annehmen zu dürfen, daß dieselbe nicht beabsichtigt, ihren großen kommunalen und gesellschaftlichen Einfluß in Leipzig zur Beeinträchtigung der Wahl-Freiheit zu benutzen. Stimm-Zettel in OctawFormat auf feinem Briefpapier, wie sie bei der letzten sächsischen Landtagswahl in Leipzig für die Cartell- Candidaten vertheilt wurden, machen es für jeden abhängigen Wähler zur Gewißheit, daß seine Abstimmung von den nationalliberalen Herren am Wahltische kontrolirt werden kann." Oesterreich-Ungarn. Wien, 28. Nov. Es ist anerkannt, daß man oft aus kleinen Zügen den Character der Menschen besser erkennt, als aus großen Staatsactionen. So möchte auch für die Verkommenheit der Antisemiten folgender Zug sprechen. Wir meinen nämlich, daß die antisemitische Gemeinde-Minorität jüngst gegen die freiwillige Rettungs-Gesellschaft Angriffe richtete, weil — es ist wahrlich nicht leicht, Derartiges niederzuschreiben — weil in dem medicinischen Hilfscorps, welches das Samaritanerwerk der Gesellschaft unentgeltlich ausübt, Mitglieder aller Religionsgenossenschaften kollegial vereinigt sind. Die Rettungsgesellschaft sah sich durch diese Angriffe veranlaßt, die Subvention zurückzuweisen, welche ihr bisher vom Gemeinderathe ausgeworfen war, obwohl in dieser Unterstützung nur eine überaus bescheidene Pflichterfüllung der Stadtvertretung lag, denn die Rettungsgesellschaft erfüllt freiwillig fast nur solche Aufgaben, die der Communalverwaltung obliegen. In dankbarer Erinnerung daran, daß die Rettungsgesellschaft während ihres achtjährigen Bestandes in 25,000 Nnglücksfällen unentgeltlich Beistand geleistet hat, beeilte sich die Bevölkerung, zu Gunsten der gemeinnützigen Unternehmung thatkräftig zu demonstriren. An Stelle der dreitausend Gulden, welche die Rettungsgesellschaft alljährlich vom Gemeinderathe bezog, flössen ihr schon binnen drei Tagen aus Bürgerkreisen circa 11,000 Gulden zu, und schließlich wird wohl die Gemeinderaths- Mehrheit, die ja trotz Allem noch immer liberal ist, der Gesellschaft nunmehr eine Subvention auch ungebeten bewilligen. Wien, 28. November. (Privatmitth.) „Wie es sich christelt, so jüdelt es sich." In früheren Zeiten fanden in aller Ruhe und Stille die Wahlen in den Vorstand der hiesigen Gemeinde statt, kaum daß eine merkliche Agitation vorkam. Es wurden Wahlversammlungen gehalten, die aber auch hübsch ruhig abliefen. In den letzten Jahren fing es an lebhafter zuzugehen und bei der letzten Wahlversammlung ging es gar hoch her: sie war außerordentlich tumultuös. Am Tage der Wahl selbst wurden, wie dies bei den allge-