Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1889)
- Date
- 1889-12-05
- Page
- Seite 777 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227821--46700-3266279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
777 daran, daß die Juden durchaus nicht wie „Patrioten" unter seiner Regierung behandelt, sondern für „Fremde" erklärt und unter die Ausnahme- und Beschränkungsgesetze für „Fremde" gestellt, ihre Naturalisation gefordert und zugleich so gut wie unmöglich gemacht wurde. Er konnte dies nach Lage der Dinge in Rumänien nicht verhindern, da er das Ministerium Bratiano nicht eher los werden konnte, als vis das Volk in Aufständen und durch die Wahlen sich dagegen erklärte. Durch das lange Regiment dieses Bratiano ist aber die Stimmung des Volkes so vergiftet, daß auch die neuen Ministerien an eine Besserstellung der Juden nicht gehen mögen, und höchstens für Sicherheit des Lebens und des Eigenthums sorgen. Der König besuchte auch die Hauptsynagoge und das jüdische Krankenhaus und sprach bei letzterem sein Wohlgefallen darüber aus, daß die Juden so opferwillig seien, eine solche Anstalt in dieser Größe und angemessensten Einrichtung ohne Beihilfe der Stadt und des Staates herzustellen. Türkei. Konstantinopel, 16. November. Es ist sehr natürlich, daß der Gouverneur von Bagdad an die Pforte über die Mißhandlung der Juden einen Bericht sandte, in welchem die Juden der Widersetzlichkeit überaus schuldig erscheinen; er sehr unschuldig. Zugleich bat er die Pforte telegraphisch um Anweisungen. Letztere befahl, die Schuldigen vor den gewöhnlichen Gerichten wegen Uebertretung von Gesundheitsvorschriften und Verwundung der Schutzleute zu processiren. Dies läßt einen weiten Spielraum für Ungerechtigkeiten, Bedrückungen, Erpressungen und andere Frevel offen! Tunesien. Tunis, im Mu». Von jeher gab es in Tunesien, wie in andern orientalischen Staaten Juden, welche unter französischem Schutze standen, und die hierfür jährlich 10 Fr. an die Kanzelei des franz. Consulats zu zahlen hatten. Seitdem nun Tunis unter französischem Protectorat steht und von französischen Truppen besetzt ist, forderte die Kanzelei diese Abgaben nicht mehr ein, also seit ungefähr 8—9 Jahren, wahrscheinlich in der Meinung, daß jetzt alle tunesischen Juden unter französischem Schutze ständen. Jetzt fordert nun diese Kanzelei von den betr. Juden nicht allein die Fortzahlung, sondern auch sämmtliche Rückstände ein. Da nun dieser Schutzzoll von jedem Kopfe der betr. Familie gezahlt werden muß, so steigert sich die Forderung in mancher Familie bis auf 800 Fr. Daß die Mehrzahl dieser Familien eine solche Zahlung nicht leisten kann, ist einsichtlich. Die Prozesse dagegen halfen bis jetzt nur soweit, daß man ihnen Ratenzahlung bewilligt. Die Sache ist eine wahre Calarnität, denn das Aufgeben des persönlichen französischen Schutzes hilft nichts gegen die Forderung der Rückstände. Ein anderes curioses Verhältniß findet hier unter den zahlreich hier ansässigen Juden aus Algerien statt. Diejenigen unter ihnen, welche hierher vor 1870 eingewandert sind, also vor dem Dekret der provisorischen Regierung in Frankreich, durch welches sämmtliche eingeborene Juden in Algerien für naturallsirte Franzosen erklärt wurden, werden nicht als solche angesehen und stehen deshalb noch heute unter dem jüdischen Rechte. Sie können z. B. unbestraft mehrere Weiber heirathen. Bekanntlich wurde das rabbinische Verbot der Polygamie im Oriente nicht anerkannt. — Die Hinterlassen-! schaft solcher Juden wird nach jüdischem Rechte unter den! Erben vertheilt u. s. w. I e u i i i c t o n. Grillparzer und die Juden?) Da sie unter den Lebenden Gesinnungsgenossen von Ansehen vergebens suchen, begeben sich die Wiener Antisemiten auf die Kirchhöfe, um wehrlose Tvdte zu recrutiren. Wie jüngst Hamerling, so wird nun auch Grillparzer durch die Ernennung zum Antisemiten im Grabe beschimpft. Wie dreist dieser Versuch ist, weiß Jeder, der von Grillparzers Werken und dem Geiste, der in ihnen weht, auch nur 1) Aus dem „Berliner Börsen-Courier." eine Ahnung hat. Aber die Antisemiten werben ja auch gar nicht um die Gunst Derer, die Verstand und Urtheil oder gar literarische Bildung haben, bei den Proletariern im Geiste, die aber schon einmal den Dichternamen Grill' parzer nennen hörten, hoffen sie immerhin Eindruck zu machen, wenn sie auch diesen Namen für sich in Anspruch nehmen. Der greise Dichter Ludwig August Frankl, einer der intimsten Freunde Grillparzer's, äußerte sich dieser Tage einem Mitarbeiter des Neuen Wiener Tageblatt gegenüber in Bezug auf die Debatte im Wiener Gemeinderath, in der l)r.