Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1889)
- Date
- 1889-11-28
- Page
- Seite 758 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227820--46680-3266258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
758 Berlin, 20. Nov. Bei den gestern stattgefundeiien Wahlen der Stadtverordneten seitens der dritten Abtheilnng haben die Antisemiten eine schwere Niederlage erlitten: die vier Mandate, die sie inne hatten, haben sie verloren, sie haben keines mehr. — In der heutigen Wahl der zweiten Abtheilung sind nur Liberale gewählt. -Hamburg, 16. Nov. Der Antisemit Liebermann v. Sonnenberg beabsichtigte, hier öffentlich einen agitatorischen Vortrag über die Reichstagsverhandlungen zu halten. Die Polizei versagte die Erlaubniß, weshalb Liebermann die betreffende Versammlung in dem Altonaer Salon Bellealliance abhielt. Die Versammlung war stark besucht; indeß wurde der Vortrag ironisch ausgenommen. Die Antisemiten sind bemüht, hier Fuß zu fassen, bisher jedoch ohne Erfolg. Sie stellen für die Reichstagswahlen den Buchhändler Hübener als Candidaten auf. In der Versammlung wurde konstatirt, daß die Antisemiten Woermann ihre Unterstützung angeboten, dieser sie aber entrüstet zurückgewiesen hätte. Hamburg, 18. Nov. Die hiesigen Antisemiten hatten an den Reichstagsabgeordneten Wörmann ein Schreiben gerichtet, worin sie diesem ihre Hilfe für die nächste Reichstagswahl anbieten; die Antwort Wörmanns lautete, er würde es für eine Schmach halten, durch die Unterstützung der Antisemiten in den Reichstag zu gelangen. Liebermann v. Sonnenberg erklärte darauf in einer Hamburger Antisemitenversammlung, man würde Wörmann die Quittung für diesen Brief bei der bevorstehenden Wahl zustellen. Leipzig, 18. Nov. Der Vorstand des deutsch-sozialen (antisemitischen) Wahlvereins für das Königreich Sachsen (gez. Liebermann von Sonnenberg) hat an den Freiherrn v. Friesen auf Rötha, den Vorsitzenden des konservativen Landesvereins, ein Schreiben gerichtet, auf Grund dessen die Antisemiten in Bezug auf die bevorstehenden Reichstagswahlen die Ueberlassung der Wahlkreise Döbeln-Nossen, Zwickau-Crimmitschau und Bautzen-Bischofswerda und die Verzichtleistung der Nationalliberalen und Konservativen auf diese Wahlkreise verlangen. Außerdem wird von der Kartellpartei gefordert, im Wahlkreise Leipzig-Land auf die Wiederaufstellung des vr. med. Goetz zu verzichten, weil für diesen kein Antisemit zu stimmen im Stande sein würde. Endlich soll auch der Karteükandidat für Leipzig-Stadt eine positive Erklärung abgeben, daß er das Vorhandensein einer Judensrage und die Dringlichkeit ihrer Lösung anerkennt. Nur unter diesen Bedingungen sind die Antisemiten gewillt, die Kartellkandidatcn ui allen übrigen sächsischen Wahlkreisen zu unterstützen. Herr Liebermann von Sonnenberg hält diese Forderung für sehr bescheiden, zumal in Anbetracht des Umstandes, daß die Reichtagsabgeordneten Niethammer, Reich und Temper, die seither die drei obenerwähnten Wahlkreise im Reichstage ver- Iraten, angeblich auf eine Wiederaufstellung verzichtet haben, also nirgends das Opfer eines Rücktrittes erforderlich sei. Im Falle der Ablehnung werde man in zahlreichen anderen, sächsischen Wahlkreisen eigene Kandidaten aufstellem oder Wahlenthaltung proklamiren. Herr von Friesen hat auf dieses Schreiben bereits geantwortet und namens der konservativen Vertrauensmänner Sachsens die Dringlichkeit der Lösung der Judenfrage zwar anerkannt, aber es andererseits für vollständig überflüssig erklärt, daß sich eine besondere antisemitische Partei organisirt habe, zumal dadurch nur die Gefahr einer Zersplitterung für die reichstreuen und staatserhaltenden Parteien heraufbeschworen werde. Die konservative Partei sei deshalb nicht in der Lage, auf jene Forderungen näher einzugehen und werde die nationalliberale Partei von diesem Beschluß in Kenntniß setzen. Die amtliche „Leipz. Ztg.", die in letzter Zeit der Weiterentwickelung der antisemitischen Partei in Sachsen eifrig Vorschub geleistet hat und deshalb u. a. zum Organ ves deutsch-sozialen Wahlvereines ernannt worden ist, nennt das Vorgehen der Antisemiten ein frevelhaftes Spiel, versagt es sich aber, auf den Inhalt des erwähnten Schreibens, in dem fast in jedem Satze eine arge Selbsttäuschung enthalten sei, näher einzugehen. Köln, 18. Nov. (Privatmitth.) Am 12. d. feierte die Chewra Gemil. Chass. ihren 70jährigen Bestand. Rabb. vr. Frank verfaßte hierzu eine Festschrift, welcher wir Folgendes entnehmen: Nach einer fast 400jährigen Verbannung der Juden aus Köln, der Stadt, die sie anderthalb Jahrtausend bewohnt hatten, wurden ihnen durch die großen Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts auch durch Kölns Burgthore ihren Einzug hielten, diese Thore geöffnet und gestatteten auch den vertriebenen Juden wieder Einlaß. Am 17. April 1798 ist das erste jüdische Ehepaar aus Mühlheim a. Rh. nach Köln gezogen. In den nächsten Jahren folgten noch 18 Familien, die im Jahre 1802 zur Bildung einer Gemeinde zusammcntraten und ein Gemeindestatut entwarfen, das von den Betheiligten angenommen und unterschrieben wurde. Die Gemeinde entwickelte sich immer mehr, sodaß sie im Jahre 1819 am 12. November (18. Cheschwan 5580) dazu übergingen, den ersten Verein zu gründen, dessen 70jährigem Bestehen die Festschrift gewidmet ist. Zuerst wurde an diesem Tage ein feierlicher Gottesdienst in der schön geschmückten Synagoge abgehalten, bei dem vr. Frank eine ergreifende Predigt hielt. Dann folgte ein Festmahl, an welchem über 300 Personen theilnahmen. Eine Reihe von Ansprachen und Toasten erfolgte, der erste galt dem Kaiser, dessen Büste in bengalischer Beleuchtung erschien. Das Fest schloß mit einem Balle. Strelitz i. Mecklbg., 12. Nov. Aus Anlaß seines 70.