Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1889)
- Date
- 1889-11-28
- Page
- Seite 755 (sequence 7)
- Language
- German
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755 wesenhaften Seins." — „Der Sinn ist durchaus nichts anderes als die Organ gewordene Erscheinung selbst. Das Auge ist das Organ gewordene Licht, das Ohr ist der Organ gewordene Schall." — „Der Pessimist welcher überall das Schlechte und Schlechteste wittert, kann unmöglich Recht behalten, weil unter seinen Voraussetzungen die Welt, natürliche und menschliche, gar nicht lebens- und existenzfähig wären, weil unter der Herrschaft des Schlechten die Welt sich nicht erhalten könnte, sondern sich nothwendig zu Grunde richten müßte. Die riesengewaltigeu Fortschritte zum Bessern kann nur der leugnen, dem alles und jedes historische Bewußtsein abgeht. Wo ist aber neben einer solchen Einsicht noch Raum für einen Pessimismus? Nur das Gute erzeugt Gutes, das Schlechte kann nur Schlechtes Hervorbringen und nur zum Chaos zurückführen." Wir meinen, daß in einer Zeit, wo der Pessimismus, nicht der metaphysische, der ja vom großen Haufen seiner Nachplärrer gar nicht verstanden wird, sondern der ganz gemeine praktische Pessimismus zur Herrschaft gekommen ist, jener Pessimismus, der die Thatkraft lähmt, das Gewissen chloroformirt und seinem Bekenner entweder einen verzweifelten, oder trotzigen, immer aber einen unschönen Ausdruck verleiht, — wir meinen, daß in einer solchen Zeit ein vernünftiger Optimimus erlösend und befreiend wie ein Evangelium wirken müßte. Daß der Rülf'sche Optimismus nichts mit jener von Schopenhauer als ruchlos gebrandmarkten Anschauungsweise gemein hat, mag durch das Bekenntniß des neuen Metaphysikers erhärtet werden: „Freilich jener Zustand des absolut Guten, welcher dem Pessimisten vorschweben und welchen er als Maßstab für die Wirklichkeit der bestehenden Zustände anlegen mag, ist nicht, vorhanden, auch nicht erreichbar. Im Gegentheil, je näher wir ihm zu kommen trachten, je höher wir auf der Staffel des Besseren gelangen, je mehr sich der Ueberblick erweitert und die Erkenntniß des Bessern vermehrt, um so mehr scheint sich das Ziel zu entfernen und vor unserem Streben nach demselben zurückzuweichen." — „Die eigentliche Verwirklichung des Guten ist nur das Streben, ist die Entwickelung zum Guten. Das Gute besteht nur in der Ueberwindung des Schlechten." An anderer Stelle sagt er: „Der Pessimismus sieht alles an, was geschaffen worden, und, siehe, es ist alles sehr schlecht und wenn auch hier und da etwas Gutes in der Natur vorhanden gewesen, so ist es entartet unter der Hand des Menschen." Daß, wie Schopenhauer behauptet, der Optimismus nicht nur eine absurde, sondern auch eine wahrhaft ruchlose Denkart sein soll, ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit; daß auch von dem geschichtlichen Fortschritte unseres Geschlechts keine Besserung zu erwarten sein soll, da ein solcher eigentlich gar nicht stattfinde, indem die moralische Beschaffenheit der Menschheit immer die gleiche bleibe, wie sehr auch die Zustände der Gesellschaft sich ändern mögen — solche Ansichten sind für Rülf schon keine Philosophie mehr, sondern „Krankheit." „Nur ein moralisch zerrüttetes oder krankhaft afficirtes Gemüth kann so reden." Ein einziger freier und offener Blick in die sonnig verklärte, mit aller Schönheit und Pracht ausgestattete Wirklichkeit müsse alle solche trübseligen, hypochondrischen, lebensüberdrüssigen Nacht- und Wahngebilde verscheuchen. „Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual," und mit diesen kleinen Qualen der Menschheit habe es auch noch so seine eigene Bewandtniß. Ja, wenn wir den Menschen, wie er so gern wünscht und will, als die Krone der Schöpfung, als den Mittelpunkt der Welt betrachten dürften. „Was ist jedoch der Mensch, daß du seiner gedenkst, was ist der Erdeusohn, daß du ihn in Betracht ziehst." Der Mensch mit seinen Qualen und Leiden alterire ebensowenig die Weltvollkommenheit, wie das Würmlein, das sich unterm Fuße des Menschen winde, wie der Schmetterling, der sich am Lichte die Flügel verbrannt habe. Schmerzen und Leiden der Menschheit seien für das Naturganze vollkommen unmerkliche Thatsachen, vollkommen verschwindende Momente." — Von hier aus geht Herr v. Gerhardt in den inneren Bau der Rülfschen Metaphysik ein, die uns allerdings etwas zu schematisirend dünkt, was sich schon dadurch bekundet, daß er alle Begriffe auf eine Dreitheilung reducirt, die deshalb bisweilen als eine künstlich angeordnete, wenn nicht erzwungene erscheint. Herr Di-. Rülf erkennt an, daß zu dem „Weltgedanken" und zur „Gedankenwelt" nothwendig ein Drittes gehört, nämlich der „Gottesgedanke". Er wird daher seinem Werke, wie er in der Schlußbetrachtung in Aussicht stellt, wenn er Kraft und Muße findet, einen dritten Band hinzufügen und weist deshalb in seiner Schlußbetrachtung auf den Urgedanken hin, in welchem Denken unb Sein, Denken und Gedachtes nicht mehr geschieden ist: der erschafft, was er denkt, und denkt, was er erschafft; ernennt ihn den Gedanken, in welchem alle Zweiheit des Denkens und des Gedachten aufgehoben und alle Gegensätze der Welt, was sie auch sei und bedeuten, und wie sie auch heißen mögen, beglichen sind und zu unverbrüchlicher Einheit verklärt angeschaut werden — mit einem Worte; den Gottesgedanken, der als Drittes dem Weltgedanken und der Gedankenwelt gegenübersteht, Gedanke und Welt, Welt und Gedanke verbunden, versöhnt, vereinigt darstellt. Dieser Gottesgedanke, obgleich eng an Weltgedanken und Gedankenwelt sich anschließend, bilde doch eine selbständige Wlffenschaft für sich, welche nach Form und Inhalt sich von dem in der vorliegenden Metaphysik vollendeten unterscheide und darum einer ganz besonderen Behandlung bedürfe. Rülf sagte deshalb: „Im Prinzip aber, im Gedanken selbst, war der Gottesgedanke das Erste, welches den Weltgedanken und der Gedankenwelt zu Grunde liegt. Dieser Gottesgedanke ist Anfang