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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-28 · Heft 48 (28.11.1889) · p. Seite 754

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 48 (28.11.1889)
Date
1889-11-28
Page
Seite 754 (sequence 6)
Language
German
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754 kaunten Schriftsteller Gerhardt von Amyntor (Dagobert von Gerhardt) verfaßt, einem Manne, der sich stets durch Humanität und echte Frömmigkeit ausgezeichnet und wiederholt in nachdrücklichster Weise gegen den Antisemitismus geschrieben hat. Wir stellen den Anfang seines Referats hierher, da er den allgemeinen Charakter des Rülfschen Werkes in populärer Fassung wiedergiebt. „Eine neue Metaphysik und zwar, wie ihr Verfasser sich bescheiden ausdrückt, ein „System einer neuen Metaphysik"! Wie der reine Lyriker unter den Dichtern, so ist neuerer Zeit auch der reine Metaphysiker unter den Philosophen, und zwar dort zum Nachtheil der Dichtkunst und hier zum Nachtheil der Denkkunst, in einigen Mißcredit gekommen. Die Metaphysik ist aber so alt wie die Menschheit; der erste Mensch, dem sich schon zwischen Erfahrung und Logik scheinbar unüberwindliche Widersprüche boten, stand ahnungslos vor metaphysischen Problemen, mit denen er sich auf seine Art abzufinden hatte; und noch der letzte Mensch wird mit seinem letzten Seufzer die Fragen des metaphysischen Katechismus um eine unbeantwortete vermehren. Ueber Dem, was „hinter" der Natur steckt, werden wir nie zur Ruhe kommen, der treibende Widerspruch wird nie ganz ausgeglichen werden, und so wird es eine Metaphysik geben, so lange es Menschen giebt. Daraus erhellt klärlich, daß kein System der Metaphysik, und wäre es das tiefste und glänzendste, uns jemals an's heißbegehrte Ziel des Wissens führen wird, daß sich der Metaphysiker schon seiner Aufgabe gewachsen zeigt, wenn nur die Art, wie er forscht und wie er mit dem Netze der Logik seine Schlüsse aus dem großen Gedankenocean fischt, eine eigentümliche, uns interessirende und mehr oder minder zur Beistimmung zwingende ist. Wer dies zugiebt, der wird mit höchster Genugthuung von dem in der Geschichte der metaphysischen Forschung jedenfalls epochemachenden Werke des Di\ I. Rülf Kenntniß nehmen, und ich möchte Jeden, dem sich die Welt und das Leben noch nicht so materialistisch verflacht hat, daß er nirgends mehr ein Räthsel findet, auf diese „Wissenschaft des Weltgedankens und der Gedankenwelt" als auf eine reiche Quelle hohen Genusses und mächtig nachwirkender Anregung hierdurch Hinweisen. Di-. Rülf ist ein strenger Logiker, der niemals in's Blaue hinein irrlichtelirt. „Keine Metaphysik ohne Logik!" ruft er gelegentlich aus, „die Metaphysik fußt auf der Logik, welche im Zerlegen die Verbindungen klarlegt, Die Synthesis durch die Analysis verständlich macht, den Umfang im Inhalte aufzeigt. Jede Metaphysik nur so von oben herab durch allerlei Methoden und Betrachtungsweisen entworfen und gezeichnet, kann sehr tief und geistreich, sehr originell und instructiv sein; allein sie bleibt so lange ein Luftschloß, eine glänzende Fata Morgana, als ihr nicht durch die logische Betrachtung und Unterscheidung ein in allen Theilen geklärtes und bestimmtes Material zugeführt worden ist, aus welchem sie von Grund auf Schicht um Schicht, Stockwerk um Stockwerk ihres Gebäudes aufgerichtet." vr. Rülf ist aber nicht bloß Logiker, er hat sich auch befruchtet mit dem Gedankenertrage aller seiner Vorgänger in der Denkkunst, jedoch so, daß er jedem derselben gegenüber seine eigene Art und Weise des Denkens behauptet hat. Er verwirft die „Substanz" Spinoza's, die „Monade" Leibnizens, das „Ich" Fichte's, das „reine Sein" Hegel's und bezeichnet sie als Gedanken, aus denen eine von der wirklichen Welt nur grundverschiedene Gedankenwelt abgeleitet werden konnte. Auch mit der modernen Naturwissenschaft hat er engste Fühlung gewonnen und macht gelegentlich dem Meister derselben seine tiefste Reverenz; aber auch Darwin's „Kampf um's Dasein" ist ihm ein Schlüssel mit verbogenem Barte; „es ist nicht allein ein Kampf um's Dasein", bemerkt er im Abschnitt „Realität, Idealität, Realismus" — „in weit höherem Maße und Grade ist es „die Beihilfe zum Dasein", welche die Entstehung und Ausbildung aller Arten Gattungen von Wesenheit fördern hilft. Es ist nicht allein Hast und Kampf, es ist auch Liebe und Friede, welche in unendlich wirksamerer und erfolgreicherer Weise den Weltwesen zum Dasein verhelfen." Aus diesen kurzen Sätzen wird schon erhellen, daß Rülf's Metaphysik sich vor dem Fehler der sogenannten „übersinnlichen Erfahrung" überall mit gutem Erfolge hütet, und sich mehr als rationalisirter Empirismus darbietet — die einzige Art von Metaphysik, der sich die Theilnahme eines auch breiteren Laienpublikums heutzutage zuwenden dürfte. Sie ist ein rationalisirter Empirismus streng realistischen Charakters und setzt sich nirgends mit der Logik und den modernen Naturwissenschaften in Widerspruch. Was ihr aber unser ganzes Herz gewonnen hat, das ist die Thatsache, daß sie jeden Pessimismus abzuweisen versteht und einen vernünftigen Optimismus wieder in seine unverjährbaren Rechte einzusetzen beflissen ist. Zu diesem Standpunkte scheint Rülf in Anlehnung an Herbart gekommen zu sein, der mittelst einer positiven Kritik die objective Welt, die Kant sehr fragwürdig gemacht hatte, in aller ihrer Wirklichkeit wieder herzustellen versucht hat. Rülf nimmt die Welt als das, was sie unfern gesunden Sinnen scheint; „aller Sophistik, Kritik und Skeptik und mehr noch allem Idealismus gegenüber möchten wir mit allem geziemendem Respect vor ihren philosophischen Kunstleistungen geltend machen, daß in der ganz ordinären Anschauung der Menschen, selbst des Kindes, mehr Weisheit und Wahrheit liegt als in allen complicirten Weltanschaungen, welche man mittelst abgrundtiefer, philosophischer Contemplation aufzustellen vermochte, daß die Welt aber auch tausendfach schöner und besser sei als in den künstlichsten und raffinirtesten Darstellungen philosophischer Schulweisheit." — „Der Schein der Natur trügt nicht; er ist die wahre und weseuhafte Erscheinung des wahren und

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