Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1889)
- Date
- 1889-11-28
- Page
- Seite 752 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m W 752 die es sich auf religiösem und sittlichem Boden um das Menschengeschlecht erworben hat. Erlaubt sich doch selbst Renan, die Helden des alten Israel zu Carrikaturen oder Barbaren herabzuwürdigen. Was bei anderen Nationen der Vor- und der Jetztzeit in Uebermaß vorkommt, das wird im alten Israel zu einem Verdammungsurtheil aufgebauscht, als ob an dasselbe der Anspruch gestellt werden dürfe, daß es zu aller Zeit ein Jdealvolk in Frieden und Kampf hätte sein müssen. Hierzu kommt, daß sich eine pfadlose Kritik der Bücher unserer h. Schrift bemächtigt hat, die jeden einzelnen Ausdruck in diesem alten Monument zu Schlußfolgerungen über ganze Epochen benutzt, und sich in den kühnsten und grundlosen Hypothesen bewegt. Hierdurch ist die Geschichte des alten Israel in eine Verwirrung gerathen, aus welcher man nur durch die Rückkehr zu den einfachen Berichten der Bibel herauskommt, wohl beachtend, daß in Urkunden, deren Ursprung Jahrtausende zurückliegt, über Einzelheiten und selbst Widersprüche, die sich eingeschlichen, hinwegsehen muß. — Um so weniger kann man erwarten, daß die Juden und das Judenthum des Mittelalters und der Neuzeit unparteiisch und billig gezeichnet und beurtheilt werden. (Sine gerechte Berücksichtigung der Verhältnisse, in die man sie gebracht, und des inneren Entwickelungsganges, den sie nehmen mußten, ist hier selten anzutreffen, wohingegen die härtesten Urtheile, die schmählichsten Angriffe, ja Verleumdungen und Fälschungen allzu häufig sind. Wir müssen hoffen, daß der echt historische Geist und die zuletzt in der Menschheit doch siegreiche Wahrheitsliebe diesem Treiben ein Ende machen werde. Wir haben hierbei nicht im Sinne, eine besondere Vergünstigung zu fordern, wohl aber eine vorurtheilslose, tendenziöse, gerechte Kritik und Geschichtschreibung.! Mau ersieht hieraus, daß die Arbeit der jüdischen Ge-! schichtschreibung noch lange nicht zu Ende, kaum zu blei-; benden Resultaten gelangt ist, und so den kommenden Ge-! schlechtern noch eine große Aufgabe stellt. j Brüx, im November. Die jüdische Geschichte in Geschichtsbildern, ein noth-j wendiger Zestandtheit des Religionsunterrichts. j Bon Dr. G. Deutsch. In Nr. 46 und 47 des vorigen Jahrganges habe ich j diesen Gegenstand einmal gelegentlich berührt, mit dem Weri sprechen, wieder einmal darauf zurückzukommen. Die Sache! ist ja wichtig genug, da der Religionsunterricht doch das ein-! zige mit gewissen Rechten bekleidete Mittel zur Weckung des religiösen Sinnes in den Gemeinden ist und anderseits die - geänderten Verhältnisse der Gegenwart und die junge Er-' fahrung, die uns in diesem Punkte zu Gebote steht, eine Klärung unserer Aufgabe erst für die Zukunft erwarten lasse. Der Unterricht in jüdischer Geschichte ist etwas Neues. Unsere Vorfahren sahen darin eine Art Dilettantismus, welche dem ernsten Gelehrten gar nicht anstand, oder doch nur zu einer Zeit, wo es „weder Tag noch Nacht ist." Ein Gegenstand der Lehre war diese Disciplin schon gar nicht, weder in der rabbinischen Fachbildung noch in dem allgemeinen Religionsunterricht. Nun ist sie es in beiden, im Fachunterrichte als eine Wissenschaft, für die gar nichts Nebensache sein darf, da jedes Steinchen mit beizutragen hat zu dem großen Baue; im Religionsunterricht als ein Mittel zur Belebung des religiösen Sinnes. Allerdings ist zur Erreichung dieses Zweckes auch ein Wissen nothwendig, da nach dem alten Spruche: „ein Unwissender kann nie fromm sein," auch das rein theoretische Wissen ein Mittel der religiösen Erziehung ist. Mehr aber als das bloße Wissen wird die gewonnene Erkenntniß von der dem religiösen Gedanken innewohnenden Kraft, von seiner sittlichen Wirkung, von dem ernsten Streben frommer und geistig bedeutender Männer mit gereister Erkenntniß sich ihre religiöse Anschauung zurecht zu legen, und am meisten von der Erkenntniß, daß verschiedene Lehrmeinungen die Ewigkeit der Religion nicht nur nicht bestreiten, sondern geradezu beweisen, für die Bildung des religiösen Charakters eine Förderung sein. Der wesentlichste Unterschied zwischen der Behandlung der jüdischen Geschichte im Fachstudium und im allgemeinen Religionsunterricht liegt darin, daß sie im ersteren „geistes-, im letzteren charakterbildend" sein soll. Darum soll der Lehrer weniger auf wissenschaftliche Vollständigkeit als auf Darlegung der begrifflichen Klarheit einzelner Erscheinungen sehen. Wichtig ist noch, daß wir niemals aus den Augen verlieren, daß eine Unwahrheit, wenn sie auch edlem Zwecke dient, nicht gerechtfertigt ist. Daß wir also auch die Schwächen der alten Zeit nicht verdecken dürfen, wenn es auch unsere Pflicht ist, sie mit Schonung zu behandeln. Das Gebot: „von einer lügenhaften Sache halte dich fern," gilt auch hier. Wir dürfen ohne Schaden für unsere Sittlichkeit und für die Wirkung der Lehre, die Dinge nicht anders geben wie sie sind, wenn wir uns auch hüten müssen, wie Cham die Blöße des Vaters aufzudecken, denn „wer seine Fehler bedeckt, wird nicht glücklich sein, wer sie aber bekennt und verläßt, findet Erbarmen," was nicht nur von den Individuen, sondern ebenso gut von dem Volke und der Gemeinde gilt. Von Moses sagt uns ja die heilige Schrift, daß er gesündigt habe, und warum dürften wir nicht wahrheitsgemäß äußern, daß ein Mann, wie David Halewi, Verfasser des Ture Sahab, das Judenthum bloß gestellt hat, indem er (Orach Chaim 8 316) eine minutiöse Untersuchung