Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1889)
- Date
- 1889-11-28
- Page
- Seite 751 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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751 Ueblen zu viel thut, so ist doch die große Mehrzahl derselben weit davon entfernt, in die häßlichen Fehler zu verfallen, welche Geiger rügt, oder gar ihren ganzen Werken eine solche Färbung zu geben. Hier ist Eines zu erwähnen. Die Geschichte der Juden seit den Kaisern Constantin und Constantius, und noch mehr seit den Kreuzzügen bietet nichts als eine fortlaufende Reihe von Bedrückungen, Ausschließungen und Beschränkungen, von blutigen Verfolgungen, Mord und Scheiterhaufen und Vertreibungen. Dies gilt nicht bloß von Deutschland, selbst nicht bloß von Spanien, man braucht nur zu lesen, was 1190 und 1290 in England geschehen. So gestaltet sich die Geschichte der Juden während des Mittelalters, selbst wenn man die Thatsachen einfach erzählt, wie sie gewesen, zu einem düsteren Schauergemälde, in welchem nur selten ein Lichtpunkt erscheint, der wieder allzuschnell verschwindet. Dies haben schon viele edle und wahrheitsliebende christliche Schriftsteller anerkannt und sie haben dabei nachdrücklich betont, wie sie bei Lesung solcher Schilderungen im Sinne der christlichen Welt errötheten und erkannt hätten, daß man den Juden Ersatz schuldig sei. Wie könnte man nun von einem jüdischen Geschichtschreiber fordern, daß er ganz kühl an diesem Martyrium, das über tausend und abertausend seines Stammes gekommen, vorübergehen und keinen Ton tiefer Klage und bitteren Gefühls anschlagen solle! Kann man doch in Wirklichkeit Thaten des Verbrechens, des Verrathes und der Rachsucht als Ursachen ihres Schicksals ihnen nicht vorwerfen. Der einzige begründete Vorwurf und oft genug ein ursächliches Moment ist ihr Geldhandel. Aber zu diesem waren sie gezwungen, nicht bloß durch die Nothwendigkeit, weil er ihnen fast den einzigen Erwerb und das einzige Rettungsmittel bot, sondern auch weil sie gesetzlich darauf angewiesen, dazu bestimmt und autorisirt waren. Denn in unzähligen Fällen wurden sie von Fürsten, Herren und Städten nur behufs dieses Geldhandels zugelassen. Nein, jene aalglatte Objectivität, die um die Klippen und scharfen Kanten herumschlüpft, welche den Missethätern die Maske abzureißen und mit scharfem Hiebe die Bertheidigung der Unterdrückten zu führen nicht wagt, kann der Geschichte überhaupt, am wenigsten aber der jüdischen Geschichte etwas nützen. Ist es ihre Absicht, durch die Vermeidung aller Härten zu verhüten, daß nach Jahrhunderten späte Nachkommen sich nicht verletzt fühlen mögen, so geht sie damit aus der Objectivität selbst heraus und nimmt der Geschichte, die nach dem Ausdruck unseres großen Dichters auch das Gericht sein soll, die Kraft der Belehrung, also ihren eigentlichen Werth. Ja, gerecht und von aller Leidenschaftlichkeit frei, soll die Geschichtschreibung sein, aber sie soll auch die Pfade des Lebens beschreiten, ungeschminkt die Wirklichkeit darstellen und ganz besonders den Entwickelungsgang der Menschheit aus der Barbarei zur Cultur, zur Humanität und zum Rechte uns vor Augen führen. — Anders liegt die Sache für die Geschichte des Judenthums als Religion und Cultus. Für diese ist ein theilnahmvolles Versenken in das Wesen und die Tendenz der Erscheinung, in den inneren Zusammenhang von Ursache und Wirkung unentbehrlich, und eine bloß äußerliche Beschreibung wäre nur das Herbeiführen und Ansammeln von Baumaterial, was sogar in einem gewissen Ueberflusse geschehen kann, so daß der eigentliche Aufbau dadurch nur erschwert wird. Aber gerade deshalb ist es auch von entschiedener Wichtigkeit, daß die Apologie möglichst beschränkt wird, durch welche die wissenschaftliche Erkenntniß des die Erscheinungen gestaltenden und beseelenden Geistes geradezu hintenangehalten wird. Und dies ist allerdings auf dem gedachten Gebiete übermäßig der Fall, indem die Autoren nicht allein in den Monographien im Lobe der Biographirten gewissermaßen schwelgen, sondern auch die großen Phasen in der Entwickelung des Judenthums mit einer unbeschränkten Pietät, mit dem Wegfall jeder kritischen Untersuchung behandelt werden, so daß wir in der Kenntniß der Einzelheiten sehr weit, in der Beurtheilung derselben noch sehr wenig vorgeschritten sind. Es liegt dies zum großen Theile in den Verhältnissen, wird sich jedoch entschieden bessern, je mehr ein echt wissenschaftlicher Geist sich auch dieses Theils der Geschichtschreibung bemächtigt. — Wir haben bis hierher diese Geschichtschreibung, wie sie von jüdischen Autoren betrieben wird, in Betracht gezogen Aber es giebt hier noch eine andere Seite, die gar sehr ins Gewicht fällt, nämlich die Bearbeitung unserer Geschichte von christlicher Seite. Auch hier liegt uns ein sehr scharfer „Protest" und zwar vom sel. Abraham Geiger vor. Er sagt: „Die christlichen Theologen haben nun einmal kein Organ für eine gerecht und unparteiisch uriheilende Geschichtsforschung, das Judenthum muß schlecht, das Christenthum voll Heils sein, mögen auch die geschichtlichen Thatsachen noch so laut und entschieden das Gegentheil verkünden...." Was hier von den „Theologen" ausgesagt wird, findet allerdings auch bei nicht wenigen nichttheologischen Autoren statt, welche die Geschichte des Judenthums und der Inden behandeln. Boraussehen sollte man, daß wenigstens die Geschichte des alten Israels sich der Unparteilichkeit erfreuen sollte, da ja das Alte Testament auch als Religionsurkunde für das Christenthum gilt. Dies ist aber nicht der Fall, und da unsere Bibel die Schwächen und Verirrungen des Volkes und die Vergehungen der in ihr auftretenden Persönlichkeiten offenmüthig, bisweilen mit großer Strenge schildert, so benutzt man dies, um schonungslos das alte Israel bloßzustellen und zu verurtheilen. Man gestattet sich hier nicht bloß, das Einzelne zu verallgemeinern, sondern es auch zu verdrehen, offenbare Thatsachen davor zurückzusetzen, um so dem alten Israel die Verdienste absprechen zu können, 48*