Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1889)
- Date
- 1889-11-28
- Page
- Seite 750 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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750 reit» vorhandenen Werke ein Streiflicht fallen Ließe, als auch für die Fortsetzung derartiger Arbeiten einige Winke enthielte. Die erste und hauptsächlichste Forderung, welche an jede Geschichtschreibung gestellt wird, ist die sorgfältige Einhaltung der „Objectivität", der „Unparteilichkeit". Wer einer geschichtlichen Erscheinung, bestehe sie in einer Persönlichkeit, einer Situation, oder einem Ereigniß, näher tritt, um sie zu erforschen und zu beschreiben, muß jede besondere Tendenz, jede bestimmte Absichtlichkeit, jede Voreingenommenheit oder gar Leidenschaftlichkeit, wie die Parteinahme sie in größerem oder geringerem Maße bietet, gewissenhaft von sich fern halten. Thut er dies nicht, giebt er sich Vormtheilen, Parteizwecken hin, so wird er kein richtiges Geschichtsbild, kein der Wahrheit und Wirklichkeit entsprechendes, sondern ein gefälschtes, ein Zerrbild, wenn nicht eine Earrikatur liefern. Dies ist ein anerkannter Grundsatz, wenn er auch nur selten in vollstem Maße beobachtet wird. Gehört doch der Geschichtschreiber seiner eigenen Zeit an und wird selbst unbewußt von den in derselben herrschenden Ansichten geleitet; noch mehr, in einer so bewegten und in Parteien zerklüfteten Aera wie die unsrige ist, kann er sich kaum einem gewissen Parteistandpunkte entziehen. So in politischer, in religiöser und wissenschaftlicher Beziehung. Aber dem eifrigen Streben nach Objeetivitüt steht noch eine andere Gefahr bevor. Indem der Geschichtschreiber sich objectiv seinem historischen Gegenstände gegeniiberstellt, kühl bis ans Herz, wird es ihm oft unmöglich, sich theilnahmsvoll in das innere Leben desselbeu zu versenken, sein Wesen zu begreifen, sich auf den Boden zu versetzen, aus welchem er erwachsen ist, in die Verhältnisse und Bedingungen seiner Existenz. Die Folge ist, daß diese objective Darstellung nur an der Oberfläche verbleibt, sich entweder auf die kritische Sichtung der Thatsachen, auf das bloße Ansammeln des Materials beschränkt, oder doch nur den Schein des Lebens, nicht aber das Leben selbst zu reproduziren und abzuspiegeln vermag. Selbst das Urtheil wird mehr juristisch als psychologisch richtig ausfallen. Wir meinen sogar, daß es dem Geschichtschreiber nicht gelingen werde, ein wahres Bild seines Objectes herzustellen, wenn er nicht mit einer gewissen Liebe sich in dasselbe einzusenken versteht. Es ist, wie wenn ein bildender Künstler die Zeichnung mit dem schärfsten Stifte ausführt und die passendsten Farben auftragt, jedoch keinen Sinn für den Charakter und die Gemüthsverfassung oder für den Effect der Situation besitzt, um diese zum Ausdruck zu bringen. Es wird ein correktes, aber lebloses Bild werden. Oder ein solcher Geschichtschreiber gleicht dem Anatomen, der mit seinem Skalpel die Leiche secirt, ihre Glieder und Gewebe zertheilt — aber das organische Leben bleibt ihm fremd und unerkannt, uno diesem nachzugehen und es aufzufinden, muß er dem tiefer forschenden und geistvolleren Physiologen überlassen. Wir wollen zum Beweise einige Beispiele heranbringen. Wenn ein moderner Geschichtschreiber, der sich der Objectivität befleißigt, einem frommen Rabbi aus vergangenen Zeiten begegnet, wie wird er diesen auffassen? Er hat keine Ahnung von dem Gedankenkreise und der Empfindungsart, in welchen der Rabbi lebte, von seiner Ueberzeugungstreue, seiner Hingabe an die durch die Satzung vorgeschriebene Askese, von seiner Aufopferungsfähigkeit für das Judenthum seiner Zeit, und da ihn sein Standpunkt verhindert, sich dahinein zu versetzen, so wird er den Rabbi, der in seiner Art ein ausgezeichneter Mensch gewesen, als einen abergläubischen Fanatiker behandeln. Daß dies keine bloße Voraussetzung ist, kann ein drastisches Beispiel lehren. Gesenius, der ausgezeichnete Orientalist, nennt in einer kritisch-historischen Einleitung den großen Bibel- und Talmudcommentator Raschi den „aberwitzigen Jarchi". Wieso kam dies? Gesenius, der verdienstvolle Förderer der hebräischen Grammatik und Lexicographie und geistvolle Exeget, wie seine Uebersetzung und Erklärung des Jesaias beweist, ein nüchterner Rationalist, nahm daran Anstoß, daß Raschi in seinem viel gelesenen Commentar zu viel Anhänglichkeit an die traditionelle Auslegung erweist, wenn er auch oft genug auf den einfachen Wortsinn eingeht. Nun hatte G. keine Ahnung von der Bedeutung, von dem Wesen und der Methode der traditionellen Auslegung, und weil sie, wo er ihr begegnete, den einfachen Wortsinn ihrer Zwecke wegen verläßt, ohne diesen geradezu aufzugeben, perhorrescirt er sie. So war er, der objectiv den geschichtlichen Weg der Exegese verfolgte, dahin verleitet, einen so genialen Erklärer, wie Raschi durch seine umfassende Gelehrsamkeit und seinen Scharfblick war, weil er sich naturgemäß von dem Boden nicht trennen konnte, auf welchem er groß geworden, in einer so niederschmetternden Weise zu charakterisiren. Selbstverständlich blieb es nicht aus, daß jene schiefe Darstellung bald erkannt und beseitigt wurde. Es kam die Zeit, wo der geschichtliche Entwickelungsgang erkannt wurde und man Raschi als eine feste Brücke von der älteren zur neueren Exegese würdigte. — Dies führt uns an die Geschichtsforschung und Geschichtschreibung auf dem Gebiete des Judenthums und der Juden näher heran. Diese ist ein Problem, dessen Lösung schwierig ist. Bon der einen Seite macht man dem jüdischen Geschichtschreiber einen Borwurf, wenn er die Apologie der Juden übertreibt und gegen ihre Feinde sich bis zu gehässigen Aeußerungen geleiten läßt. Dies ist an sich richtig, aber Prof. Geiger läßt sich hierüber in so harten, ja leidenschaftlichen Worten aus, daß wir sie hier wiederzugeben für überflüssig halten. Auch sind sie, so allgemein hingestellt, ungerecht und unzutreffend. Denn wenn auch dieser oder jener jüdische Geschichtschreiber sich dann und wann von der Linie der Mäßigung entfernt und des Guten oder vielmehr des