Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-21 · Heft 47 (21.11.1889) · p. Seite 746

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 47 (21.11.1889)
Date
1889-11-21
Page
Seite 746 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227819--46667-3266244
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

/ 746 Frau Mathilde unterhielt sich einmal mit Meißner über das religiöse Bekenntniß ihrer Hausfreunde. Und die naive Französin war ganz erstaunt, als der deutsche Dichter ihr erklärte, diese wären meistens Juden. „Was," rief Mathilde aus, „Juden wären sie?" Ja, allerdings, Alexander Weill ist ein Jude, er hat mir selbst erzählt, daß er Rabbiner hat werden wollen — aber die Uebrigen, alle die Nebrigen . . . . Da ist z. B. Karpeles — Karpeles, der ist doch kein Jude; der Name klingt doch so urdeutsch, so echt deutsch." „Sagen Sie vielmehr griechisch, altgriechisch," erwiderte Meißner, dennoch glaube ich kühn behaupten zu können, daß unser gemeinsamer Freund Karpeles ebenso wenig altgriechischem wie altgermanischem Blute entsprossen ist." „Nun gut. Aber Levy, — Bamberg —" „Sind in gleichem Falle." „O nein, sie irren sich, das sind alles keine Juden!" rief Frau Mathilde aus. „Das machen sie mir nimmermehr weis. Am Ende werden Sie wohl noch behaupten wollen, daß Cohn ein Jude sei? Aber Cohn ist ein Verwandler von Henri, und Henri ist ja Protestant und glaubt an Luther — " „Ja, Sie haben Recht," erwiderte Meißner ernsthaft, „in Bezug auf Cohn habe ich mich wohl geirrt!" Diese Anekdote erzählte uns Meißner an einem trüben Herbsttage vor ungefähr achtzehn Jahren. Wir sprachen damals noch viel und Gutes von Karpeles. Und an einem ebenso trübem Herbsttage werden sie nun den braven Gesellen einbetten zur ewigen Ruhe. Sie werden nicht wissen, die ihm diesen kleinen Liebesdienst erweisen und die letzte Schaufel mit Erde auf sein Grab werfen, daß sie auch den letzten von eines großen deutschen Dichters persönlichen Freunden begraben helfen. Mag Dir die Erde leicht sein, mein alter Namensvetter! Deckt sie doch diesmal wirklich einen der bravsten Menschen, den sie je getragen! Die Einweihungsfeier des neuen Alumnats? gebiiudes der Iakobfonschule in Seesen.') Am vergangenen Sonntag fand die Einweihung des? neuen, vom Kgl. Reg.-Baumeister Friedeberg in Berlin er-! bauten Wohngebäudes statt, welches zur Aufnahme der Hausschüler der Jakobsonschule bestimmt ist. Ein stattlicher Kreis von Bürgern Seesens war der Einladung zur Feier gefolgt, viele alte Schüler und frühere Lehrer waren zur Stelle, von seiten der Behörden nahmen Schulrath Eberhard-Braunschweig, Regierungsrath Dannenbaum-Gandersheim und Bürgermeister Hille-Seesen theil. Der Choral „Nun danket alle 1) Aus „Seesener Beob." Gott" eröffnete die Feier, dann hielt im Namen des Kuratoriums Dr. Julius Jakobson, ein Enkel des Stifters, die Weiherede, in welcher er den Erbauern, sowie allen denen, die durch Rath und That das Werk gefördert hatten, herzlichen Dank aussprach, insbesondere den Staatsbehörden und dem Director Philippson, in dessen Hände das Curatorium vertrauensvoll die Leitung des neuen Hauses lege Schulrath Eberhard beglückwünschte die Anstalt zu der schönen Schöpfung, die sie ins Leben gerufen habe, und äußerte seine freudige Genugthuung über das Gedeihen der Schule, mit der er seit einer Reihe von Jahren in Verbindung stehe, die er nicht nur als Vorgesetzter überwache, sondern als warmer Freund besuche. Er könne dies, denn die Leitung der Anstalt habe es, ganz im Sinne des menschenfreundlichen, einsichtsvollen Stifters verstanden, das Arbeitsfeld ganz zu beschranken auf eine gediegene, wissenschaftliche Ausbildung zu praktischen Berufszweigen, aber dennoch einen ehrenden Platz unter den höheren Lehranstalten des Landes zu erringen. Direktor Philippson versicherte Namens des Lehrerkollegiums und der Schüler das Curatorium für die reiche, sachgemäße Ausstattung, für die Berücksichtigung aller kundgegebenen Wünsche des warmen innigen Dankes und sprach die Hoffnung aus, daß die Behörden auch fernerhin der Anstalt ihr Wohlwollen erhielten. Er gab sodann einen Ueberblick über die Gründe, die einen Neubau des Alumnats unabwendbar gemacht hatten. Wohl habe das alte Haus, das nach nahezu hundertjährigem Bestehen nur schweren Herzens niedergerissen sei, als stattlicher Bau seinerzeit gegolten und seiner ursprünglichen Bestimmung entsprochen. Aber mit der Zunahme der Schülerzahl und der allmählichen Erweiterung aller Lebensbedürfnisse, haben sich trotz steter Verbesserungen und fortgesetzter Anbauten zwei Mängel vor allem fühlbar gemacht. Der Sinn für Ordnung und Sauberkeit, das Gefühl für Schönheit haben in den jungen Gemüthern nicht genügend gepflegt werden können, wenn die Knaben sich in Räumen sahen, die diesen Anforderungen infolge langer Ab-! Nutzung und theilweiser Baufälligkeit nicht mehr entsprachen; und die körperliche Ausbildung im Sinne der neuen Hygiene, das Verlangen nach Licht und Luft sei nicht befriedigt! worden. Alles dies erfülle das neue Haus, und er hoffe und vertraue, daß sich seine Bewohner desselben würdig zeigen werden. Nachdem Dr. Tachau die Grüße der Samsonschule in Wolfenbüttel, Herr Magnus die Segenswünsche des Jakobsonschen Waisenhauses übermittelt hatte, forderte der Director die Anwesenden zu einem Rundgang durch das Gebäude auf. Hohe, luftige Schlafräume, die zur Aufnahme von 160 Insassen bestimmt sind, stehen in unmittelbarer Verbindung mit den Garderobezimmern und dem Waschsaal, der jedem Schüler ein eigenes Wasserbecken mit Zuleitungs- und Abfluß-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.