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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-21 · Heft 47 (21.11.1889) · p. Seite 742

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 47 (21.11.1889)
Date
1889-11-21
Page
Seite 742 (sequence 10)
Language
German
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742 Pattai die Antisemiten deutsch-nationaler Färbung kurzweg als Hochverräther klassificirte, auf die über kurz oder lang das Anarchistengesetz Anwendung finden dürfte, behandelten die solcherart tractirten Deutschnationalen den I)r. Pattai und seine engeren Parteifreunde als gemeingefährliche Streber und Denunzianten, die über die Schultern ihrer früheren Bundesgenossen weg es zu Stellung und Macht, sowie zu anderen, im Leben wichtigen und angenehmen Dingen bringen möchten. Derlei offenherzige und durch erschöpfendes Beweismaterial unterstützte Auseinandersetzung^ haben nun erreicht, was den Gegnern, denen man mrt unverhülltem Mißtrauen entgegengekommeu, nie gelungen wäre, nämlich, daß man ihnen vollen Glauben schenkte. Die nächste Folge davon war eine starke Ernüchterung jener Volkskreise, in welche der Antisemitismus Eingang gefunden hatte und welche der antisemitischen Heilslehre kurze Zeit ein gläubiges Ohr geschenkt hatten. So leicht wie die antisemitischen Führer sich die Dinge vorgestellt haben, geht es am Ende doch nicht. Man kann nicht Wochen hindurch sich gegenseitig öffentlich heruntermachen und dann Denselben, die man Tigs vorher noch in der despectirlichsten Weise behandelt hatte, ohneweiteres zurusen: Seid einig! Das läßt sich keine Wählerschaft, auch nicht jene von Wien gefallen. Der Wiener Wähler ist seinem Charakter nach großentheils Raisonneur; er raisonnirt gelegentlich auch über Fortschritt und Liberalismus, aber er hat doch auch wieder einen recht klaren, besonders für unfreiwillige Komik empfänglichen Blick; er ist überdies ein recht empfindliches Instrument, auf dem nicht der erste beste Stümper spielen kann, und wenn man ihm überdies ungenirt zeigt, daß man sich seiner lediglich als Stimmvieh bedienen lvill und dabei sogar vergißt, Maske und Schminke anzulegen, so kann ec recht ungemüthlich werden. Alle diese für jeden Wiener ganz landläufigen Erfahrungen haben die leitenden Herren der feindlichen antisemitischen Brüder ganz außer Acht gelassen und die Consequenz ihres Vorgehens tr»t gestern deutlich zu Tage. Man wird wohl versuchen, die begangenen Fehler wenigstens theilweise zu repariren, allein die gegenseitige Verhetzung im alitisemitischen Lager hat bereits jo große Dimensionen angenommen, daß die Spaltung kaum mehr zusammengeleimt werden dürfte. Ueberdies kommen schon in den nächsten Tagen verschiedene neu zu gründende antisemitische FractionSjournale, die hauptsächlich zur Bekämpfung der ehemaligen Alliirten ins Leben gerufen werden sollen, zu Worte und dies allein läßt schon daraus schließen, daß die Dissonanzen demnächst erheblich verstärkt, keineswegs aber abgeschwächt, oder gar beseitigt werden dürften. Wenn es in dem in letzter Zeit von den veruneinigten „vereinigten Christen" eingeschlagenen Tempo weiter geht, dann steht wohl für die nächste Zeit ein Journal- und in weiterer Folge ein Partei-Krach in ziemlich naher Aussicht. Immerhin sind noch Rückfälle möglich, allein als ein erster Schritt für eine Gesundung der recht ungemüthlich gewordenen Wiener Verhältnisse sind die gestrigen Bezirksausschuß- Wahlen werthvoll und erfreulich. Die antisemitischen Führer werden hoffentlich schon dafür sorgen, daß es nicht bei diesem ersten Schritte sein Bewenden hat, sondern daß die Gesundung der Bevölkerung noch weitere Fortschritte macht. (Wie dem auch sei, die obige Auseinandersetzung zeigt doch, wie groß der Umfang war, den der Antisemitismus in Wien erreicht hatte. Daß die Bevölkerung einer Großstadt solchen schwankenden Strömungen unterworfen ist, giebt Zeugniß von einem geringen Culturstand. Redaet.) Von der Donau, ö. November. (Privatmitth.) In einem Orte des Barser Comtats wurde die von einigen jüdischen Familien erhaltene Winkelschule vom königl. Schulinspektor aufgelöst und die Erhalter der Schule wurden zu einer Strafe von 2ö0 Gulden zu Gunsten des oberungarischen Kultusvereins verurtheilt. — Die israel. Gemeinde zu Baja, welche seit Jahren Volks- und Bürgerschulen, sowie eine Höhere Mädchenschule erhält, erbaute ein den hygienischen und Pädagogischen Anforderungen entsprechendes neues Schulgebäude, das in diesen Tagen feierlich eingeweiht wurde. — — Die israel. Gemeinde zu Szephalom hat den Beschluß gefaßt, eine neue Synagoge zu erbauen. Stratonitz, 10. November. In der Nacht von Freitag auf Samstag wurde dw hiesige Synagoge erbrochen und geplündert. Die Thorarollen wurden zerrissen. Die Verwüstung war eine derartige, daß am Samstag die Abhaltung des Gottesdienstes unmöglich war. Es wurden die eifrigsten Nachforschungen nach den Plünderern gepflogen, denen man bereits auf der Spur ist. Es liegt die Vermuthung vor, daß man es hier mit einem antisemitischen Bubenstück zu thun hat. Frankreich. Paris, 13. November. (Privatmitth.) Durch die Wahl des Herrn Zadoc Kahn zum Großrabbiner des Central-Consistoriums von Frankreich ist die Stelle des Grotzrabbinen von Paris erledigt, und zugleich die des Großrabbinen von Nancy durch den Tod des Herrn G. R. Liebermann. Wie man meldet, sind auch drei Gemeinde-Rabbinerstellen in Algerien zu besetzen. Eine Erwartung, die wir von Herrn Zadoc Kahn hegen, sei hier ausgesprochen. Als Herr Franz Philippson in Brüssel durch eine Zuschrift an die Arch. isr. und eine bedeutende Spende die Anregung zu einer, gänzlich mangelnden französischen Uebersetzung unsrer h. Schrift für das jüdische Publikum, für Schule und Haus, gab, richtete Herr Z. Kahn ein Schreiben an die Arch. isr., in welchem er sagte, daß er diesen Gedanken schon früher gehabt. Wir

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