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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-21 · Heft 47 (21.11.1889) · p. Seite 740

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 47 (21.11.1889)
Date
1889-11-21
Page
Seite 740 (sequence 8)
Language
German
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740 Deutschland. Berlin, 10. Nov. Als einen Beweis, welche Theilnahme noch immer die russisch-jüdische Auswanderung hier findet, und daß es ihr an thätiger Mithilfe nicht fehlt, geben wir folgende Mittheilungen des „B. B. C.„: Tie Auswanderung russischer Israeliten aus den russischen Südprovinzen, namentlich aus Bessarabien nach Argentinien, dauert fort. Ein solcher Emigrantenzug befindet sich, wie schon erwähnt, augenblicklich im städtischen Asyl für Obdachlose am Prenzlauer Thor. In diesem Asyl fand am 2. d. M. um zehn Uhr Vormittags in Gegenwart des Jnspectors, sämmtlicher Beamten und verschiedener Herren und Damen aus der Berliner Gesellschaft — darunter auch ein Wohlthäter der Auswanderer — ein feierlicher Gottesdienst statt, welchem sich eine Predigt anschloß. Der Redner, Herr Albert Katz, überreichte zunächst dem Herrn Jnspector, der sich in wahr' Haft väterlicher Art und Weise der Emigranten angenommen hat, ein von ihm in hebräischer Sprache verfaßtes Kaisergebet als Zeichen des Dankes der Auswanderer für die ihnen von demselben erwiesenen Wohlthaten. Sodann wandte er sich an die Anwesenden und ermahnte die Auswanderer in rührenden Worten, ihrem russischen Vaterlande niemals Gefühle des Hasses nachzutragen dafür, daß sie aus seinem Schooße ausgestoßen seien. Hierauf ergriff Herr Jnspector Bandemer das Wort und dankte in herzlichster Weise für die erwiesene Anerkennung. Mit einem Gebete für das Wohl der Stadt Berlin, des Magistrats, der Stadtverordneten und der wohlthätigen Anstalten derselben schloß die eigenartige Feier, welcher circa hundert Personen beiwohnten. Berlin, 13. November. (Privatmitth.) Es ist immerhin ein bemerkenswerthes Symptom, daß die Antisemiten sich ihres eigenen Namens, den sie mit so vieler freudigen Hoffnung erfunden und mit Stolz sich beigelegt haben, bereits schämen und ängstlich nach anderen Bezeichnungen suchen, hinter welche sie sich bergen möchten. In Berlin nennen sie sich „Christlich-Sociale", in Leipzig „Deutsch-Sociale", in Dresden „Reformer", in Wien „Deutsch-Nationale", vor Kurzem noch „Vereinigte Christen", die „Vereinigung" ist jedoch schon wieder in die Brüche gegangen. Der einfache Schluß, den wir hieraus ziehen können, ist, daß Antisemit kein Ehrentitel mehr ist, vielmehr bei dem großen Publikum in Mißkredit gerathen. Wirklich brauchen die Leute für ihre antijüdische Gesinnung keine Fahnenträger und keine Trommelschläger. Sie tragen sie nach den Beispielen ihrer Väter seit so vielen Jahrhunderten in ihrem Herzen mit sich durch das Leben, halten diese ihre antisemitische Gesinnung bei Gelegenheit zurück, bei anderer geben sie ihr einen entsprechenden Ausdruck durch Wort oder That, bisweilen stimmen sie sie sogar eine Zeit lang auf Humanität und Duldung um, verlieren nein, sie verlieren sie nicht. Als nun jene wüste Agitation begann, glaubte der große Haufe, durch diese Hetzer etwas gegen die Juden ausrichten zu können, noch dazu, so lange man voraussetzte, in den maßgebenden Kreisen Unterstützung zu finden. Nachgerade stellte es sich aber heraus, daß diese Agitation vollständig ohnmächtig sei und weder in den Hallen der Gesetzgebung noch auf den Straßen etwas auszurichten vermöge. Nebenbei sah man sich denn auch die Männer genauer an, welche das große Wort führten. So mußte es denn kommen, daß der Antisemitismus als solcher in Verruf kam und er nun wohl bald von der Tagesordnung verschwinden wird, ohne freilich daß wir auf eine Umwandlung der Grundstimmung schon in der nächsten Zeit zu rechnen hätten. — Die Symptomatologie ist ein wichtiger Zweig der Pathologie. Deshalb mag hier auch folgendes verzeichnet sein. In Wriezen a. O. fand im Schützenhause eine Versammlung der „innernStadtmission" statt, in welcher Stöcker eine Rede hielt. Es war nämlich das Verlangen gestellt worden, in der Marienkirche einen desfallsigen Gottesdienst abzuhalten, bei dem Stöcker die Predigt halte, der Gemeindekirchenrath hatte jedoch die Kirche zu diesem Zwecke verweigert. Hierüber hat nun im Namen des Kirchenraths der Oberpfarrer Euchler in der „Wrzn. eine Erklärung veröffentlicht, chie in dem Satze gipfelt, daß der Gemeindekirchenrath „das Auftreten Stöckers als Redner unter den obwaltenden allgemeineu und hier herrschenden besonderen Umständen nicht für erwünscht und räthlich hält". Am Schluffe der Erklärung heißt es: „Daß übrigens die oben angedeuteten Besorgnisse ^des Gemeindekirchenraths nicht unbegründet gewesen sind, beweist leider nur zu deutlich ein bekannter trauriger Vorfall hier, der noch weiter traurige Folgen in seinem Nachspiel haben dürfte. Der Gemeindekirchenrath aber hat die Pflicht, so weit an ihm ist, darüber zu wachen, daß in der Gemeinde der Friede gewahrt bleibe". Es wäre von Interesse, über den von dem Oberpfarrer angedeuteten traurigen Vorfall Näheres zu erfahren. Jedenfalls giebt es einen Einblick in die betreffenden Verhältnisse und wirft ein besonderes Streiflicht auf die Stellung Stöckers. Leipzig, 8. November. Die neueste Nummer der Hierselbst erscheinenden „Antisem. Corresp." enthält die Mit"

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