Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1889)
- Date
- 1889-11-21
- Page
- Seite 739 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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739 lassen, und zwar nicht der Verunglimpfungen wegen, welchen er möglicher Weise ausgesetzt sein wird, sondern er hatte die Pflicht, den möglichen Schaden, der seinen Glaubensgenossen erwachsen könnte, zu verhüten. Ich möchte nur noch den Punkt in Betreff der Bildung der Juden im Vergleiche zu der der Christen, die Güdemann höher stellt, berühren. Es ist eine Thatsache, daß bis auf die neueste Zeit, als der Schulzwang eingeführt wurde, es unter den Juden bei Weitem weniger Analphabetisten gab als unter den Christen. Wenn auch die Juden nicht verstanden, in der Landessprache zu lesen oder zu schreiben, in i ihrem Gebetbuche konnten sie, wenn auch oft sehr fehlerhaft, lesen; viele verstanden den Pentateuch und konnten in der jüd. Cursivschrift schreiben. Es gab daher nur höchst selten Analphabetisten unter den Juden, während sie unter Christen da und dort 30—40 pCt., ja noch mehr ausmachten. A. Berlin, 12. November. Bei Gelegenheit der Feier des 70. Geburtstages Daniel Sanders', worüber wir bereits berichtet haben, bringt die Voss. Ztg. folgende Bemerkungen: Heute, 12. November d. I., feiert Prof. Dr. Daniel Sanders seinen 70. Geburtstag. Sanders ist eine der wenigen Persönlichkeiten in Deutschland, welche, ohne ein Lehramt oder sonst eine officielle Stellung zu bekleiden, lediglich durch ihre Forschungen einen weit über die Grenzen des Landes hinausreichenden wissenschaftlichen Ruf sich erworben haben. Nur ein Decennium, von 1842—52, war es ihm vergönnt, seinen Philologenberuf als Leiter der jüdischen Privatschule in Neu-Strelitz praktisch zu bethätigen. Als jedoch diese Anstalt durch die Ungunst der Zeitverhältnisse einging, — verdankte doch Sanders selbst dieser Schule seine erste Bildung — widmete er sich ganz und gar literarischer Thätigkeit. Schon als Student zu Berlin (1839—42) hatte er, angeregt durch die Collegia von Boekh, Droysen, Dove, Dirichlet u. a., sowie durch den regen Gedankenaustausch mit seinen Studiengenossen W. Koner, H. B. Oppenheim, Moritz Carriere und Steinschneider, zu denen sich noch der bekannte Humorist Glasbrenner und zwei junge Griechen, Kangelarius und Jraklis Mitropedes, gesellten, eine Sammlung neugriechischer Volks- und Freiheitslieder veröffentlicht, auch wiederholt Beiträge für Herrig's „Archiv für das Studium der neueren Sprachen", „Jahrbücher für die wissenschaftliche Kritik", Fleckeisen's „Jahrbücher für Philologie und Pädagogik" und andere Zeitschriften geliefert. Die Aufmerksamkeit weiterer Kreise lenkte er aber erst im Jahre 1844 auf sich durch seine auf gründlicher Kenntniß des Alt- und Neugriechischen beruhende Schrift „Volksleben der Griechen, dargestellt und erklärt aus Liedern, Sprüchwörtern und Kunst-I gedichten". Dieselbe anmuthige und geschickte Darstellungsweise, welche diese Schrift auszeichnet, findet sich auch in seinen 1845 zur Ergänzung der gebräuchlichsten Lesebücher herausgegebenen „Gesprächen" wieder. Bald jedoch traten germanistische Studien in den Mittelpunkt seines Wirkens und Schaffens. Die 1852 bei Hosmann u. Campe über das „Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm" veröffentlichte kritische Beleuchtung verschaffte ihm durch Vermittelung von Otto Wigand in Leipzig den ehrenvollen Auftrag der Weberschen Verlagsbuchhandlung, die Ausarbeitung eines deutschen Wörterbuches für alle gebildeten und bildungsbeflissenen Deutschen vorzunehmen. Nachdem bereits 1854 sein „Programm i eines neuen deutschen Wörterbuches", worin er die an die Lexikographen der Zeit mit Fug und Recht vom praktischen wie wissenschaftlichem Standpunkte zu stellenden Ansprüche in scharfen Zügen klarlegte, gewissermaßen als Vorwort erschienen war, konnte er das Werk selbst in 3 starken Quartbänden unter dem Titel: „Wörterbuch der deutschen Sprache mit Belegen von Luther bis auf die Gegenwart" 1865 dem Publikum vorlegen. Die Anerkennung für dieses Denkmal deutschen Fleißes und deutscher Gelehrsamkeit blieb weder aus den Fachkreisen der Philologen aus, noch von Männern, die, im praktischen Leben stehend, den Werth dieser Arbeit nach Gebühr zu schätzen wußten. Im Dienste der nationalen Sprachforschung gab Sanders ferner noch eine Reihe wichtiger Publikationeu heraus: „Heitere Kinderwelt" 1868, „Fremdwörterbuch" 1871, „Wörterbuch der deutschen Synonymen" 1871, „Vorschlag zur Feststellung der einheitlichen Rechtschreibung für Alldeutschland" 1873/74, „Deutscher Sprachschatz, nach Begriffen geordnet" 1874—76, „Orthographisches Wörterbuch" und „Katechismus der deutschen Sprache" 1878", „Geschichte der deutschen Sprache und Literatur" und „Neue Beiträge zur deutschen Synonymik" 1881, „Satzbau und Wortfolge" 1882, „Verdeutschungswörterbuch" 1884, „Ergänzungswörterbuch der deutschen Sprache" 1886, „Lehrbuch der deutschen Sprache für Schulen" 1888. Mit Ausnahme der 1884 erschienenen „Geschichte der neuen griechischen Literatur", womit unser Gelehrter für kurze Zeit zu seiner Jugendneigung zurückkehrte, ist derselbe wie kaum ein zweiter Forscher für die Aufhellung und Sicherstellung des deutschen Sprachschatzes behufs richtiger Verwendung im mündlichen und schriftlichen Verkehr unablässig thätig gewesen. Mit Genugthuung kann der Greis also heute auf die reichen Früchte einer nahezu 50 Jahre lang derselben Sache ununterbrochen gewidmeten Thätigkeit zurückblicken. Mit bienenartiger Emsigkeit unermüdlich forschend, sammelnd, zusammenstellend, ordnend, corrigirend u. s. w. hat er sich doch den freien Sinn und die frische Empfänglichkeit für alle Erscheinungen des politischen wie «literarischen Lebens bewahrt. Möge dem im besten Sinne des Wortes nationalen Manne noch ein langer, kummerloser Lebensabend beschieden sein. »i