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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-21 · Heft 47 (21.11.1889) · p. Seite 738

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 47 (21.11.1889)
Date
1889-11-21
Page
Seite 738 (sequence 6)
Language
German
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738 kann eine wirksame nationale Idee garnicht haben, wohl aber ein gemeinsames religiöses Bekenntniß und eine gemeinsame Verkörperung desselben in der Erscheinung. Schließlich mußten sich auch die Urheber dieser Partei bekennen, daß sie zu deren Verwirklichung die Mittel und Wege nicht zu finden und anzugeben wußten. — Dies ist es, was in jener Zeit unsere russischen Glaubensgenossen bewegte und tausendfach erörtert wurde. Es war immerhin ein Zeugniß, daß die Lebenskraft in ihnen nicht erloschen, daß der Geist in ihnen noch immer lebendig ist. Der Sturm ist vorübergegangen, friedlichere Zustände sind wieder eingekehrt, wenn auch Druck und Zwang nicht aufgehört haben. Jene Gedanken, die den Schein einer treibenden Kraft angenommen, sind wieder still geworden. Die Auswanderung nach dem Westen nimmt ihren Fortgang; aber wie jener Autor sagte: Tausende ziehen fort und Hunderttausende bleiben zurück. Da fragt man: was thut uns noth? Was haben wir zu schaffen? Denn wenn die Felsen und Steinmassen auf unserem Erdboden sich einbilden wollten, daß sie durch ihre Dichtigkeit und Masse vor dem Untergänge gesichert seien, so wären sie im Jrrthum. Luft, Wasser, Frost arbeiten unaufhörlich an ihrer Zersetzung, und das Gerolle, mit welchem Schluchten und Thäler angefüllt werden, zeugt von ihrem Niedergang. Uns bedünkt, daß die russi- Literarischer Wochenbericht. Prag, 4. November.') „Ludwig Geiger als Kritiker der neuesten jüdischen Geschichtschreibung von Dr. M. Güdemann. Leipzig, Robert Friese 1889." So viel mir bekannt ist, wurde Güdemann's: „Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der abendländischen Juden" in anerkennender Weise besprochen. Das Verdienst des Verfassers, der bisher unbekannte Quellen benutzte, so wie die Darstellung fanden allgemeine Würdigung; wenn auch das Eine oder das Andere getadelt wurde. Herr Professor Geiger bespricht in der von ihm redigirten „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" (Nr. 4 des 3. Bandes) den jüngst erschienenen dritten Band der genannten Geschichte des Erziehungswesens in abfälliger Weise. Dagegen wäre nichts einzuwenden. Was in die Oeffentlichkeit tritt, muß sich auch das Urtheil der Oeffentlichkeit, wenn dieses auch abfällig ist, gefallen lassen. Eine abfällige Kritik, wenn sie nicht begründet ist, schadet auch weiter nichts, als höchstens, daß sie, wie mir seiner Zeit Friedrich Hebbel sagte, dem Betroffenen einen Tag verdirbt. Ebenso wenig kann eine anerkennende und lobende Kritik, die unbegründet ist, Jemanden berühmt machen. Dies ist insbesondere bei wissenschaftlichen Werken der Fall, die doch nur von Fachmännern scheu wie alle Juden nur einen Weg zu verfolgen haben: gelesen werden. Diese prüfen selbst das Werk und lassen die Flamme der Religion in sich nicht erlöschen zu! sich nicht vom Berichterstatter beeinflussen, lassen, die Schulbildung des Volkes zu pflegen unbj Ich finde daher die Wehleidigkeit eines Autors durchzu erweitern und den wohlthätigen und gemein-! aus nicht am Platze und halte es für ganz überflüssig, sich uützigen Werken angestrengt ihre Kräfte zuzuwen"! gegen jede abfällige Kritik zur Wehre zu setzen. Wohl aber den. Dies sind die drei Momente, welche dem Judenthum i giebt es Fälle, in welchen man repliciren muß, falls man den Bestand und den Juden, wenn auch langsam, das Ziel," nicht die gute Sache aufs Spiel setzen will. Und Güdemann verbürgen, innerhalb der Nationen Achtung, Wirksamkeit j war in einem derartigen Falle. Es thut uns leid, dieses und endlich Gleichberechtigung gleich den anderen Staats-! sagen zu müffen, da wir die Wirksamkeit des Herrn Professor angehörigen zu erlangen. Dies mag immerhin ein weiter unb j ©etger vollkommen zu würdigen wissen; aber wir müssen der in vielen Zeitpunkten ein beschwerlicher, dornenvoller Weg j Wahrheit die Ehre geben. Herr Professor Geiger hat wohl sein — er ist der einzige für uns und der sichere. Alles! bei der Abfaffung der Kritik nicht immer die Tragweite seiner Andringen und Anstürmen bereitet uns nur das Gegentheil > Worte und die Auslegung, die man denselben geben kann, und versieht unsere Gegner mit Vorwänden und Vorwürfen erwogen; er hätte sie sonst nicht gebraucht. Geiger sagt, daß gegen uns. Wir müssen diesen Pfad unermüdlich, unentwegt, still, aber thätig und selbstbewußt verfolgen. Bildung, wohlthätiges und gemeinnütziges Wirken, nach dem von der Religion ausgehenden Idealen — dies hat die Völker aus der Barbarei zu höherer Cultur, zur Freiheit und zum Rechte Güdemann die geistigen Bestrebungen der Deutschen verunglimpfen wolle. Selbst wenn dieser Vorwurf wahr wäre, dürfte ihn Geiger nicht erheben, weil bei der heutigen Zeitströmung nicht schwer zu sagen ist, in welcher Weise die Teutonen und Antisemiten Capital aus denselben schlagen „ach Jahrhunderte langem Streben gebracht — sie sind auch Werden. Das kritische Gewissen kann bei einer derartigen für uns die einzigen und richtigen Hilfs- und Heilmittel.! Unterlassungssünde ganz beruhigt sein, denn die Wahrheit Gewiß, wenn irgendwo, sind sie in Rußland und für die russischen Juden nur sehr langsam zu erreichen, nur sehr langsam wirksam — aber, dauernd und unbeirrt angestrebt, bleiben sie nicht aus und üben ihren Einfluß, ja, sie wachsen darin in progressivem Maße. Also, nur immer ans Werk! ist, nach Lessing, keine feile Dirne, die man Jedem anbieten darf. Güdemann durfte diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen 1) Wir geben hier einem bewährten Schriftsteller Raum, sich über den Gegenstand auszusprechen, werden aber auch selbst Veranlassung nehmen, darauf einzugehen. Redact.

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