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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-21 · Heft 47 (21.11.1889) · p. Seite 737

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 47 (21.11.1889)
Date
1889-11-21
Page
Seite 737 (sequence 5)
Language
German
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737 Von der Wolga, im October. Einblicke in das Leben -er russischen Juden. Ich berichte Ihnen nichts über die großen und kleinen Chicanen, die fortwährend gegen die friedfertigsten Unterthanen des Czaren in seinem weilen, durch sietes Anwachsen bald ungeheuerlichen Reiche, bald hier, bald dort geübt werden, und immer wieder auf dasselbe hinauslaufen. Lassen Sie mich vielmehr auf das allgemeine Leben der russischen Juden einen Blick werfen. Als jene schändliche Judenhetze unsere Glaubensgenossen in so große Nöthen und noch größere Bestürzung versetzte und die Jgnatiew'schen Reglements die bedrückendsten Beschränkungen über sie verhängten und zahllose Familien aus Stadt und Land verjagten: erwachte der Geist in den 31 /2 Millionen unseres Stammes, besonders in den intelligenten Kreisen derselben, und man fragte sich, wie ist diesem Mißgeschick Widerstand entgegenzusetzen? Von einer materiellen Gegenwehr konnte nicht die Rede sein, Widersetzlichkeit lag außerhalb der Möglichkeit und ist unserer Natur fremd. Da erstanden mehrfache Ideen, welche sofort Anhänger und zwar eifrige um sich sammelten. Die nächste war: massenhafte Auswanderung nach Palästina, ausgedehnte Colonisation daselbst, Anfänge eines neuen eigenen Staates im Lande unserer Väter! Dieser Ruf wurde erhoben und fand, wie man sich denken kann, großen Wiederhall in der Masse. Treibt doch die Sehnsucht nach dem heiligen Boden Jahr für Jahr gerade aus Rußland zahlreiche Pilger dahin, dort zu leben und zu sterben. Doch stellte es sich bald heraus, daß diese Partei auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen mußte. Die türkische Regierung war nicht gewillt, in ihrer syrischen Provinz eine Unmasse russischer Unterthanen aufzunehmen, welche, wie sie auch zeitweise gestimmt seien, den Zug für ihren heimischen Staat in sich bergen mußten. Kaum kann sie sich der christlich russischen Einwanderung nach Jerusalem erwehren, welche bereits rings um Jerusalem eine neue Stadt mit großen Gebäuden errichtet. Sie verbot deshalb geradezu die Niederlassung russischer Juden, von welchen sie außerdem voraussetzte, daß sie, zu einer großen Bevölkerungsmasse angewachsen, die Tendenz haben könnte, sich zu einer unabhängigen politischen Körperschaft aufzuschwingen. Abgesehen hiervon zeigte es sich bald, daß zu einer größeren Verpflanzung die Geldmittel fehlten. Die einigen Versuche, welche mit russisch-jüdischen Colonien in Palästina gemacht worden, haben nur sehr fragliche Erfolge erzielt. — Die Auswanderung, von der Noth erzwungen, hatte sich unterdeß den westlichen Grenzen zugewendet, um nach England und Nordamerika zu gelangen. Einsehend, daß diese Auswanderung über den Ocean einen größeren Umfang und eine längere Dauer erfahren werde, bemächtigte sich eine andere Partei dieser Bewegung, um derselben einen einheitlichen, specifisch jüdischen Charakter aufzuprägen. Die Auswanderer sollten sich zusammenschließen, gemeinsam handeln, und mit gleichen Losungsworten in Amerika sich an bestimmten Centren auf dem Lande niederlassen und jüdische Colonien bilden. Sie sollten sich an der neuen Heimstätte nicht vereinzeln, sondern in einer bestimmten Organisation gemeinsam wirken und arbeiten. Zur Verwirklichung dieser Idee traten besonders junge Leute, Studirende, zusammen und zogen mit einem gewissen Gepränge hinaus, um Vorbild zu geben und durch die Verwirklichung ihres Planes der Masse den Weg zu erschließen. Es war sehr natürlich, daß diesen opferwilligen Enthusiasten bittere Enttäuschung ward; was von ihnen nach Amerika gelangte, sah bald seine Anstrengungen, seine Aufopferung ohne Erfolg, und es ist von ihnen in der überseeischen Zufluchtsstätte nur wenig übrig geblieben. — Allen diesen gegenüber erhob sich eine dritte Partei, deren Losung war: in Rußland verbleiben und hier eine Nation bilden, die in sich die volle Widerstandskraft gegen alle Angriffe fände. Es ging dies von jungen Männern aus, welche der Religion ihrer Väter völlig fremd geworden, denen das Leben der Orthodoxen — und diese bilden ja die große Mehrzahl der russischen Juden — als veralteter und schädlicher Aberglaube erschien. Sie verschmähten daher aus ihrem Gedankenkreise die Religion und setzten an deren Stelle Nation, Nationalgefühl, Nationalbewußtsein. Hierauf sollten die Bestrebungen und Lebensgewohnheiten sich richten, die hebräische Sprache sollte wieder zur Familiensprache werden und alle Institutionen ein nationales Gepräge annehmen. Die Urheber und Anhänger dieser Richtung ereiferten sich zu einem gewissen Fanatismus und verfeindeten sich mit denen, welche ihnen nicht zustimmten. Sie wollten, da die Russen die Juden von sich ausschlossen, ebenso einen ausschließenden Körper bilden, eine Nation unter den vielen Nationalitäten Rußlands, einen Staat im Staate. So lange sie noch an dieser Idee arbeiteten, begeisterten sie sich dafür. Doch es konnte nicht ausbleiben, daß sie von allen Seiten ihrer Täuschung, ihres Jrrthums gewiß wurden. Sie hatten übersehen, daß die Meister der Tradition viel richtiger gedacht, indem sie Sitte und Brauch zu religiösen Satzungen erhoben und das ganze Leben des Juden durch religiöse Vorschriften geregelt hatten, deren Beobachtung eine unbedingte religiöse Pflicht sei, deren Uebertretung göttliche Strafe nach sich ziehe. Dies war und ist das Fundament für den Bestand der Juden im Judenthume. Eine nationale Idee kann sich nur hieran knüpfen, fällt aber wie ein Schemen zusammen, wenn sie von der Religion getrennt wird. Ein über alle Welttheile zerstreuter Stamm, dessen Glieder nur kleine Gruppen inmitten der Völker unter den Gesetzen des Staates, unter der Einwirkung der Lebensverhältnisse bilden,

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