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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-21 · Heft 47 (21.11.1889) · p. Seite 736

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 47 (21.11.1889)
Date
1889-11-21
Page
Seite 736 (sequence 4)
Language
German
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736 durch diese Mittel wieder herzustellen. Hierbei ist die gegenwärtige Regierung des Beifalls der Nation sicher und würde sich im Gegentheil, wenn sie die vorgeschriebene Linie in der Unterstützung der geistlichen Orden außerhalb Frankreichs nicht verfolgte, dem größten Tadel aussetzen, selbst bei Denen, welche jene Orden innerhalb Frankreichs mit einem gewissen Fanatismus befeinden. Sehen wir jedoch genauer zu, so liegen die Verhältnisse in den europäischen Ländern nicht viel anders. Jüdische Gymnasien giebt es nicht; außer höchst geringfügiger Ausnahme auch keine jüdischen Realschulen. Die jüdischen Eltern sind also, wenn sie ihre Kinder einem höheren Unterrichte zuführen wollen, vor gar keine Wahl gestellt. Höchstens an einem größeren Platze, wo es solche höhere Lehranstalten verschiedener Confessionen giebt, können sie sich die Frage stellen, ob sie ihre Kinder der katholischen oder protestantischen Anstalt übergeben mögen, wobei sie vorzugsweise die Leistungen derselben nach dem allgemeinen Urtheil in Berücksichtigung ziehen werden. In religiöser Beziehung ist die Wahl auch ziemlich gleichgiltig, denn die Sucht der Propaganda wohnt allen christ-! lichen Confessionen im gleichen Maße ein und die Protestanten! unterscheiden sich von den Katholiken hierin nicht, ja die ersteren gehen in der Regel noch unverhülltcr zu Wege. Es : versteht sich, daß die Mehrzahl der jüdischen Eltern ihre Kinder an dem Religionsunterrichte der Schule keinen Theil! nehmen lassen, was ihnen auch das Schulgesetz gestattet. j Andrerseits ist sogar an mehreren Gyninasicn dem jüdischen! Religionsunterricht ein gewisser Raum zuertheilt worden. j Daß hierdurch die Gefahr dirceter religiöser Einwirkung vermindert ist, kann nur zngestanden werden, und es ist deshalb nachdrücklich dahin zu wirken, daß eine derartige Einrichtung bei allen höheren Lehranstalten getroffen werde. Jndeß hängt dies doch auch von der Zahl der jüdischen Zöglinge! ab, da etwa zwanzig derselben nothwendig sind, um nach! den gesetzlichen Vorschriften die Einschaltung des jüdischen! Religionsunterrichtes fordern zu können. Jndeß dürfen wir! uns nicht verhehlen, daß dies nur eine schwache Schranke gegen die Proselytcnmacherei ausmacht. Ter confessionelle Charakter der Lehranstalt prägt sich ja nicht bloß in dem dirccten Religionsunterrichte aus, sondern im ganzen Geiste, der die Schule beherrscht und in welchem die Lehrer dociren. Man erinnere sich z. B. des Geschichtsunterrichts, auf welchen die verschiedenen Confessionen einen so großen Werth legen, weil eben jede ihn nach ihrer Fa>,:on gestaltet haben will- Dasselbe findet aber in den meisten Disciplincn statt, in den Lehrbüchern, in der ganzen Lehrweise. Nur Eines erhöht im | Oriente die Gefahr für die jüdischen Zöglinge mehr als im! Abendlande, das ist die Umgebung. Dort sieht der Zögling! unr sich, auch im elterlichen Hause und in den diesem nahe; stehenden Personen, in der ganzen Umgebung nichts als Un-j cultur und Unwissenheit, und muß daher in seinen Lehrer» ein Ideal finden, welchem er sich unbedingt anschließt und blindlings ergiebt. Dies ist glücklicherweise bei uns nicht der Fall und er findet außerhalb der Schule noch so mannigfache Anregung und Befriedigung, daß er mit seiner jugendlichen Hingebung nicht auf die Schule und die Lehrer beschränkt ist. Und dies führt uns zu der eigentlichen Garantie, die unter den vorhandenen Verhältnissen uns gegeben ist. So lange in dem elterlichen Hause die Religion bewahrt wird, religiöser Geist und Brauch nicht geschwunden sind, so lange die jüdischen Eltern ihre Kinder von früh an mit den jüdischen Lehren und Ideen bekannt machen und erfüllen, hat cs keine Gefahr; das kindliche Gemüth und der erwachte Verstand empfinden und erkennen das jüdische Geisteselement in sich und dies giebt sofort die nöthige Widerstandskraft, wenn das fremde Dogma sich ihm naht, und erhebt den Widerspruch, wenn es sich ihm aufdrängen will. Dies ist keine bloße Redensart, sondern eine Wahrheit, die sich uns durch die Erfahrung vielfach erwiesen hat. Da natürlich, wo das elterliche Haus, wo die Eltern selbst die größte religiöse Gleichgiltigkeit hegen, vielleicht selbst eine geheime Feindschaft gegen die Religion ihrer Vater und gegen ihre Glaubensgenossen nähren, da ist die Gefahr, die junge Seele für unser Bekenntniß zu verlieren, sehr nahe gerückt, und auch hierfür bringt leider die Erfahrung vielfältige Beispiele. Es ist nicht richtig, daß eine echte wissenschaftliche Bildung der Religion, namentlich der jüdischen, feindlich gegenüberstehe. Dies verwirklicht sich nur da, wo die religiöse Erziehung entweder fehlt oder verkehrt ist, z. B. streng orthodox in den Formen ohne geistigen Inhalt. Besteht doch der Triumph einer wahren Bildung in der harmonischen Entwickelung des religiös-sittlichen Empfindens mit der wissenschaftlichen Ueberzeugung. Es liegt also, unsrer Meinung nach, vorzugsweise am Geiste und Leben im Elternhause, wenn der Besuch confessioneller höherer Lehranstalten dem Judenthume eine wesentliche Gefahr zu bereiten geeignet ist. Dahin haben wir also mit allen Kräften zu arbeiten, daß der Geist des Judenthums wieder in den jüdischen Familien vollen Raum gewinne und den erhabenen Zauber wieder auszuüben vemöge, mit ivelchem er so viele Jahrhunderte hindurch Ueberzeugungstreue und Charakterfestigkeit in allen Generationen zu wecken und zu erhalten verstand.

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