Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1889)
- Date
- 1889-11-21
- Page
- Seite 735 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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735 daß die Auswanderung in die Ferne damals noch eine schwache und englische Sprache und Sitte den Continental juden noch fremd waren. Fragen wir nun nach der Ursache, weshalb, wie die geschichtliche Erfahrung gezeigt, die völlige Emancipation der Juden in den verschiedenen Staaten erst nach großen Katastrophen erfolgte, so ist die Antwort nicht schwer zu finden. Man muß nur bemerken, daß nicht diese einseitige Emancipation die alleinige oder auch nur eine wesentliche Ursache solcher staatlichen Erschütterungen gewesen, sondern sie nur einen Bestandtheil der zu erreichenden Ziele ausmachte. Wenn in einer größeren Landschaft sich drückende und schädliche Dünste angesammelt haben, die Luft schwer und ungesund geworden, so bringt es das Gesetz des Gleichgewichts in der Atmosphäre zuwege, daß ein heftiger Wind, ein Sturm entsteht, welcher die Dünste und Nebel zertheilt und hinwegfegt und einem frischen gesünderen Luftzuge den Eingang schafft. Wenn in einem Staate Borurtheile und veraltete Institutionen, drückende Vorrechte einzelner Classen, Monopole, beschränkende Ordnungen, die jede freie Bewegung hemmen, sich im Laufe der Zeiten angehäuft, für das Volk zur unerträglichen Last geworden, die herrschende Classe aber eine Bessergestaltung nicht zulassen will, so sind solche Katastrophen unabwendbar. Diese räumen dann mit den vorhandenen Bedrückungen, den Erzeugnissen des Vorurtheils, veralteter Principien und der Herrschsucht einzelner Classen auf und hierzu gehörte dann auch die Ausschließung der Juden j aus dem staatlichen Leben. Wie konnte sich denn auch der freier gewordene Geist nnd ein von den alten Fesseln befreites Volk mit Leibzoll, Ghetto, Ausschluß von den meisten gewerblichen Zweigen, vom gesummten Communal- und Staatsleben für einen kleinen Bruchtheil der Bevölkerung aus confessionellen Vorurtheilen vereinbaren?! Dies ist die einfache Lösung der Frage. Vergebens haben unsere Gegner versucht, den Juden die Urheberschaft oder auch nur eine vorherrschende Betheiligung an jenen Katastrophen zuschreibeu zu wollen. Es ist dies ein lächerlicher Unsinn, da die Juden einen zu kleinen Bruchtheil der Bevölkerung ausmachen und vor ihrer Emancipation alles Einflusses auf das öffentliche Leben entbehrten. Nein, es lag in der Natur der zu jenen Stürmen treibenden Motive und der durch diese Motive erzielten Resultate, daß auch die Gleichberechtigung der Juden eintreten mußte. Der höhere Unterricht. Der notorisch große Zudrang der jüdischen Jugend zu den höheren Lehranstalten bringt auch aus dem religiösen Gesichtspunkte mancherlei Gefahr mit sich. Diejenigen, welchen der Bestand des Judenthums und dessen Wirksamkeit auf seine Bekenner am Herzen liegt, müssen deshalb jene stets in ihre Obhut nehmen und sich über den Stand derselben in religiöser Beziehung klar zu werden suchen. In ihrer jüngsten Nummer besprechen die Areb, isr. den Umstand, daß die französische Regierung die katholischen Missionen in den großen Städten Kteinasiens und Egyptens und die von denselben unterhaltenen Schulen, namentlich des höheren Unterrichts, nicht bloß durch ihren Schutz, sondern auch durch Geldmittel eifrig fördert. Unter diesen floriren besonders die Schulen der Jesuiten, namentlich auch in Egypten, z. B. Alexandrien. Diese Schulen werden nun häufig auch von jüdischen Knaben besucht und es wird ein Beispiel angeführt, daß bei ben dramatischen Aufführungen, welche die Väter der Gesellschaft Jesu häufig und glänzend veranstalten und bei denen auch die französischen Consuln zugegen sind und Ansprachen halten, ein jüdischer Knabe die erste Rolle gespielt und großen Beifall geerntet habe. Die Areh. isr. erblicken hierin eine nicht geringe Gefahr und gewiß mit Recht, denn gerade die Jesuitenpatres verstehen es, ohne auf ihre Zöglinge in lästiger Weise einzudringen, ihre Lehren dem jugendlichen Gemüthe allmälig einzuflößen und sie in demselben unbedingt herrschend zu machen. Hiervon liefern die höheren Klassen der katholischen Gesellschaft die zahlreichsten Beweise. In der That zeigt die französische Republik und ihre Regierung einen Januskopf mit doppeltem Gesichte. Innerhalb ihrer eigenen Grenzen richtet sie sich in radikalster Weise gegen den Klerus, bemüht sich, allen Einfluß desselben zu beseitigen, macht ihre Schulen nicht bloß confessionslos, sondern religionslos, verbannt aus den Schulrüumen allen Religionsunterricht und setzt an die Stelle desselben in das Belieben des Lehrers eine Art Morallehre, in welcher das Wort „Gott" nicht Vorkommen darf, was sie natürlich nur zu einer hohlen Phrasenmasse ohne inneren Zusammenhang und ohne welche feste Grundlage macht. Aber außerhalb dieser Grenzen tritt sie eifrigst für die klerikalen Missionen, für die geistlichen Orden und deren Anstalten und namentlich für deren Schulen ein, erhält sie mit ihrer ganzen Autorität und mit sehr reichlichen Geldmitteln. Selbstverständlich geht sie bei diesem Doppelspiel nicht von religiösen Gründen, sondern nur von politischen Motiven aus. Es ist ihr nicht um die Bekehrung des Orients zu thun, sondern um den politischen Einfluß Frankreichs im Orient aufrecht zu erhalten und wachsen zu machen. Sie sucht die Autorität, welche die französische Republik durch die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit sich schwächen sah, 47*