Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1889)
- Date
- 1889-11-14
- Page
- Seite 728 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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728 strörnutlgen schlimmer Art and auf hetzerische Phrase» erstreckt, gereicht unserem Vaterlande am Ende nicht zur Ehre. Am Freitag nämlich erschienen an den ohnehin von Tausenden von Plakaten bedeckten Mauern der Häuser, wie an den Marmorwänden des Doms und des Battisterio Plakate mit der Überschrift: „Fuori gli ebrei“, der italienischen Übersetzung des bübischen Schlachtrufes deutscher Antisemiten. Der Inhalt des Plakates enthielt die Aufforderung, keinen Juden in den Gemeinderath zu wählen, wobei bemerkt werden muß, daß die Listen fast aller Comites, mit Ausnahme natürlich derjenigen der Reactionären und Klerikalen, unter den Namen der vierzig Candidaten auch die einiger geachteter Florentiner Bürger israelitischer Confession enthielten. Dieses antisemitische Manifest ging nun allerdings von keinem Cvmitö aus (denn selbst ein reaetionär-klenkales Comitv mürbe sich in Italien einer solchen Kundgebung schämen), sondern es war die Privatarbeit eines Mannes, der sich Marsili unterschrieb und Verwaltungsbeamter beim hiesigen Gericht ist. Trotz dieses privaten Charakters der Kundgebung rief dieselbe in Florenz,!vo man solcher Ausbrüche des consessionellen Hasses ungewohnt ist, großes Aufsehen hervor. Anderen Tages erschiene!: an den Mauern Plakate, vermittelst deren der Baron Giorgio Enrico Levi Denjenigen, der in dem freien Italien einen solchen Ruf des Fanatismus erhebe, für einen Elenden erklärte. Er, der Verfasser der Replik, gehöre keiner Partei an, aber er erhebe seine Stimme gegen den rohen Ausdruck fanatischer Gesinnung. Baron Levi, Besitzer eines schönen Palazzo am Lungarno, ist eine wegen ihrer Wohlthätigkeit und ihres Charakters allgemein bekannte und geachtete Persönlichkeit. Am nächsten Tage erschien ein neues Plakat des Marsili an den Mauern, des Inhalts, er sei nicht Antisemit, — wie solche Versicherungen ja auch im Heimathlande dieser traurigen Bewegung gelegentlich gehört wurden — aber . . . und es folgte Einiges von den bekannten Stöcker'schen Redensarten in italienischer Bearbeitung. Irgend eine, wie auch nur immer geartete Beschuldigung gegen die bisherigen Mitglieder des Gemeiuderathes, oder irgend eine, sei sie auch nur schattenhafte Verdächtigung der neuen, hier in Frage kommenden Candidaten, vermochte jener Marsili nicht vorzubringen. Die Zeitungen nahmen von dem Vorkommniß in Ausdrücken tiefer Mißbilligung Notiz und hoben hervor, daß inmitten der eivilisirten Florentiner Bevölkerung eine solcheRoheit nur von einem Nicht-Florentiner (der jener Marsili ist) ausgehen könne. Während nun das zweite Plakat am Tage der Wahlen selbst, am Sonntag, erschien, publicirten einige nicht - israelitische Florentiner auch ihrerseits einen Protest gegen den Versuch einer eonfessionellen Hetze. Damit aber war die Angelegenheit nicht abgethan. An demselben Abend veröffentlichten zwei Mitglieder der höchsten Florentiner Aristokratie, der Marchese Wilfried Pareto und der Graf Carlo degli Alessandri, daß sie sich als Carteltrüger des Baron Levi zu jenem Marsili begeben hätten, der indeß erklärte, er verweigere jede Genugthuung. Die beiden Herren fügten hinzu, die Oeffentlichkeit werde dieses Verhalten zu beurtheileu wissen. Gleichzeitig hatten sich mit einem analogen Aufträge eines angesehenen Arztes, der Israelit ist, des Dw Arturo Pardo, zwei geachtete nicht-israelitische Collegen desselben zu jenem Marsili begeben. Sie erhielten den gleichen Bescheid, mit dem Zusatze, der Marsili zöge es vor, durch die Zeitungen zu antworten. Baron Levi hat ferner in dem an seine Eartelträger gerichteten Schreiben erklärt, er stehe Jedem zur Verfügung, der sich zu jenen mittelalterlichen Auffassungen befeuite und den Muth habe, solche Gesinnungen mit der Waffe in der Hand zu vertreten. Es sei erwähnt, daß die beiden Herren, welche auf jene Provocation mit einer Forderung antworteten, nicht heißblütige junge Leute, sondern bewährte Persönlichkeiten gesetzten Alters sind. Bonn, 9. Nov. (Notizen.) Man schreibt ausStrelitz i. M., 26. Ockober. Am 12. November d. I. begeht der Verfasser des deutschen Wörterbuchs, Prof. 1)r. Daniel Sanders in Strelitz i. M., seinen 70. Geburtstag. Im Berlag von Eckard Lupelon-Strelitz (in Commission bei Robert Jaeoby-Neustrelitz) wird, der „Wes.-Ztg." zufolge, zu diesem Feste eine Schrift erscheinen, welche außer einer ausführlichen Biographie des Jubilars, die von einem Lichtbilde desselben begleitet ist, auf Sanders und seine Thätigkeit bezügliche Beiträge von vielen namhaften Schriftstellern. — Man schreibt uns aus Stuttgart, 1. Nov. Unter allgemeiner Theilnahme von allen Ständen feierte der K. württ. Kammersänger Heinrich Sontheim sein 50jähriges Sängerjubiläum. Sontheim ist 1820 in Jebenhausen bei Göppingen von jüdischen Eltern geboren. Er begleitete als junger Bursche seinen Vater auf seinen Hausirreisen. Der ehemalige Minister Ballnagel wurde auf ihn aufmerksam und brachte ihn nach Stuttgart. Der jetzt noch im hohen Greisenalter hier bekannte Concertmeister Abenheim, ebenfalls ein Israelit, veranlaßte ihn, sich zum Sänger auszubilden. Um seine Ausbildung machte sich die Familie Kaulla verdient. In Karlsruhe war der Tenorist Heizinger sein Vorbild im Gesang, Ludwig Dessoir strebte er in der Darstellung nach. Sontheim hat in allen größeren Städten Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz gastirt und mit der Kraft, dem Schmelz und Feuer seiner Stimme unwiderstehlich hingerissen. Seit 18ö1 gehörte er dem hiesigen Hoftheater an und feierte 1871 sein 20jähriges Jubiläum. 1872 trat er aus dem Verbände des Hoftheaters, gab jedoch hier wie in anderen