Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1889)
- Date
- 1889-11-14
- Page
- Seite 727 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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727 Agitator Julius Verhovay wurde heute vom Appellhofe zu sieben Monaten Gefängniß und 300 fl. Geldbuße verurtheilt. PreKburg, 1 Nov. Preßburg und das Preßburger Comitat haben seit langer Zeit den Ruf, sagen wir die Schmach, der ärgste Heerd des Judenhasses zu sein. Dies erwies von Neuem folgender scheußlicher Vorfall. Man berichtet: Der kleine Ort Gajür (Gairing) im Preßburger Comitat war vor wenigen Tagen der Schauplatz eines abscheulichen Frevels. Im genannten Orte, der ungefähr 5000 Einwohner zählt, leben auch circa 40 jüdische Familien. Diese kleine Gemeinde besitzt ihren eigenen Friedhof, der ziemlich weit außerhalb des Ortes einsam gelegen ist und auch einigen aus der Gegend stammenden Wiener Familien als Grabstätte dient. Vor wenigen Tagen nun ist dieser stille Hain der Todten durch die ruchlosen Hände zweier Frevler vollkommen devastirt worden, welche die dort postirten Monumente umstürzten, zertrümmerten und außerdem, wahre Hyänen in Menschengestalt, die Leiche eines vor Kurzem erst zur Ruhe gebetteten Kindes aus der Erde gruben und auf den Anger schleuderten. S.rA.-Ujhely, 29. October. (P. Lloyd.) Wegen eines vor drei Jahren in der Homonnaer Synagoge vorgefalleuen Skandals, wobei der Haupträdelsführer der Tumultuanten, Moriz Weiß, den Rabbiner mit geballter Faust bedrohte und ihn einen Dokumentenfälscher nannte, hatten sich dieser Tage vor dem hiesigen königlichen Gerichtshöfe sechs Mitglieder der Homonnaer Gemeinde zu verantworten. Von diesen wurden Moritz Oesterreicher und Joseph Ehrenreich wegen des Vergehens gegen die Religion für schuldig erkannt und einzeln zu je 50 Gulden Geldstrafe, beziehungsweise zehntägigem Gefängniß verurtheilt; die übrigen Angeklagten wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Der Hauptangeklagte Moriz Weiß emigrirte aus Furcht vor der seiner harrenden Strafe nach Amerika. Bei dieser Gelegenheit nehmen wir mit Vergnügen Anlaß zu konstatiren, daß es dem jetzigen Präses der Homonnaer israelitischen Gemeinde, dem Distrikts-Präsidenken I)r. Jakob Ungar gelungen ist, die Gemeinde zum Bewußtsein ihrer Würde zu bringen und seinen Bemühungen ist es auch zu verdanken, daß die dortige jüdische Volksschule unter der umsichtigen Leitung des dirigirenden Lehrers Leitner Ersprießliches leistet. Frankreich. Paris, 4. November. (Privatmitth.) Herr Zadoc Kahn schwankte eine längere Zeit, ob er seine bisherige Stellung als Großrabbiner des Pariser Sprengels aufgeben und die feit auf dem Felde der humanitären Bestrebungen fesselten ihn an sein bisheriges Amt. Er hat indeß vielfachem Zuspruch nachgegeben und wird so die wichtige Stelle des Pariser Großrabbinen neu zu besetzen sein. Herr Zadoc Kahn ist am 18. Februar 1839 zu Momenheim im Elsaß geboren, machte Vorstudien bei Rabbiner Levy in Brumat, besuchte die Rabbinerschule zu Metz, ging mit dieser nach Paris und erhielt hier den Grad als Rabbiner. Kurze Zeit darauf wurde er Director der Talmud-Thora in Paris, dann Rabbineradjunkt und seit 1868 Großrabbiner von Paris. Er steht also jetzt im 51. Lebensjahre und sieht bereits auf eine zwanzigjährige Wirksamkeit als Pariser Großrabbiner zurück. Den Orden der Ehrenlegion erhielt er 1877. Man kann daraus gespannt sein, ob es ihm gelingen werde, eine tiefer gehende Eimvirkung auf das französische Judenthum zu gewinnen und auszuüben. Vielleicht faßt er auch beit Gedanken au eine französische Uebersetzung der h. Schrift für Haus und Schule auf, und es würde ihm wahrlich bald gelingen, die geistigen und materiellen Mittel für dieses Unternehmen zu finden. Bor Kurzem erschien wieder einmal eine Schrift von Alexander Weill, in welcher über die gänzliche Unkenntniß der h. Schrift seitens der französischen Juden bitter geklagt wird. In dieser Hinsicht hat der so oft extravagante Schriftsteller vollkommen Recht und die verwüstenden Folgen hiervon bleiben nicht aus. Dann trifft aber um so mehr die Rabbineu der Vorwurf, dasjenige Mittel vernachlässigt zu haben, welches jenem Uebelstande etttgegenzuireten vermag. Italien. Florenz, 28. October. (B. B.-C.) In ganz Italien herrscht zur Zeit lebhafte Erregung wegen der Wahlen für die Muuieipal- und Provinzial-Räthe. Dieses Interesse und die Hitze des Kampfes, sie erklären sich durch den Umstand, daß zum ersten Male auf Grund des neuen demokratischen, von Crispi geschaffenen Gesetzes die Wahlen nach dem alU gemeinen Walrechte — ohne jede Berücksichtigung des Census — erfolgen und daß die Klerikalen an ihnen theilnehmen, während sie sich von den Deputirteu-Wahlen fernhalteu. Eine Theilnahme au den letzteren würde eine stillschweigende Anerkennung der Entthronung des Papstes in sich schließen, wahrend die Bethätignng bei den communalen Wahlen die „Paolotti" nicht weiter behindert, dem heutigen Italien nach wie vor die Rechtsbeständigkeit zu bestreiten, während sie die Wohlthaten des modernen Staatswesens genießen. Dieser Municipal - Kampf hat nun in der Stadt am auf ihn einstimmig gefallene Wahl zum Großrabbiner des! Arno eine überraschende und etwas beschämende Episode ge- Centralconsistoriums annehmen solle. Seine Beliebtheit in! zeitigt. Deutschland betreibt, wie man weiß, einen schwungallen Kreisen der Gemeinde und seine erfolgreiche Wirksam- * haften Exporthandel. Daß dieser sich nun auch auf Geistes- 46*