Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1889)
- Date
- 1889-11-14
- Page
- Seite 726 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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726 verschiedenen antisemitischen Fraktionen bekämpfen sich gegenseitig, sondern auch im Schoße der einzelnen Fraktionen selbst geht es drunter und drüber. Die Deutschnationalen auf der einen Seite diskntiren mit größter Leidenschaftlichkeit die Ausschließung Fiegl's wegen seiner bekannten Aeußerung gegen Türk aus ihrem reichsräthlichen Verbände; Bergani giebt sich zwar in seinem „Deutschen Volksblatt" fortwährend den Anschein, als sei er Schönerer-Offiziös, allein trotz der beweglichsten Besingung und Beräucherung wird er von dem „großen Volkstribun" auf Rosenau hartnäckig verleugnet und durch unfreundliche Briefkasten-Notizen in den „Unverfälschten deutschen Worten" werden schüchterne wie zudringliche Versuche einer ehrbaren Annäherung konsequent zurückgewiesen. Bei den Christlich-Socialen sieht es nicht besser aus. Dazu kommt noch die publizistische Bewegung, die sich nicht blos auf erbitterte Polemiken in den bestehenden Journalen beschränkt, sondern auch eine ganze Reihe von Neugründungen auf journalistischem Gebiete, die hauptsächlich den Kampfeszwecken der Antisemiten unter einander dienen soll, in Aussicht stellt. Pattai und Vetter lassen demnächst ein antisemitisches Montagsblatt erscheinen; Bergani zeigt gleichfalls an, daß er demnächst mit einem Montagsblatte und überdies, da kürzlich auch das bisher ihn unterstützende Witzblatt „Laterne" von ihm abgefatlen ist, mit einem neuen anrisemitischen Witzblatte debutiren wird. Und all dies geschieht von den Antisemiten nur, um sich gegenseitig das Leben sauer zu machen. Wohin dies führen und wie das enden wird, läßt sich heute noch nicht sagen. Sicher ist nur, daß in der nächsten Zeit recht viele antisemitische Familienwäsche vor aller Welt gewaschen werden wird. Das „Deutsche Volksblatt" Vergani's aber stimmt heute bereits einen sehr elegischen Ton an und seufzt wehmüthig: „Wir werden im .Kampfe fallen, wenn es im Rathschlusse der Allmacht beschieden ist!" Die Zeit, wo Bergan! mit bcni Antisemitismus die ganze Welt aus ihren Fugen heben wollte, scheint jedenfalls definitiv vorüber zn sein. — Gegen Bergani, als Herausgeber des berüchtigten „Deutschen Bolksblatt" strengte die Truppen-Ausrüstungs- Firma Tiller u. Comp, eine Ehrenbeleidignngsklage an und fand heute in der Redaktion des „Volksblatt" eine polizeiliche Hausdurchsuchung statt. Wien, 2. Novbr. Die Abgeordneten Türk, Pergani unb Fürnkranz sind aus dem reichsräthlichen Antisemitenclub (Verband der Deutschnationalen) ausgetreten und es wird sich derselbe demnach auflösen. Dem Verbände gehören noch Fiegl, Ursin und Kaiser an. Der Austritt der Obengenannten erfolgte, weil eine Einigung über den uon Schönerer und Türk verlangten Ausschluß Fiegls aus dem Verbände nicht erzielt werden konnte. Fiegl siel bei den „Unverfälschten" in Ungnade, weil auch er seiner Zeit im Parlamente gegen die nnpatriotische Aeußerung Türk's anftrat. Wien, 3. November. (Privatmitth.) Heute fand eine Versammlung der Mitglieder jenes Comites statt, welches zur Ueberwachung der Verwaltung der bekannten Zwölf- Millionen-Franes-Stiftung des Barons Hirsch eingesetzt wurde. Baron Hirsch betonte in seiner Ansprache, daß der Hauptzweck der Stiftung die Ermöglichung des Unterrichts für alle israelitischen Schulkinder sei. Da die bestehenden Schullocalitäten ungenügend seien, sollen diese erweitert werden. Es soll ferner für die weitere Ausbildung dieser Schulkinder für Handwerk und Ackerbau Sorge getragen werden. Abgeordneter Rappaport sprach als Galizier und Abgeordneter den Dank der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung ans. Baron Hirsch habe diese That zu rechter Zeit vollbracht, denn es gelte nicht nur, der Strömung gegen die Juden, sondern auch der Strömung unter den Inden entgegenzutreten. Wien, 5. November. Bei den heutigen neuerlichen Bezirksausschußwahlen im Neubon und Alsergrund drangen nach hartem Kampfe die liberalen Candidaten durch, während noch vor sechs Monaten in beiden Bezirken Antisemiten gewählt worden waren. Pest, den 1. November. (Privatmitth.) Ueber die Zwistigkeiten in den ungarischen jüdischen Gemeinden hat sich Kultus- und Unteriichtsminister Graf Csaky vor einer Deputation der Altofner jüdischen Gemeinde gestern, wie „E—g" meldet, in folgender Weise geäußert: „Mein verewigter Amtsvorgänger — sagte der Minister — war gewiß nur von den bestell Intentionen beseelt, als er die Matrikeldistrikte im Verordnungswege regelte. Er glaubte, daß diese Verordnung, sowie auch jene spätere,! welche die Einheit der jüdischen Konfession anssprach, die Herj stellung des konfessionellen Friedens thatkräftig fördern werde, j Auch ich war bisher bestrebt, daß die Reibereien unter ihnen ein Ende nehmen und die Kultusgemeinden erstarken sollen, lveil ich dies im Interesse Ihrer Konfession wie auch des! Vaterlandes für besonders würischenswerth erachte. Zn mei- 1 uem Bedauern habe ich jedoch bisher erfahren, daß unter den vaterländischen Inden der innere Zwist noch immer fortwählt, was weder für Sie noch für das Vaterland von Vortheil sein kann. Ich bin daher entschlossen, diesen Differenzen und Divergenzen doch einmal ein Ende zu machen und! glaube, daß mir dies bei einigem guten Willen seitens Ihrer > Konfession auch gelingen werde." j Der hiesigen jüdischen Gemeinde wurde zur Erbauung > zweier Schulgebäude zwei in der Marko- und Coharygasse be-! findliche städtische Grundstücke überlassen. Der hierauf bezughabende Beschluß des städtischen Municipal-Ausschusses wurde seitens des Ministers des Innern genehmigt. Budapest, 4. Nov. Der einst vielgenannte antisemitische