Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1889)
- Date
- 1889-11-14
- Page
- Seite 725 (sequence 9)
- Language
- German
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725 Vorgehen des Frl. Boretius durch die Errichtung einer weiteren höheren Töchterschule (neben der Lharlottenschule) zu begegnen, sei gegen zwei Stimmen abgelehnt worden, weil der im Westen von Berlin wohnende Stadtrath Schäfer das Bedürfniß hierzu verneinte und die Antragsteller nicht in der Lage waren, die Behauptung des Herrn Schäfer mit Zahlen widerlegen zu können. Falls der Verein ihm statistisches Material über die Charlottenschule wie den im Westen befindlichen Privat-Töchterschulen, über die Zahl der Schülerinnen und die der zurückgewiesenen Kinder beibringen könne, so werde er den Antrag nochmals einbringen. Stadtverord.' Wohlgemuth sprach sein Befremden darüber aus, daß Stadtrath Schäfer so wenig Kenntniß der Verhältnisse des Stadttheils besitze. Es sei nicht einmal möglich, zwei Töchter in ein und dieselbe Schule unterzubringen. Der Director der Charlottenschule hätte bereits bekannt gemacht, daß zu Ostern n. I. in den drei ersten Classen der Schule gar keine Schülerinnen, in den anderen nur sehr wenig ausgenommen werden können. Er bitte, ein Gesuch um die Errichtung einer zweiten höheren Töchterschule der städtischen Schuldeputation zugehen zu lassen; sollte die Antwort ablehnend ausfallen, dann werde die Angelegenheit in der Stadtverordneten-Versammlung ihre gebührende Würdigung finden. Auch von den Herren Dr. von Kalckstein und dem Stadtv. Kalisch wurde die Bedürfnißfrage bejaht und daraufhin der Vorstand beauftragt, bei der städtischen Schuldeputation ein mit Zahlen ausführlich brgründetes Gesuch um die Errichtung einer zweiten höheren Töchterschule vor dem Potsdamer Thor einzureichen. — In seiner großen Rede über den Etat in der Sitzung des Reichstages vom 31. Oct. äußerte sich Eugen Richter: „Die Gleichberechtigung der Confessionen gilt heute nur theoretisch; thatsächlich sind den Juden eine ganze Reihe von Aemtern im Staats- und Heeresdienst heute so gut wie verschlossen und die antisemitische Hetze erfreut sich einer Patronage von einflußreicher Seite, wie man es früher nicht für möglich gehalten hätte. Bad Nauheim, 2. Nov. Vor einiger Zeit fand hier eine Schöffengerichtssitzung statt, in welcher über die Privatklage eines Herrn Gvldstaub aus Berlin, der als hiesiger Kurgast von dem Herrn Baron Löw von und zu Steinfurth öffentlich beleidigt worden war, verhandelt wurde. Bei Verkündigung des den Herrn Baron verurtheilenden Spruchs soll ein Schöffe, also ein Mitglied des Gerichts, dem Anwalt des Klägers mit Bezug auf Letzteren zugerufen haben: „Der Judd muß auch was kriege" und ähnliches mehr. Der Anwalt erhob Namens des so Titulirten Anzeige gegen den Schöffen bei der Staatsanwaltschaft, diese aber, vertreten durch den jetzt versetzten Staatsanwalt Seeger, lehnte die Strafverfolgung ab, weil ein öffentliches Interesse nicht vor liege. Auf Beschwerde des klägerffchen Anwalts hat nunmehr der Ober-Staatsanwalt in Darmstadt, Herr Schlippe, die Staatsanwaltschaft angewiesen, Strafverfahren einzuleiten und es haben in der Folge hier Erhebungen über die Sache bereits stattgefunden. — Man war hier erstaunt gewesen, daß em öffentliches Interesse nicht verletzt sein solle, wenn ein <& richtsschöffe öffentlich einen Nechtsuchenden beleidigt, dies auch noch hinsichtlich der Konfession. (Es ist eigentümlich, daß gerade in Betreff von eine Anklage erhebenden Juden die Staatsanwaltschaften so oft die Erhebung der Anklage verweigern, während die höheren Instanzen anweisen, die Klage zu erheben. Bedurfte es doch auch in Wien einer besonderen Anweisung des Justizministers an die Staatsanwälte, gegen jede antisemitische Ausschreitung mit der Strenge des Gesetzes einzutreten.) Oesterreich Ungarn. Wien, 30. Oct. Seit dem Rückzuge des Prinzen Liechtenstein aus der politischen Arena nehmen die Dinge unaufhaltsam ihren Lauf. Die einstmals „vereinigten Christen" sind jetzt nicht blos so veruneinigt als nur möglich, sondern sie bekämpfen sich ganz offen und ohne jede weitere Rücksicht auf die Tehors in der denkbar leidenschaftlichsten Weise. Man traut seinen Ohren und Augen nicht, wenn man hört und liest, wie die gewesenen Bundesgenossen sich täglich vor aller Welt in Versammlungen und Journalen gegenseitig regaliren. Dr. Pattai, jedenfalls der gebildetste und nahezu der einzige sich in weltmännischen Formen bewegende antisemitische Führer, hat sich offen von jeder Verbindung mit der deutschnationalen Partei losgesagt, der er den Vorwurf hochverrätherischer Tendenzen, denen gegenüber möglicherweise das Anarchistengesetz in Anwendung gebracht werden könnte, ins Gesicht geschleudert und erklärt, daß zwischen ihm und dem publizistischen Organ dieser Partei das Tischtuch für immer zerschnitten sei. Zugleich aber will Dr. Pattai auch von den Christlich-Socialen nichts wissen und scheint eine eigene Pattai-Partei gründen zu wollen. Aus welchen Elementen dieselbe eigentlich bestehen soll, ist noch nicht recht klar, da Dr. Pattai, wie gesagt, die Christlich-Socialen beinahe ebenso perhorrescirt, wie die Deutschnationalen. Thalsache ist aber, daß sein Auftreten bei seinen engeren Parteifreunden großen Beifall findet und daß sich ihm sogar Leute anschließen, welche wie der bekannte Gemeinderath Kornelius Vetter bisher zu den Getreuesten der Getreuen Schönerer^ und Vorgangs gezählt wurden. Der Umstand, daß Better den bisher von ihm ge haltenen Verschleiß des „Deutschen Volksblatt" eingestellt hat und die Art und Weise, wie er seit einigen Tagen von diesem Blatte behandelt wird, gestattet nicht mehr den geringsten Zweifel über diese Wandlung. Allein nicht blos die 46