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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-14 · Heft 46 (14.11.1889) · p. Seite 723

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 46 (14.11.1889)
Date
1889-11-14
Page
Seite 723 (sequence 7)
Language
German
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723 ein Gefängniß werfen, wo Diebe und Räuber saßen, und sandte auch einen Theil der Reiterei in die Straßen der Juden. Alle unsere Glaubensgenossen, die sich auf der Straße befanden, wurden von der Reiterei gepackt und arg hergerichtet, so daß viel Blut floß. Man band auch einen Theil her Juden an die Schweife der Pferde, schleifte sie so herum, und warf sie dann zu den Uebrigen ins Gefängniß. Die Mohamedaner der Stadt, als sie sahen, daß der Pascha so feindlich gegen die Juden vorgehe, erregten einen Aufstand, drangen in unsere Häuser, raubten uud plünderten, so viel es ihnen möglich war. Von dieser Zeit an sind die Juden hier schutzlos der Gewalt der raubsüchtigen Mohamedaner preisgegeben, und es vergeht kein Tag, an dem wir nicht viel zu erleiden und zu erdulden hätten. Alle haben die starke Hand des allmächtigemPascha zu spüren. Am Bersöhnungstag, zwei Stunden vor Sonnenuntergang, drangen Soldaten in das Gebethaus und nahmen den gerade darin weilenden bedeutendsten Mann der Gemeinde, Josef Schemtvb gefangen, weil man ihn verleumdet hatte, daß er die Waffen gegen die Muselmanen gezogen habe. Ungefähr 70 von den Vornehmen unserer Stadt sandten Telegramme nach Konstantinopel, worin sie Klage führten. Der Pascha vernahm davon und ließ auch die Absender der Telegramme ins Gefängniß werfen. Somit sind jetzt sämmtlicheRabbinen, Schriftgelehrte und Richter, die Führer und Notablen der Juden im Gefängniß. Schwere Besorgniß erfüllt uns vor der Zukunft, wir fürchten, daß unsere Leiden noch lange nicht zu Ende sind, denn man droht, uns ebenso zu vernichten, wie seinerzeit die Christen in Damaskus von den Mohamedanern vernichtet wurden." — Unsere unglücklichen Glaubensbrüder in Bagdad hatten vor Kurzem so schweres Leid durch die Cholera und die durch diese bewirkte Panik zu ertragen, (s. Nr. 43) und jetzt nun durch die Hand verruchter Menschen. Wir erinnern uns da jenes Wortes Davids (2. Sam. 24, 14), als er zwischen der Pest und der Niederlage vom Feinde wählen sollte: „Laß uns doch fallen in die Hand des Ewigen, denn groß ist seine Barmherzigkeit, aber in die Hand des Menschen möchte ich nicht fallen!" Schlimmer ist das Geschick der Juden in Bagdad, denn nachdem sie durch die Pest decimirt worden, sind sie jetzt in die Hand raub- und mordgieriger Menschen gefallen! Möge die Zwischenkunft der englischen Regierung recht bald Hilfe schaffen! Literarischer Wochenbericht. Bonn, 4. November. „Der Kampf zwischen Priestern und Leviten seit den Tagen Ezechiels. Eine historisch - kritische Untersuchung von vr. H. Vogelftein, Rabbiner in Stettin." (Stettin, Hagen 1889.) Von einer Stelle in dem Gesetz, entwurf des Propheten Ezechiel (44, 7 ff.) und aus dem Umstande, daß im Verhältniß zu den Priestern eine auffällig geringe Zahl von Leviten sich zur Rückkehr aus dem babylonischen Exil nach Palästina anschloß, zieht der Verf. den Schluß auf einen zwischen den Ahroniden, eigentlich den Zadokiten, und den anderen Abkömmlingen des Stammes Levi entbrannten fortdauernden Kampf um die priesterlichen Verrichtungen und Erträgnisse. Mit Sachkenntniß und vielem Scharfsinn führt er die Schilderung dieses Kampfes aus, der theilweise, namentlich zwischen den in Jerusalem fungirenden Zadokiten und den anderen Ahroniden, namentlich den Höhenpriestern, schon in den früheren Jahrhunderten stattgefunden, in welchen nach seiner Meinung auch die Leviten gar nicht in Function standen, sondern durch die heidnischen Tempelknechte, wie die Gibeoniten, ersetzt waren, theilweise und ganz besonders vom Exil an durchgefochten wurde. Wir bekennen, daß uns die oben angeführte Grundlage noch sehr zweifelhaft erscheint. Der Gesetzentwurf Ezechiels würde dadurch eine praktische Bedeutung erhalten, die er seinem Inhalte nach gar nicht gewinnen konnte und nach dem geschichtlichen Verlaufe niemals besessen hat. Er war ein visionäres Gebilde und wurde als solches betrachtet. Ebenso wenig kann man die Befürchtung, in Jerusalem keine priesterliche Rolle zu spielen, als die sichere Ursache der geringen Levitenzahl unter den Zurückkehrenden ansehen. Im Exil spielten sie diese Rolle gewiß nicht, da es dort keinen Opfercultus gab. Ueberhaupt war doch die Volksmenge, die mit Serubabel zurückwanderte, gegen die Gesammtmasse ebenfalls nur eine geringe. Als den Grund hierfür läßt sich annehmen, daß die Mehrzahl der Exilirten sich in den jetzt von ihnen bewohnten Stätten ziemlich wohlbefand und daß sie wenig Hoffnung auf die in dem verödeten Lande der Väter zu erlangenden Zustände setzte. Es waren also wohl nur die für die religiöse Idee besonders Entzündeten, die hinaufzogen. Bei den Leviten kam hinzu, daß sie nach den alten Gesetzesbestimmungen keinen Landbesitz erhalten sollten, während die bevorrechteten Priester aus dem jedenfalls wiederherzustellenden Opfercultus reichliches Auskommen sich versprechen konnten. Hierin täuschten sich auch die Leviten nicht, wie wir aus Maleachi 3, 10 und Nehemia 13, 10 ersehen, so daß wegen Mangels an Unterhalt, da das Volk die Zehnten nicht einlieferte, die Leviten Jerusalem verließen und sich über das Land zerstreuten. Erst nachdem in Palästina sich die Dinge günstiger gestaltet hatten, zogen, und nicht bloß mit Esra und Nehemia, Mengen von Einwanderern in das alteVaterland zurück, worüber wir zwar keine bestimmten Nachrichten haben, doch aber den Schluß daraus ziehen können, daß wir Palästina später wieder überaus stark bevölkert finden. Wir brauchen daher an einen heftigen Kampf zwischen Priestern

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