Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1889)
- Date
- 1889-11-14
- Page
- Seite 722 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227771-3227818--46642-3266218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
722 den, ein höheres Amt erlangt hat, und ist dies seit 1878 immer weniger möglich geworden. Was daher in obigem Artikel über die völlige Gleichberechtigung der Juden und die Confessionslosigkeit der höchsten Reichsämter gesagt worden, hat mehr theoretisch als practisch seine Richtigkeit. Ja, die antisemitische Strömung hat sich sogar auch gegen die getauften Juden gewandt und scheint deren Beförderung zu höheren Staatsämtern wenigstens zeitweise fraglich zu sein. Wir hätten so seit dem Gesetze von 1869 auf dem hier besprochenen Gebiete zwei Etappen zu verzeichnen, die eine bis 1878, wo auf die Abstammung der getauften Juden keine Rücksicht stattfand, von da ab die zweite, wo auch die jüdische Abstammung ein Hinderniß schafft. Es wird also der weiteren Entwickelung angehören, den von dem Verfasser des Artikels gerühmten Standpunkt auch hinsichtlich der Juden in Deutschland zur Verwirklichung kommen zu lassen. Die Verfolgung in Dagdad. Eine alte Legende erzählt, daß der weise König Salomo noch lange Zeit nach seinem Tode, auf seinen Stab gestützt, aufrecht stand unb für lebend gehalten wurde, bis der Stab vermodert war und mit ihm plötzlich die Leiche zu einem Aschenhaufen zusammenbrach. Diese Legende paßt auf das türkische Reich, denn der „kranke Mann" ist vielmehr ein todter Mann, der nur noch den Schein des Lebens hat, und sein Stab ist die Rivalität der Großmächte über die Vertheilung der Erbschaft. Beweis hierfür sind die Vorgänge in Kreta, wo die zur Bewältigung der Aufständischen hingeschickten Regimenter meutern und neue hingeschickt werden müssen, um die eigenen empörten Soldaten zu fassen und zurück zu transportiren. Ein anderer Beweis liegt in der eben stattfindenden Verfolgung der Juden in Bagdad, wo der türkische Generalgouverneur an der Spitze derer steht, welche die getreuesten Unterthanen des Sultans mißhandeln, selbstverständlich, um ibnen den letzten Piaster auszupressen. Wir halten uns überzeugt, daß dies ganz gegen den Willen des Sultans .und der Centralregierung in Stambul geschieht. Aber was frägt ein Gouverneur in einer entfernten Provinz nach dem Willen des Sultans und seiner Bezire? Hat man jene Christenhetze in Damaskus veranstaltet, warum nicht auch eine Judenverfolgung in Bagdad? Letzteres ist noch weiter entfernt von Stambul als Damaskus. Ist somit das türkische Reich ohnmächtig gegen außen, so leidet es im Innern an Zersetzung und Auflösung. Bricht einmal jener Stab zusammen, so fällt das türkische Reich dem längst verdienten Schicksal anheim. Uebrigens haben auch die europäischen Mächte ein Interesse daran, den mohamedanischen Fanatismus Schranken zu setzen, denn was heute gegen die Juden geschieht, wird morgen sich gegen die Christen aufi machen.! Wir haben (s. unten) einen kurzen Bericht über die z scheußlichen Vorgänge in Bagdad gegeben. Das Nähere geht laus einer Correspondenz aus Wien hervor, die folgender-! maßen lautet: | „Ein vom 7. Oetober datirter Brief, welchen ein in! Bagdad ansässiger Rabbiner an einen hier lebenden Lehrer der! orientalischen Sprache gerichtet hat, schildert in rührend eini facher Weise die beispiellosen Drangsale und Verfolgungen,! welchen die Angehörigen der Bagdader Judengemeinde seitens! der türkischen Behörden und der muselmanischen Bevölkerung! ausgesetzt sind. Der Hilferuf aus dem alten Babylon lautet in seinen wesendlichsten Stellen wie folgt: i „In den Sommermonaten grassirte hier, wie das wohl! auch im Abendlande bekannt geworden sein dürfte, die Cho-! lera. Wir flüchteten vor der verheerenden Seuche ins Freie, I wo wir viel von Dieben und anderem Gesindel auszustehen! hatten. Als die Epidemie nachließ und wir in die Stadt! zurückkehrten, traf uns ein anderes Unglück. Der Rabbiner j Apala Somekh starb. Nachdem es uns verwehrt war, unsere! Todten auf dem gewöhnlichen Leichenorte zu begraben, erbaten wir uns vom Gouverneur Mustafa Asim Pascha die Erlaubniß, unfern berühmten Todten iu der Nähe des Grabes des Propheten Joschuah ben Jehosadak Hakohen, welches unweit des rechten Ufers des Tigris liegt und ein bedeutender Wallfahrtsort für die hiesige Judengemeinde ist, zu beerdigen. Als wir nun die theure Leiche bestatten wollten, erschien der Vorstand des unweit der Grabstätte liegenden Ortes und wollte unser Vorhaben hindern. Wir zeigten die schriftliche Erlaubniß, doch nichts fruchtete, der Vorstand mit seinen Leuten drangen mit Schwertern bewaffnet auf uns ein und verwundeten einige unserer Leute. Wir wehrten uns und es gelang uns auch, die Angreifer in die Flucht zu schlagen und den Leichnam des Rabbi zu beerdigen. Des andern Morgens gingen wir zum Gouverneur, um gegen diese Gewaltthat Klage zu führen. Wir hofften, daß uns unser Recht werde, doch wir täuschten uns. Nicht nur, daß der Pascha sich unserer nicht annahm, er ergriff sogar Partei für jenen Ortsvorstand, welcher behauptete, daß die genannte heilige Stätte nicht das Grab des erwähnten Propheten, sondern des Jehoschuah ben Nun wäre, der auch Prophet der Jsmaeliten ist. Alle unsere Einreden und auch der Einwand, daß die Judengemeinde seit Jahren diese Grabstätte im guten Zustande erhalte, halfen nichts. Der Vorstand verleumdete uns, als ob wir seine Leute angegriffen hätten, während wir doch nur unser gutes Recht vertheidigt hatten. So nahm dann der Pascha die Rabbinen und Vorsteher der jüdischen Gemeinde gefangen, ließ sie in