Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1889)
- Date
- 1889-11-14
- Page
- Seite 720 (sequence 4)
- Language
- German
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720 die Schule eingeräumt wird, Männer, die der Regierung in ihrem Verhältniß zu auswärtigen Mächten schwere Verlegenheiten bereiteten, indem sie die Frage der weltlichen Macht! des Papstes in den Vordergrund rückten, während die öfterj reichische Regierung wegen des Bündnisses mit Italien und z noch mehr um die Unterstützung der Jrredentisten durch biej italienische Regierung nicht herauszufordern, Grund hat bie Empfindlichkeit des Quirinals zu schonen. Da bei den großen Massen die Ehrlichkeit des Politikers nach seiner Einseitig-; feit gemessen wird, mußten die excessiven Elemente unter den; Abgeordneten, welche die sofortige Wiederherstellung des nackten Mittelalters verlangten, immer größere Beliebtheit im Volke erringen und diejenigen, welche mit Rücksicht auf die thatsächlicheu Verhältnisse zur Mäßigung mahnten, waren in Gefahr, als Berräther von ihren eigenen Gesinnungsgenossen; int Stich gelassen zu werden, wenn sie nicht wenigstens eilte | Strecke mit dem Strome schwimmen wollten. Bereits im! vorigen Jahre war ein Katholikentag geplant, doch konnte damals noch der hohe Klerus und die Aristokratie die wilden j Elemente, welche nur durch Verbrennung der Juden, Wiederherstellung der kirchlichen Gerichtsbarkeit und ähnliche Kleinigkeiten zu befriedigen waren, beschwichtigen. In diesem: Jahre ging es nicht mehr. Man mußte die ungestümen Forderungen nach Wiederherstellung des Kirchenstaates, nach völliger Auslieferung der Schule in die Hand der Kirche, kurz nach alledem, was man die unveräußerlichen Rechte der Kirche nennt, laut aussprechen lassen und die natürliche Folge war, daß der Regierung Verlegenheiten erwuchsen, durch die sie genöthigt war, gegen die Ultramoutanen Stel- . lang zu nehmen. Am meisten waren die böhmischen Landtagswahlen ani diesem Umschwung der Verhältnisse Schuld. Im böhmischen Landtage, welchem die Deutschen ihre Mitwirkung versagen, hatten bisher die eonservativen Alt-Czechen die Majorität. Diese, in nationaler und staatsrechtlicher Beziehung gemäßigten Elemente haben den Klerus und Feudal-Adel auf ihrer Seite, während die Jung-Czechen durch ihre Forderung nach einer vollkommenen, staatsrechtlichen Trennung Böhmens, für welches sie eine Stellung wie die Ungarns beanspruchen, ferner durch ihre in allen politischen Fragen liberale Anschauung, sowohl die Regierung als die Feudalen und Klerikalen zu Gegnern haben. Nun hatten die letzten Wahlen zu Gunsten der Jung-Czechen entschieden, das mußte die Regierung besorgt machen und war den Alt-Czechen ein deutlicher Wink, daß sie sich von ihrer, im Interesse des Föderalismus gehegten Freundschaft mit den Klerikalen los machen.mußten, wenn sie nicht weiter an Boden verlieren und ganz besonders, wenn sie nicht bei den in zwei Jahren bevorstehenden Reichsrathswahten weitere Verluste erleiden wollten. Diese Erwägung veranlaßte sie, ihre Mithilfe dem Zustandekommen der eoufessionellen Schule zu versagen und das hatte den weiteren Erfolg, daß Fürst Liechtenstein, welcher die Verwirklichung seines Ideals in weite Ferne gerückt sah, vom politischen Platz abtrat. Wiederholt habe ich hier schon meine Ansicht ausgesprochen, daß es nicht die confessionelle Schule ist, welche dem Judeuthum Schaden bringen könnte, ja daß wir im Gegentheil, wenn sie bestände, ebenso gut damit auskämen, wie es im größten Theile Deutschlands und in den ezechischen Gegenden Böhmens der Fall ist. Die Gefahr liegt aber in dem Umstande, daß auf einem Umwege wieder ein Theil der Gleichberechtigung wegescamotirt würde, wie dies auf dem Gebiete der Schulgesetzgebuug durch die Novelle von 1883 schon geschehen ist und auf dem Gebiete der Justizpflege durch den Antrag jede Partei durch einen Richter ihrer Confession zu beeidigen, versucht wurde. So mußten entlegene Ursachen, wie die unvorsichtige Aeußerung eines Abgeordneten und der Wahlsieg der Jung- Czechen die Logik Mordechai's beweisen, daß Hilfe und Rettung den Juden ersteht von ungeahnter Seite und uns lehren die ewige Wahrheit des Propheteuwortes: „Wenn es Abend werden soll, dann wird es tagen." Bonn, 10. Nov. Aus dem deutschen Reiche. Wir haben Nationen, in deren staatlicher Verfassung, wenn sie einmal gewisse Grundprincipien angenommen, diese unentwegt bewahrt und irgend einer Veränderung gar nicht ausgesetzt werden. Anders sind wieder Nationen geartet, welche nur erst nach vielfachen Erschütterungen ihre staatlichen Principien verändern und dann einer längeren Zeit bedürfen, um die Rückstöße nach den alten Zuständen allmählich zu überwinden. Zu diesen letzteren gehört die deutsche Nation, und deshalb ist die Geschichte ihrer Entwickelung von großer Wichtigkeit und für das nationale Leben von entschiedener Einwirkung. Im Jahre 1843 feierten wir den tausendjährigen Bestand des deutschen Reiches *). Damals war aber das römische Kaiserreich deutscher Nation nicht mehr vorhanden. Dreißig Jahre später wurde das deutsche Reich in seiner jetzigen Gestalt gegründet. Aber der Uebergang von jenem alten bis zum neuen Reiche geschah erst durch eine Mittelphase, den deutschen Bundestag, der weder das alte noch das neue Reich war eine Zwischenstufe, welche ) Es siel diese Jubelseier ans den 6. Aug. 1843, und dieser Tag war gerade Tischea Beab. So war es eine eigenthümliche Aufgabe für die Predigt, beide Momente vereinigt zu behandeln. Unsere desfallsige Predigt erschien im Druck. (Magdeburg', Falckenberg 1843.)