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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-14 · Heft 46 (14.11.1889) · p. Seite 719

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 46 (14.11.1889)
Date
1889-11-14
Page
Seite 719 (sequence 3)
Language
German
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719 Unser Gottesreich vollendet sich freilich nicht in einem bestimmten Zeitpunkt der Zukunft, wie uns die jüdische Grundanschauung stets davor bewahrt hat, daß wir es in einer Thatsache der Vergangenheit gekommen glaubten; aber trotzdem sehen wir dieses Gottesreich kommen, werden und wachsen und, wenn es der Abend mit seinen Nebeln zu verhüllen droht, dann gerade wird es in neuem, Hellem Lichte uns gezeigt. In unserem Oesterreich schien es Nacht werden zu wollen. Das überspannte, deutsche Nationalgefühl begann zuerst das Judenthum als einen in den Leib des deutschen Volkes eingedrungenen Fremdkörper auszuschreien ohne Rücksicht darauf, daß die Mehrzahl der Juden in Böhmen, Mähren und Galizien durch ihre deutschen Schulen das Deutschthum vor völligem Aufgehen in dem Slaventhum schützten, ohne Rücksicht darauf, daß mancher deutsche Wahlsieg in gemischtsprachigen Gegenden nur der Mithilfe der Juden zu verdanken war, auch ohne Rücksicht darauf, daß diese Urgermanen nicht ausnahmslos im Stande waren, eine germanische Ahnenprobe zu bestehen, daß sie aber ausnahmslos das Geld der Juden nicht nach dem Stammbaum fragten. Freudig begrüßten die Klerikalen „das wiedererwachte, christliche Bewußtsein," während eine große Anzahl von Leuten, denen es bis dahin nicht gelungen war, innerhalb der herrschenden, lieberalen Partei zur Geltung zu kommen, mit Wonne die Gelegenheit wahrnahm, durch unfläthiges Geschimpfe über die Juden, die Gunst des süßen Pöbels zu gewinnen. So entstand die antisemitische Bewegung, welche auf Umwegen durch Schul-, Gewerbe- und Agrargesetze, sowie durch ihren Druck auf die Berwaltungsbehörden im öffentlichen Leben Erfolge errang, welche die Massen dazu verleiteten, in ihrer etwas derberen Weise durch Plünderung jüdischer Kaufläden die Lehre von der christlichen Liebe nach P. Eichhorn ins practische zu übersetzen. Mächtig geworden, konnte die antisemitische Partei sich bereits in eine klerikale und eine nationale scheiden, die einander in ihrer gewohnten, unsauberen Art bekämpften und von denen jede die andere als Mittel für ihre Zwecke auszunützen hoffte. Der Höhepunkt der Bewegung aber scheint mit den in Folge der Strike der Pferdebahnbediensteten begangenen Excessen erreicht, freilich ein Erfolg, den noch vor zehn Jahren in Wien Niemand hätte prophezeihen dürfen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, daß man an seinem Verstände gezweifelt hätte. Die wachsende Volksgunst aber hatte die nationalen, der steigende Einfluß auf die Regierung und die anderen Reichsrathsparteien hatte die klerikalen Anti semiten über ihre Kräfte getäuscht. Die nationalen Antisemiten haben einen in seiner Tragweite nicht genügend überlegten Vorstoß gewagt, als sie den Abgeordneten Fiegl aus dem deutsch-nationalen Vereine ausschlossen, weil er im Abgeordnetenhause sich dagegen verwahrt hatte, daß die Worte seines Collegen Türk: „Gott möge Deutschland davor bewahren, auf Oesterreichs Hilfe angewiesen zu sein", als Ausdruck der Gesinnung des Verbandes der Deutsch-Nationalen betrachtet würden. Dieses Verfahren, welches einer Billigung der in Türks Worten ausgesprochenen Verachtung des eigenen Vaterlandes gleichkommt, konnte die Regierung nicht ruhig mit ansehen, sie löste den deutsch-nationalen Verein auf und faßte endlich den Muth, die wüste antisemitische Agitation ausdrücklich als einen Grund der Auflösung zu bezeichnen. Allerdings wäre dieser Grund schon lange vorhanden gewesen und es giebt wohl gar keine Classe von Staatsbürgern, gegen welche man ungestraft solche Rede- Excesse verüben dürste, wie sie in den Versammlungen dieses Vereins geduldet wurden, aber bei dem geringen Grade von Wohlwollen, welchem das Judenthum heute begegnet, muß es dankbar anerkannt werden, wenn die Staatsregieruug einmal die Gelegenheit ergreift, um unzweideutig auszusprechen, daß auch die Juden unter dem Schutze des Gesetzes stehen. Dieser Niederlage des nationalen ist bald eine Niederlage des klerikalen Antisemitismus gefolgt, welche um so schmählicher ist, als sie nicht durch die Brachialgewalt, — wie die Kirche in ihrem selbstbewußten Stolze die zum Schutze des Gesetzes unternommenen Schritte der staatlichen Organe nennt — sondern durch die mit geschichtlicher Nothwendigkeit sich vollziehende innere Desorganisation der Ultramontanen erfolgte. Fürst Alois Liechtenstein, derselbe, welcher dem Wiener Katholikentag durch eine antisemitische Brandrede höhere Würde verlieh, er, der Urheber des in dieser Zeitung viel besprochenen Antrages auf Confessionalisirung der Volksschule, hat zuerst seine Stelle als Obmann des Centrumelubs im Reichsrathe und dann sein Abgeordnetenmandat nieder, gelegt. Als Grund wurde wohl von der bösen Welt ein Verhältniß des Prinzen zu einer von ihrem Gatten geschiedenen Frau angegeben, doch unterliegt es feinem Zweifel, daß ein Mann von solchen Verdiensten um die Kirche, wie Fürst Liechtenstein, auch die kirchliche Lösung der Ehe durchsetzen könnte. Viel natürlicher läßt sich die Frage nach dem Grunde dieser Verzichtleistung auf die politische Laufbahn daraus erklären, daß die Siegesgewißheit, mit welcher der Fürst seiner Zeit verkündet hatte, er könne mit der Uhr in der Hand den Zeitpunkt Vorhersagen, an welchem die eonfessionelle Schule Gesetz werden müsse, durch die neuesten Ereignisse sehr gedämpft wurde. Zunächst bildete sich auch in der klerikalen Partei eine Fraction,der schärferen Tonart aus, die ganz im Gegensatz zur kirchlichen Praxis den kleinen Finger verschmähte, wenn sie die ganze Hand nicht bekommen könne, Männer, die selbst den Schulantrag des Fürsten Liechtenstein als zu zahm bezeichneten, weil darin dem Staate das Mitaufsichtsrecht über 46*

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