Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-14 · Heft 46 (14.11.1889) · p. Seite 718

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 46 (14.11.1889)
Date
1889-11-14
Page
Seite 718 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227771-3227818--46638-3266214
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

713 Sie dichteten dem Universum an, was ihnen selbst nur anhastet, und glauben, mit lächerlicher Prätension, daß die ganze Welt um ihretwillen da, folglich schlecht sei, wenn sie etwas als schlecht empfinden. Alle Uebel, die für den Menschen vorhanden sind, können nur aus drei Ursachen entstehen, theils nämlich aus der Nothwendigkeit der Vergänglichkeit alles Körper lichen, nothwendig, weil aus der allmäligen Zersetzung des Körperlichen immer neue Wesen sich entwickeln, also die Schöpfung eine mannigfaltige und dauernde sei, theils aus den Nebeln, welche die Menschen einander aus ihren Leidenschaften heraus zufügen, theils aus der Unmäßigkeit und den Lastern, welchen das Individuum sich ergiebt. Diese Uebel haben also keineswegs ihren Ursprung in Gott, der vielmehr die Welt und alle Wesen in Weisheit und Liebe geschaffen, erhält und regiert. Wie man nun auch diese Demonstrationen des jüdischen Philosophen beurtheilen mag, es geht doch aus ihnen die opportunistische Anschauung desselben hervor, die er auch im weiteren Verlaufe seines Symstems festhält. Und diese Anschauung finden wir bei allen Denkern, die auf dem Boden des Judenthums ihre Ideen entwickelten. — Es war natürlich, daß auf diese Weise in den Inden auch prak-! tisch der Opportunismus sich geltend machte und ihr Thun und Lassen bestimmte. Dies bewährten sie in ihrer Gesammthcit. So oft und hart sie auch zurückgeschleudert wurden, sie Hütten nicht auf nach besseren Zuständen zu ringen und auf sie zu hoffen; so oft ihre Synagogen niedergerissen oder verbrannt, ihre Friedhöfe verwüstet wurden, hatten sie irgendwo, wenn auch nur vorübergehend, festen Fuß wieder gefaßt, stellten sie neue Betstätten und neue Gottesäcker her; sie wurden nicht müde, den Mächtigen der Erde, großen wie kleinen, günstigere Bedingungen abzuringen, mußten sie sich auch hierbei der größten Bescheidenheit und Aufopferung befleißigen. Die Wurzel dieses thatkräftigen Opportunismus war das unbedingte, unerschütterliche Gottvertrauen. Traten ihnen doch, wenn sie ihr Gebetbuch oder ihre h. Schriften öffneten, auf jeder Seite die Worte der Propheten und Sänger und der Weisen entgegen, welche denen Heil verheißen, die aus Gott vertrauen, die Gottes harren; wurde ihnen doch immer die Lehre wiederholt, daß Gott Alles fügt und schickt, daß bei ihm Hilfe und Rettung sei, daß auch seine Züchtigung nur unser Wohl bezweckt, daß Alles „zum Besten" sei. Diese Gesinnung lebte auch in jedem einzelnen Juden, erfüllte und trug ihn in allen Lagen. Dadurch blieb er vor aller Verzweiflung bewahrt und nur höchst selten kam eine solche bei ihm zum Durchbruch. Der Verjagte sah sich nach einer neuen Zufluchtsstätte um; der herabgekommene Reiche griff wieder zum Kleinkram und nahm den Hausirpack auf seine Schultern. Schaffte er doch für Frau und Kinder, für Eltern und Geschwister, und was er errang, kam diesen zugute; konnte er diesen die Bedürfnisse des Lebens sei es auch kümmerlich befriedigen, so war er zufrieden. Konnte er doch immerhin auf die Unterstützung seiner Glaubensbrüder rechnen, die ihn niemals ganz verlassen würden. Dem Hohne der Außenwelt aber stellte er das Selbstbewußtsein entgegen, das ihm die Hoffnungen seines Glaubens nährten, daß er sich trotz allem noch immer als ein Glied des „auserwählten Volkes", der nach biblischem Ausdruck erstgeborenen Nation fühlte. — Dies ist der dem jüdischen Stamme, einwohnende Opportunismus. Wenn es in unsrer Zeit vielfach anders geworden und auch von Juden Akte der Verzweiflung vollzogen werden, so ist dies bei denen der Fall, die sich vom Judenthume entfernt haben, und theils von den weltlichen Begierden, theils von dem weit verbreiteten, unter der Maske der Freigeisterei und Wissenschaftlichkeit grassirenden Unglauben verleitet, die Lehren ihrer Religion und das Vorbild ihrer Väter vergessen haben und verschmähen. Wir aber wollen solche Wege nicht beschreiten und uns die glückliche Veranlagung zur opportunistischen Anschauung und Gesinnung bewahren. Es ist an uns, immer wieder über die wirklichen Verhältnisse und Geschicke, wie sie sich düster und dunkel uns darbieten, hinwegzuschauen, mit klaren Augen den Werth und Unwerth der Dinge zu betrachten, die wahren Güter des Lebens zu erkennen und voranzustellen, und vor Allem jenes Gottvertrauen in uns zu stärken, welches uns stets wieder neue Aussichten, Muth und Kraft gewährt. Nur dann sind wir die echten Erben unsrer Ahnen auch in der neuen Geisteswelt, der wir jetzt angehören, in deren Mitte wir stehen! Brünn, im Oetober 1889. politische Hriefe aus Oesterreich. Von Dr. G. Deutsch. Der Prophet Secharjah sagt in seiner herrlichen Schilderung des künftigen Gottesreichs die tiefsinnigen Worte: Wenn es Abend werden soll, dann wird es tagen" (14. 7). Gebildete Juden glauben heute freilich nicht mehr, daß thalsächlich einmal Patagonier und Kamtschadalen, Kaffern und Irokesen das Hüttenfest in Jerusalem feiern werden (ib. 16), indem sie mit Ethrog und Lulab in den Händen den Altar umziehen werden, sie glauben ebensowenig, daß einst der Oelberg sich wirklich in zwei Hälften spalten werde, welche durch ein breites Thal geschieden werden sollen (ib. 4), aber gerade dadurch, daß sie einer freieren Auffassung Raum geben und das, was der Prophet als Bild ausgesprochen hat, auch als Bild fassen, wird ihnen die ewige Bedeutung des Prophetenwortes klar. Wenn die bangen Schatten des Abends den baldigen Einbruch völliger Nacht zu verkünden scheinen, dann wird es wieder hell werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.