Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1889)
- Date
- 1889-11-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Durch Buchhandel oder Post bezogen Preis Vierteljahr!. 3 M., direct von der Expedition in Leipzig unter Streifband 3,80 M. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Khilippson in Lonu. Expedition: Leipzig, Kospitakstraße 2. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 Md sind gleichfalls an letztere einzusenden. 53. Jahrgang. Leipzig, den 14. November 1889. Nr. 46. Inhalt. Leitende Artikel: Eine Betrachtung. — Politische Briefe aus Oesterreich. — Aus dem deutschen Reiche. --- Die Verfolgung in Bagdad.— Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bad Nauheim. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Budapest. Preßburg, S.-A.-Ujhely. — Frankreich: Paris. — Italien: Florenz. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Der Humor im Midrasch. — Das israelitische Siechenhaus (Altersversorgungsanstalt) in Pest. €X tfafief. Bonn, 10. November. Eine Betrachtung. Man schreibt dem Judenthume und den Juden als einen wesentlichen Charakterzug den Opportunismus zu. Wäre dies richtig, so würde es ein glänzendes Zeugniß abgeben, daß die Menschenseele befähigt ist, sich über sich selbst, über die wirklichen Verhältnisse und Geschicke zu einer lichteren Höhe zu erheben. Denn Judenthum und Judenheit hatten eine tausendjährige Leidensgeschichte; sie waren und sind die meist geschmähten, meist verleumdeten, meist verfolgten unter allen geschichtlichen Erscheinungen; die Grausamkeiten, die man dauernd gegen sie übte, bestanden nicht blos in Schwert und Brand, sondern man suchte in ihnen jede Geistesblüthe zu knicken, jedes Aufstreben zu hindern, jedes Selbstbewußtsein zu erniedrigen, jede Lebensfreude zu ersticken. Und dennoch haben sie sich den Opportunismus bewahrt, und dies ist das Zeugniß, welches sie mitten im schroffsten Gegensatz für die Befähigung der menschlichen Seele ablegten. Was ist Opportunismus? Diejenige Geistesrichtung, welche in Gegenwart und Zukunft stets das Günstige, das Bortheilhafte, das Zufriedenstellende herauszufinden und damit das lieble, das Nachtheilige, selbst das Bedrohliche und Gefährliche zu überdecken weiß. Der Opportunismus gleicht der Sonne, welche selbst die schwarzen Gegenstände mit ihren goldenen Strahlen überstreut und sie schimmern und leuchten macht. Dieser ist es, welcher auch in den trübsten Verhältnissen Zuversicht und Mulh, Kraft und Lebensfreude gewährt, den Kampf mit den Widerwärtigkeiten nicht aufgiebt und niemals die Hände ermattet sinken läßt. Und in der That, dieser Opportunismus ist theoretisch und praktisch dem Judenthum und der Judenheit stets eigen gewesen. Das Judenthum erklärte auf der ersten Seite seiner heiligen Urkunden, daß die Welt, das Schöpfungswerk Gottes, die beste fei.1) Es feiert in seinen Lehren und Hymnen Gott als den Allgütigen und Allbarmherzigen, dessen Fürsorge sich über alle Wesen erstreckt, dessen Barmherzigkeit unbegrenzt ist, und schließt daraus, daß Alles, was von Gott kommt, gut ist,-) und also etwas Böses, Uebles nicht von ihm ausgehen könne. Dieselbe Ueberzeugnng finden wir auch bei den jüdischen Religionsphilosophen. Maimonides demonstrirt im 3. Buche seines Moreh Kap. 10 ff., daß jedes Uebel nur in einem Mangel des Gegentheils besteht, also nur dem Individuum anhaftet und nichts Universelles an sich habe. Diejenigen, meint er, welche behaupt teil, daß des Uebels mehr in der Welt sei als des Guten, daß „es gleichsam ein Wunder sei, wenn sich in einem Zeit alter etwas Gutes ereigne, während seine Uebel viel und unaufhörlich sind", lebten in einem bedauerlichen Wahne. 1) Es ist charakteristisch, daß die 1. Mos. l, 52 von der Well gebrauchten Worte 2'ü nach Bercschith Rabba Abschn. 9 (7,:;). R. Melc durch eine Assonanz von Meod und Moth (Tod) ans legte: „Auch der Tod ist gut", da er zum jenseitigen Leben führt. 2) So sagte R. Chananja (Beresch. Rabba, Abschn. 51, Fol. 45,4): nSyDta yn yx „nichts Uebles kommt von oben (Gon)".