Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1889)
- Date
- 1889-11-07
- Page
- Seite 713 (sequence 13)
- Language
- German
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713 errichten und hat sich dadurch den bleibenden Dank der armen Kinder erworben. So viel uns bekannt, ist die Stiftung eines Privaten in Kischineff das erste Beispiel in der dortigen Gemeinde. Wir wünschen vom Herzen, daß dieses schöne Beispiel bei den dortigen Reichen in Israel Nachahmung finden möge. L. T. Rumänien. Constantsa, 30. Sept. (Nach den Arch. isr.) Constantsa ist die Hauptstadt der Dobrudscha, dieser von den Türken 1878 an Rumänien abgetretenen Provinz. Sie ist am Schwarzen Meere gelegen und deshalb eine aufblühende Handelsstadt, bewohnt von Christen, Juden und Muselmännern. Hier soll eine Brücke über die Donau geschlagen werden, und der König Karl besuchte jüngst diesen Ort, um den Platz zu bestimmen, an welchem die Brücke gebaut werden soll. Die israelitische Gemeinde der Stadt zählt ungefähr 100 Familien, größtentheils Sephardim, dann aber auch zugezogene Aschkenasim. Am 22. d. M. kam Karl I. und der voraussichtliche Thronerbe Prinz Ferdinand von Hohenzollern hier an und wurde enthusiastisch empfangen. Die verschiedenen Nationalitäten waren von der Stadtbehörde eingeladen, sich vor dem Bahnhofe aufzustellen. Die israelitische Gemeinde betheiligte sich hierbei lebhaft und ihr Vorsteher las einen für diesen Zweck abgefaßten warmen Glückwunsch und Segensspruch in hebräischer und rumänischer Sprache ab, wofür der König der Deputation aufs Herzlichste dankte. Am 23. Sept. 11 Uhr Morgens besuchten der König und der Prinz die Synagoge, welche mit reichen Stoffen prächtig ausgeschmückt war. Nach einer trefflichen Ansprache des Vorstehers Buju, einem gut executirten Dankgottesdienst drückte der König seine hohe Befriedigung und seinen lebhaften Dank aus. Vor der Synagoge war ein schöner Pavillon errichtet und hier verweilte der König, indem er sich über die öconomische und intellectuelle Lage der Mitglieder der isr. Gemeinde unterrichten ließ. Er fragte auch, ob die Gemeinde Confessionsschulen besäße, worauf man mit der Thatsache antwortete, daß alle israelitischen Kinder die öffentlichen Staatsschulen besuchen. Dies ist richtig, aber nebenbei ist zu bemerken, daß die Gemeinde nicht im Geringsten für den Religionsunterricht sorgt, so daß die Jugend ohne alle Kenntniß ihrer Religion aufwächst. Am selben Tage fand ein Galadiner im kön. Schlosse statt. Die Notabilitäten aller Confessionen waren eingeladen, die Muselmänner und die Juden! ausgenommen. Man erklärte dies mit dem Grunde, daß die j Muselmänner und Juden von den von Christen bereiteten! Speisen nicht äßen. Seine Majestät verlangte, daß man! ihm eine Liste der Verurl heilten überreichen solle, welche der ' Begnadigung Werth seien, was sofort geschah, und die Liste umfaßte Personen aller Nationalitäten, die Juden ausgenommen. Der König drückte sein Erstaunen aus, daß man keinen Juden seiner Gnade empfehle. „Sire," erwiderte der Minister, „in den Gefängnissen der Dobrudscha giebt es keine jüdischen Verurtheilten, nicht einmal Gefangene in Untersuchungshaft." Jechiel. Großbritannien. London, 21. October. Unter der jüdischen Arbeiterbevölkerung im Ostende Londons findet eine Agitation statt, welche auf eine Verkürzung der Arbeitszeit abzielt und mit einem allgemeinen Strike zu enden droht, falls die Meister nicht nachgeben. Es sind hauptsächlich Schuster, Uhrmacher, Hutmacher, Pelzarbeiter, Drechsler und Bäcker. Diese letzteren haben einen Zweigverein des großen Londoner Gewerkevereins der Bäckergesellen gebildet und werden mit diesen am 9. November striken, falls der zehnstündige Arbeitstag nicht gewährt wird. Es ist ein Gewerkerath aller jüdischen Arbeiter im Ostende gegründet worden, in dem alle Gewerke vertreten sein werden. Thatsächlich fand diese Gründung vor dem Strike der Schneider statt, und die Bereinigung aller Gewerbe hat durch den erfolgreichen Ausgang dieses Ausstandes neues Leben erhalten. Herr Winsberg ist Präsident, Herr Weeß Schriftführer. Lord Rothschild wird Ende der Woche in der Toynbee-Halle, wo sich der jüdische Gewerkerath constituiren wird, den Vorsitz führen. Nach Constitnirung des Vereins tritt eine Regel in Kraft, daß nur solche Arbeiter als Mitglieder aufgenommen werden, welche sich über den Besitz einer gewissen Befähigung in einem Gewerke ausweisen können. Durch diese Vorschrift soll die Einwanderung ungeübter Arbeiter beschränkt werden. (Ueati possidentes! Wer hat bie geprüft, die jetzt prüfen wollen? Man hat die Erfahrung oft schon gemacht: die einmal da sind, wollen nicht, daß noch mehr kommen, und versagen das Rettungsmittel, durch das sie sich gerettet haben!) Südamerika. Aus der Argentinischen Republik, im October. Wir haben in unserer Zeitung die entgegenkommenden Aufforderungen und Maßnahmen der Argentinischen Regierung berichtet, um die jüdisch-russisch-polnische Emigration nach ihrem Lande zu ziehen, theilten in vor. Nummer aber die Bedenken mit, welche durch eine Mittheilung im jüngsten Monatshefte der Alliance isr. univ. über die Behandlung dieser Emigranten ausgesprochen wurden. Die Unparteilichkeit erfordert es, nach dem Jewish Chronicle und einer Wiener Korrespondenz der Times einen ganz anders lautenden Bericht wiederzugeben. Wir müssen abwarten, bis authentische Berichte das wahre Verhältniß ans Licht bringen. In dieser Corre» spondenz der Times heißt es: „Die Regierung der Argen-