Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1889)
- Date
- 1889-11-07
- Page
- Seite 712 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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712 Wir bemerken noch, seit 1808, das ist, seitdem der isr. Cultus unter Obhut des Staates ist, hat es in Frankreich folgende acht Grand-Rabbins gegeben: Im Jahre 1808 gab es drei Großrabbincr, Zintzheim, Chevalier Cologna nnd Segrd; 1810: Emmanuel Deutz; 1847: Marchand Ennery; 1853: Ulmann; 1866: Isidor. Rußland. Petersburg, 18. October. Originelle Dinge geschehen doch in dem modernen, von dem intoleranten Geiste Pobedonoszews erfüllten Rußland. Nach den bestehenden Vorschriften dürfen in den ministeriellen Lehranstalten, in den Mittelschulen sowohl als Universitäten und Instituten, nicht mehr als 3 Procent jüdischer Jünglinge und Studirender sein. In Folge dessen sehen sich, namentlich in den Mittelschulen, die Direetoren beständig gezwungen, nicht wenige Kinder jüdischer Eltern zurückznweisen. So war es kürzlich auch in einem Gymnasium in Kiew geschehen, worauf jedoch die Eltern eines der zurückgewiesenen Knaben zum griechischorthodoxen Priester gingen und ihn in die russische Kirche aufnehmen ließen. Nun wurde der Knabe auch im Gymnasium ausgenommen, aber gleichzeitig fand der pädagogische Conseil des Gymnasiums es für nöthig, offieiell die Frage anzuregen, ob der Knabe, der zur russischen Kirche übergetreten, noch bei seinen jüdischen Eltern bleiben könne. Die Sache ist dem Minister vorgelegt worden, dessen Entscheidung noch aussteht, aber bei der jetzt herrschenden Richtung könnte, wie eine Meldung der „Münchener Allg. Ztg." sagt, die Frage leicht dahin entschieden werden, daß das Kind den Eltern fortzunehmen sei! Das sind die charakteristischen, vom System Pobedonoszem gezeitigten Früchte. (Der Fall, der bier erzählt worden, muß also noch ein vereinzelter sein, kann aber jüdischen Eltern zur Warnung dienen, wohin ihre religiöse Leichtfertigkeit führen werde!) Odessa, 20. Oct. (Privatmitth.) Heute wurde das von der hiesigen Gemeinde dem um dieselbe hochverdienten Rabbiner und Prediger Dr. Schwabacher s. A. errichtete Denkmal enthüllt. Gegen 2 Uhr Mittags versammelte sich ein überaus zahlreiches Publikum und dieser religiöse Act der Pietät der Gemeinde gegen ihren verdienten Seelsorger wurde in feierlicher Weise vollzogen. Nach dem Vortrage einiger passender Gesänge, sprach Rechtsanwalt Morgulies in russischer Sprache, worin er der Trauer um den Heimgang des trefflichen Mannes Worte lieh. Hierauf trat Herr Banquier Osias Chayes hervor und hielt eine längere Rede in deutscher Sprache, die wir als eine vorzügliche bezeichnen müssen. Redner schilderte in einer schönen, blumenreichen Sprache den Verewigten als Mensch, Prediger und Seelsorger der Gemeinde; besonders ausgezeichnet war die sehr gelungene Charakteristik des berühmten Kanzelredners, den wir das Glück halten, 27 Jahre kennen und schätzen zu lernen. — Das Denkmal selbst ist sehr schön und imposant; auf der Vorderseite sind folgende Worte angebracht: „Dem Rabbiner und Prediger Dr. phil. Simon Leon Schwabacher. Geb. den 12. September 1819, gestorben den 29. November 1888. Die dankbare israelitische Odessaer Gemeinde", und auf der andern Seite ist eine sehr paffende und sinnige Inschrift in hebräischer Sprache eingegraben. Mit dem Vortrage von „El Mole Rachmim" unseres bewährten, greisen Obercantors Blumenthal mit dem Chore, wurde die erhebende Feier geschlossen. Bevor wir unseren kurzen Bericht schließen, können wir nicht umhin, den Wunsch auszusprechen, Herr Chayes möge seine vortreffliche Rede dem Drucke übergeben, um sie einem größeren Leserkreise zugänglich zu machen. Möge der Geist der Eintracht und des Friedens in unserer Gemeinde herrschen, und möge das Gedächtniß an unseren unvergeßlichen, wackeren Dr. Schwabacher stets wach erhalten bleiben! L. T. Odessa, 25. Oct. (Privatmitth.) Den 23. ds. fand in Kischineff, dieser zahlreichen jüdischen Gemeinde, die Einweihung der Handwerkerabtheilung bei der dortigen Talmud-Thora in feierlicher Weise statt. Diese Abtheilung wurde auf Kosten des Banquiers Herrn Abraham Dinin zum Gedüchtniß seiner vereinigten Gattin Sophie Dinin errichtet. Zu dieser Feier erschienen Se. Excllenz der Gouverneur von Bessarabien General-Lieutenant Konstantinowitsch, der Director der Volksschulen Solowjew, der Bürgermeister Schmidt, die Doctoren Blumenfeld, Bernstein, Lewy, der Provinzialrabbiner Kotlowker, Banquier Dinin und viele Stadtverordnete. Nach dem Vortrage eines passenden Psalmes vom Cantor und Chore, wurde ein Trauergottesdienst für den in Gott ruhenden Kaiser Alexander II. wie für die Spender dieser Schule der Heimgegangenen Sophie Dinin, Golde Wiwodzew und dem gewesenen Rabbiner Blumenfeld abgehalten. Hierauf wurde das Gebet für das Heil des jetzt regierenden Kaisers Alexander III. und die kaiserl. Familie gesprochen. Zum Schluffe trug der Chor die Nationalhymne „Gott schütze den Kaiser!" in russischer Sprache vor. Nach Schluß des Gottesdienstes gratulirte der Gouverneur den Anwesenden zur Eröffnung der neuen Abtheilung für Handwerkerclassen. Dr. Blumenfeld hielt eine Ansprache, in welcher er die Geschichte der Entstehung der Talmud-Thora schilderte. Am Anfänge dieser Schule war keine Abtheilung für Handwerker; später im Laufe der Zeit wurde eine solche eingerichtet und zwar in den unteren Räumen des Hauptgebäudes, wo es den Kindern sehr unbequem war, zu arbeiten. Herr Dinin gab die nöthigen Mittel, um eine besondere Abtheilung zu